„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Modaler Realismus

Der modale Realismus besagt, dass die Wahrmacher von Modallaussagen (Aussagen mit Modaloperatoren wie "möglich", "notwendig", etc.) Sachverhalte in möglichen Welten sind, die ebenso real existent sind wie die aktuale Welt.

Beispiel 1: "Es ist möglich, dass ich Physiker geworden wäre" ist wahr, genau dann wenn es mindestens eine mögliche Welt gibt, in der ich Physiker bin.

Beispiel 2: "Es ist notwendig, dass 2 + 2 = 4" ist notwendig wahr, genau dann wenn in allen möglichen Welten 2 + 2 = 4 ergibt.

Der wichtigste und bekannteste Vertreter eines modalen Realismus in der jüngeren systematischen Ontologie ist David Kellogg Lewis. Lewis definiert "mögliche Welt" als ein maximal verbundenes Objekt. Den Ausdruck "aktual" versteht er indexialisch, d.h. er referiert auf die Welt der jeweiligen Subjekts.

David Lewis vertritt eine Gegenstückstheorie, nach der modale Aussagen über Individuen durch Gegenstücke dieser Individuen in anderen möglichen Welten wahrgemacht werden. Die Aussage "Es ist möglich, dass ich Physiker geworden wäre" ist also wahr, wenn es mindestens eine mögliche Welt gibt, die der aktualen Welt relevant ähnlich ist und in der das Gegenstück von mir Physiker ist.

1. Einleitung

1.1. mathematischer Platonismus

Der mathematische Platonismus besagt, dass mathematische Entitäten wie Zahlen existent und abstrakte Entitäten sind. Eines der bekanntesten Argumente für diese Position ist das Argument der Unentbehrlichkeit:

P1. Mathematische Entitäten sind für unsere besten Theorien unverzichtbar.

P2. Wir sollten an die Existenz jener Entitäten glauben, die für unsere besten Theorien unverzichtbar sind (ontologische Verpflichtung).

K1. Wir sollten an die Existenz von mathematischen Entitäten glauben.

1.2. modaler Realismus

David Lewis Argument für den modalen Realismus hat dieselbe Struktur:

P1. Mögliche Welten sind für unsere besten Theorien unverzichtbar.

P2. Wir sollten an die Existenz jener Entitäten glauben, die für unsere besten Theorien unverzichtbar sind (ontologische Verpflichtung).

K1. Wir sollten an die Existenz von möglichen Welten glauben.

2. Argumente für den modalen Realismus

Lewis stellt eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Seine Behauptung ist, dass der modale Realismus mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt.

Den ersten Vorteil beschreibt er so:

„I believe that there are possible worlds other than the one we happen to inhabit. If an argument is wanted, it is this. It is uncontroversially true that things might be otherwise than they are. I believe, and so you do, that things could have been different in countless ways. But what does this mean? Ordinary language permits the paraphrase: there are many ways things could have been besides the way they are actually. On the face of it, this sentence is an existential quantification. It says that there exist many entities of a certain description, to wit ways things could have been. I believe that things could have been different in countless ways; I believe permissible paraphrases of what I believe; taking the paraphrase at it face value, I therefore believe in the existence of entities that might be called ´ways things could have been`. I prefer to call them ´possible worlds.“
- David Lewis: Counterfactuals (1973), S. 84-91.

Damit hängt ein zweiter Vorteil zusammen: Der modale Realismus ermöglicht eine einheitliche Semantik für nicht-modale Aussagen und modale Aussagen.

Nehmen wir zum Beispiel die nicht-modale Aussage "Adolf Hitler hat den zweiten Weltkrieg verloren" und die modale Aussage A2 "Adolt Hitler hätte den zweiten Weltkrieg gewinnen können." Die Aussage A1 schreibt einem Subjekt (Adolf Hitler) in unserer aktualen Welt w1 eine Eigenschaft (hat den zweiten Weltkrieg verloren) zu und ist wahr, weil Adolf Hitler in w1 tatsächlich WWII verloren hat. A2 schreibt einem Subjekt (Adolf Hitlers Gegenstück) in einer möglichen Welt w2 eine Eigenschaft (hat den zweiten Weltkrieg gewonnen) zu und ist wahr, weil es eine mögliche Welt w2 gibt, in der Hitler den zweiten Weltkrieg gewonnen hat.

Wenn wir keine modalen Realisten sind und sagen "Ich hätte heute morgen Müsli statt Brot essen können" oder "Adolf Hitler hätte den zweiten Weltkrieg gewinnen können" ist nicht ganz klar, was wir damit meinen. Es scheint so, dass wir in dem Fall für modale Aussagen eine andere Semantik brauchen als für nicht-modale.

Der dritte Vorteil besteht darin, dass der modale Realismus eine Lösung für viele philosophische Probleme wie das Universalienproblem ermöglicht.

Nehmen wir die Eigenschaft der Röte. Was ist "die Röte"? Eine Antwort lautet, dass Eigenschaften einfach Mengen von Objekten sind. Die Röte ist einfach die Menge aller Objekte, welche die Farbe rot haben. Ein Problem mit dieser Antwort ist, dass zum Beispiel jedes Tier mit Herz auch eine Niere hat und umgekehrt. Trotzdem sind "hat ein Herz" und "hat eine Niere" verschiedene Eigenschaften.

Der modale Realist kann dieses Problem lösen. Nach ihm sind diese Eigenschaften nur in unserer aktualen Welt, aber nicht allen möglichen Welten koextensiv.

Es gibt noch einen vierten Vorteil: Der modale Realismus erlaubt es scheinbar, modale Eigenschaften auf nicht-modale Eigenschaften zu reduzieren.

Nehmen wir zum Beispiel die modale Eigenschaft ´Das Glas G1 hätte beim Sturz zerbrechen können´. Der modale Realist kann diese modale Eigenschaft auf die nicht-modale Eigenschaft ´Das Glas G2 ist beim Sturz zerbrochen" reduzieren.

3. Argumente gegen den modalen Realismus

3.1. Das ontologische Problem

Der erste Nachteil besteht darin, dass der modale Realismus gegen das Prinzip der Sparsamkeit verstößt. Dagegen würde Lewis einwenden:

Erstens, das stimmt nicht. Denn das Sparsamkeitsprinzip besagt, dass wir eine Ontologie nicht reichhaltiger als notwendig gestalten sollten. Wir haben nach Lewis aber gute Gründe für den modalen Realismus.

Zweitens, Lewis unterscheidet zwischen:

quantitative Sparsamkeit: Eine Ontologie ist umso quantitativ sparsamer, desto weniger Einzeldinge sie postuliert.

qualitative Sparsamkeit: Eine Ontologie ist umso qualitativ sparsamer, desto weniger Arten von Dingen sie postuliert.

Lewis behauptet, dass nur qualitative Sparsamkeit wichtig ist und sein modaler Realismus aber nur gegen ein quantitatives Sparsamkeitsprinzip verstößt.

Aber stimmt das? Nein. Wenn der modale Realismus wahr ist, dann werden viele mögliche Welten ganz andere Arten von Dingen enthalten als die unsere. Der modale Realismus verstört also doch gegen das qualitative Sparsamkeitsprinzip!

3.2. Das epistemologische Problem

Der zweite Nachteil besteht darin, dass es schwer verständlich ist, wie wir modale Tatsachen erkennen können, wenn sie völlig isolierte Welten betreffen.

Die kausale Bedingung besagt: Eine Person P kann nur dann Kenntnis von einer Tatsache X haben, wenn ein kausaler Zusammenhang zwischen P und X besteht.

Lewis lehnt die kausale Bedingung ab. Er ist Platonist und weist in diesem Kontext darauf hin, dass wir Kenntnis von mathematischen Entitäten haben können, diese aber nicht in einem kausalen (raumzeitlichen) Zusammenhang zu uns stehen.  Nach Lewis gilt die kausale Bedingung nur für kontingente Tatsachen. Mathematische und modale Tatsachen sind aber notwendige Tatsachen.

Siehe auch

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