„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

David Hume über das Induktionsproblem

Ein enumerativer Induktionsschluss kann formal so dargestellt werden:

P1. Alle bisher beobachteten Fs waren Gs.
K1. Alle Fs sind Gs.

Beispiel:

P1. Alle bisherigen Mahlzeiten haben mich genährt.

K1. Alle Mahlzeiten nähren mich.

David Humes zentrale Frage lautet: Worauf beruhen solche Induktionsschlüsse auf Grundlage von Erfahrung? Das heißt durch was lassen sie sich rechtfertigen? 

“What is the foundation of all conclusions from experience?”
(EHU 4.2, S.113)

Laut Hume beruhen induktive Schlüsse auf unserer Annahme des Prinzips der Gleichförmigkeit der Natur. Dieses Prinzip umreißt er so:

“[The] principle, that instances, of which we have had no experience, must resemble those, of which we have had experience, and that the course of nature continues always uniformly the same.”

(Treatise 1.3.6, S.62)

Kurz: Wir sind gerechtfertigt, induktiv aus bislang Beobachtetem auf Unbeobachtetes zu schließen, weil wir unterstellen dürfen, dass Unbeobachtetes dem bislang Beobachteten (zumindest weitgehend) ähnlich ist (bzw. sein wird).

Der obenstehende induktive Schluss ist also nur dann gerechtfertigt, wenn wir PUA als zusätzliche Annahme (Prämisse P2) hinzufügen:

P1. Alle bisher beobachteten Fs waren Gs.
P2. Alle Fs sind (weitestgehend) so wie die bisher beobachteten Fs
K1. Alle Fs sind Gs.

Die Nachfolgefrage lautet offenbar: Lässt sich das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur rechtfertigen?

Hume verneint diese Frage. Zu dieser Einschätzung gelangt Hume, da sich das Prinzip weder (1.) unmittelbar rechtfertigen noch (2.) durch ein Argument begründen lässt.

1. Das Prinzip ist nicht direkt durch (a) Wahrnehmung oder (b) geistige Erkenntnis (intuition) unmittelbar begründbar.

1a. Auf der einen Seite können wir nicht durch Wahrnehmung feststellen, dass Unbeobachtetes dem Beobachteten wesentlich ähnlich ist (bzw. sein wird). Dafür müssten wir ja das wahrnehmen, was nicht wahrgenommen bzw. zukünftig ist!

1b. Auf der anderen Seite lässt sich das Prinzip auch nicht durch den Verstand begründen. Denn ist keine  unmittelbar einsichtige a priori Wahrheit wie z.B. "Alle Gegenstände im Universum sind mit sich selbst identisch" oder "2+2=4".

2Das Prinzip ist nicht durch ein Argument begründbar.

Es gibt nur zwei Arten von guten Argumenten – (a) demonstrative Beweise (d.h. deduktive Schlüsse) und (b) induktive Begründungen aus Erfahrung.

„All reasonings may be divided into two kinds, namely, demonstrative reasoning, or that concerning relations of ideas, and moral [or probable] reasoning, or that concerning matter of fact and existence.”
(EHU 4.II 115)

2a. Das PUA lässt sich nicht demonstrativ durch Deduktion begründen. Weil jede deduktive Folgerung notwendig wahr und ihre Negation dementsprechend ein Widerspruch ergeben muss. Aber das PUA ist keineswegs eine notwendige Wahrheit – wir können uns ohne Widerspruch sein Gegenteil vorstellen. Wir können uns beispielsweise vorstellen, dass alle bisher beobachteten Schwäne weiß und alle anderen Schwäne rosarotkariert sind.

“That there are no demonstrative arguments in the case seems evident; since it implies no contradiction that the course of nature may change (...).“

(EHU 4.II 115)

2b. Das PUA lässt sich aber auch nicht empirisch durch Induktion rechtfertigen. Denn jede induktive Rechtfertigung des Prinzips, das seinerseits wiederum die Induktion rechtfertigen soll, wäre zirkulär.

„But (...) all our experimental conclusions proceed upon the supposition that the future will be conformable to the past. To endeavour, therefore, the proof of this last supposition by probable arguments (...) must be evidently going in a circle (...).

(EHU 4.II 115)

Statue von David Hume
Statue von David Hume

Hume Fazit lautet demnach: Das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur ist nicht vernünftig begründbar!

1. Lösungsstrategien

1.1. die ‚argumentative Lösung’

Induktive Schlüsse lassen sich doch überzeugend rechtfertigen:

· Der praktische Erfolg der empirischen Wissenschaften zeigt, dass Induktion ein verlässliches Verfahren ist.
· Der evolutionäre Erfolg zeigt, dass Induktion ein verlässliches Verfahren ist.
· Wir können a priori beweisen oder zumindest wahrscheinlich machen, dass Induktion ein verlässliches Verfahren ist.

Einwand: Wenn die empirischen Wissenschaften induktiv vorgehen und Induktion kein verlässliches Verfahren ist, dann sind die empirischen Wissenschaften kein verlässliches Unternehmen. Ein Problem zu ignorieren lässt es nicht verschwinden!

1.2. Die ‚analytische Lösung’

Peter Strawson argumentiert, dass induktive Schlüsse nicht gerechtfertigt werden müssen, da selbige unsere paradigmatischen Instanzen vernünftiger Schlüsse sind. Denn Induktionsschlüsse bestimmen – zusammen mit den deduktiven Schlüssen – allererst die Standards von Rationalität, so dass man wohl andere Schlussweisen unter Bezugnahme auf sie rechtfertigen und rational begründen kann, nicht aber sie selbst als erste irreduzible Prinzipien rationalen Schlussfolgerns. Es gehört sozusagen zu unserem Begriff von Rechtfertigung, dass induktiv gewonnene Überzeugungen gerechtfertigt sind. (Vgl. Peter Strawsons: Introduction to Logical Theory. 1952.)

Einwand 1: So kann jede bescheuerte Schlussform von einer Gesellschaft akzeptiert werden, wenn sie bereits ihre Standards von Rationalität zählen.

Einwand 2:

„Dagegen ist einzuwenden, dass logische Schlussprinzipien ebenso wie induktive begründet werden können und begründet werden müssen, einfach deswegen, weil nicht jeder Schluss, der als ‘logisch’ oder ‘induktiv’ deklariert wird, auch logisch, bzw. induktiv gültig ist. Man muss also Kriterien haben für die Unterscheidung gültiger und nicht gültiger Schlussweisen. Mit diesen Kriterien kann man dann aber die gültigen Schlussweisen rechtfertigen.“ (pp. 192f.)

Einwand 3: Induktion ist nicht Teil unseres Konzeptes von Rationalität. Wir können uns eine rationale Gesellschaft vorstellen, die ohne Induktion auskommt.

1.3. Die ‚pragmatische Lösung’

Lösungsstrategie 1: Unsere alltägliche Praxis zeigt, dass Induktion ein verlässliches Verfahren ist. Mehr als Alltagsmaßstäbe brauchen wir nicht.

Dagegen Hume:

“In vain do you pretend to have learned the nature of bodies from your past experience. (...) [A]ll their effects and influence, may change, without any change in their sensible qualities. (...) What logic, what process of argument secures you against this supposition? My practice, you say, refutes my doubts. But you mistake the purport of my question. As an agent, I am quite satisfied in the point; but as a philosopher (...) I want to learn the foundation of this inference.” (E 4.II 117)

Lösungsstrategie 2: Entweder wir ziehen auf Grundlage von Beobachtung induktive Schlüsse oder wir raten. Dann gibt es vier Möglichkeiten:

Es ist also aus pragmatischen Gründen vernünftig Induktionsschlüsse zu ziehen. Und zwar egal, ob diese verlässlich sind oder nicht.

1.4. Die ‚regelzirkuläre Lösung’

Um zu zeigen, dass Induktion ein verlässliches Verfahren ist, muss man nur ein einziges Mal einen induktiven Schluss ziehen. Dies ist kein fataler Prämissenzirkel, sondern ein legitimer Regelzirkel. Dagegen: Auf diese Weise lassen sich genauso gut viele zumeist als irrational begriffene Begründungsweisen rechtfertigen.

1.5. Die ‚externalistische Lösung’

Humes Argument zeigt gar nicht das, worauf es ankommt.

Humes Argument zeigt: Das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur lässt sich nicht zirkelfrei begründen. 

Humes Argument zeigt nicht: Induktive Schlüsse sind de facto nicht verlässlich.

Zeigt Humes Argument, dass es irrational ist, sich auf induktive Schlüsse zu verlassen? Das hängt davon ab, ob für die Rationalität einer Schlussform de facto Verlässlichkeit hinreichend ist oder ob man epistemisch zeigen können muss, dass die Schlussform verlässlich ist (Vgl. Internalismus und Externalismus).

Literatur

David Hume [1739–40]: A Treatise of Human Nature, hrsg. von David F. Norton und Mary J. Norton, Oxford Philosophical Texts, Oxford: Oxford University Press 2000. zitiert: Treatise [Buch].[Teil].[Abschnitt] [Seite]

David Hume [1772]: An Enquiry Concerning Human Understanding, hrsg. von Tom L. Beauchamp, Oxford Philosophical Texts, Oxford: Oxford University Press 1999. zitiert: EHU [Abschnitt][.Teil] [Seite]

Siehe auch:

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 30 März 2019 19:47)

    Es gilt jedoch zu betonen: Hume bestreitet nicht, dass wir auf praktischer Ebene gar keine andere Wahl haben, als uns unentwegt und immerfort nicht demonstrativer Schlusspraktiken zu bedienen. Hume bestreitet aber in aller Klarheit, dass wir jemals imstande sein werden, dieses praktische Vertrauen objektiv zu begründen. Für Hume ist es eine psychologische Zufälligkeit, dass wir zu nicht demonstrativen Schlusspraktiken neigen – nicht mehr und nicht weniger.


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