„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Ludwig Wittgenstein

Ludwig Josef Johann Wittgenstein (* 26. April 1889 in Wien; † 29. April 1951 in Cambridge) war einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Er lieferte bedeutende Beiträge zur Philosophie der Sprache, der Logik und des Geistes. Seine beiden Hauptwerke der "Tractatus logico-philosophicus" (1921) und die "Philosophische Untersuchungen" (1953, posthum) sind bis heute wichtige Bezugspunkte insbesondere der analytischen Philosophie.

I. Frühe Schaffensperiode

Wahrheit

Willensfreiheit

 

II. Mittlere Schaffensperiode

Ludwig Wittgenstein wurde am 26. April 1889 in Wien geboren. Er entstammt einer früh assimilierten und wohlhabenden jüdischen Industriellenfamilie. Die Familie Wittgenstein war zu einer der reichsten Familien der Wiener Gesellschaft. Sein Vater hieß Karl Wittgenstein und seine Mutter Leopoldine Wittgenstein. Karl war in der Stahlindustrie tätig und ein Förderer zeit-genössischer Künstler, Leopoldine eine begabte Pianisten. Im Palais Wittgenstein verkehrten musikalische Größen wie Johannes Brahms und Richard Strauss.

Wittgenstein wurde katholisch erzogen. Er selbst wie auch seine Geschwister zeichneten sich durch außerordentliche musische und intellektuelle Fähigkeiten aus. Diesen Talenten standen psychische Probleme gegenüber: Drei seiner sieben Geschwister begingen Selbstmord (Hans, Rudolf, Kurt). Auch Wittgenstein zeigte, insbesondere nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, depressive Züge. Im Kontakt zu anderen soll er teils autoritär und rechthaberisch, teils auch übersensibel und unsicher gewirkt haben.

Wittgensteins intellektuelle Erziehung begann mit häuslichem Privatunterricht in Wien. Ab 1903 bis 1906 besuchte er die K. k. Staats-Realschule in Linz. Am 28. Oktober 1906 immatrikulierte Wittgenstein sich an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Ursprünglich hatte er bei Ludwig Boltzmann in Wien studieren wollen. Für Berlin entschied sich Wittgenstein, weil sein Realschulzeugnis ihm die Einschreibung an der Universität erst nach einem weiteren Studium erlaubte. Dort beschäftigte sich Wittgenstein, so seine Schwester Hermine in ihren Familienerinnerungen, "viel mit flugtechnischen Fragen und Versuchen. [...] Zu dieser Zeit oder etwas später ergriff ihn plötzlich die Philosophie, d. h. das Nachdenken über philosophische Probleme, so stark und so völlig gegen seinen Willen, dass er schwer unter der doppelten und widerstreitenden inneren Berufung litt und sich wie zerspalten vorkam."

Nach dem Abschlussdiplom als Ingenieur 1908 ging Wittgenstein nach Manchester, wo er an der Universitätsabteilung für Ingenieurwissenschaften versuchte, einen Flugmotor zu bauen. Diesen Plan gab er jedoch bald auf. Danach arbeitete er an "Verbesserungsvorschlägen für Flugzeugpropeller", einem Projekt, für das er am 17. August 1911 ein Patent erhielt.

Anschließend kam wieder das Interesse an der Philosophie auf. Auch auf Anregung Gottlob Freges, den er 1911 in Jena besuchte, nahm Wittgenstein ein Studium in Cambridge am Trinity College auf, wo er sich intensiv mit den Schriften Bertrand Russells beschäftigte, insbesondere mit den Principia Mathematica. Sein Ziel war es, wie bei Gottlob Frege, die mathematischen Axiome aus logischen Prinzipien abzuleiten. Russell zeigte sich nach den ersten Begegnungen nicht beeindruckt von Wittgenstein: "Nach der Vorlesung kam ein hitziger Deutscher, um mit mir zu streiten […]. Eigentlich ist es reine Zeitverschwendung, mit ihm zu reden." Doch nach nicht einmal zwei Wochen sollte sich Russells Meinung ändern: "Ich fange an, ihn zu mögen; er kennt sich aus in der Literatur, ist sehr musikalisch, angenehm im Umgang (ein Österreicher), und ich glaube, wirklich intelligent." Schon bald hielt Russell Wittgenstein für höchst talentiert, und Russell war schließlich der Meinung, Wittgenstein sei geeigneter als er, sein logisch-philosophisches Werk fortzuführen.

„[Wittgenstein war] ... eines der aufregendsten intellektuellen Abenteuer [meines Lebens]. ...[Er hatte] Feuer und Eindringlichkeit und eine intellektuelle Reinheit in einem ganz außergewöhnlichen Ausmaß. ... Nach kurzer Zeit hatte [er] alles gelernt, was ich als Lehrer anzubieten hatte."
- Bertrand Russell

Unter anderem mit Russells Unterstützung wurde Wittgenstein im November 1911 in die elitäre Geheimgesellschaft Cambridge Apostles gewählt. Wittgenstein war homosexuell und fand in David Pinsent seinen ersten Geliebten. Sie erwarben gemeinsam ein Holzhaus in Skjolden in Norwegen, wo Wittgenstein 1913 für einige Monate an einem System der Logik arbeitete.

1912 begann Wittgenstein mit der Arbeit an seinem ersten philosophischen Werk, der Logisch-philosophischen Abhandlung, die er bis 1917 in einem Tagebuch als Notizen festhielt. Auch während seiner Zeit als österreichischer Freiwilliger im Ersten Weltkrieg beschäftigte er sich weiter damit, bis er das Werk schließlich im Sommer 1918 vollendete. Es erschien jedoch erst 1921 in einer fehlerhaften Version in der Zeitschrift "Annalen der Naturphilosophie. 1922 wurde schließlich eine zweisprachige Ausgabe unter dem heute bekannten Titel der englischen Übersetzung veröffentlicht: "Tractatus Logico-Philosophicus".

Im Juli 1914 beschloss Wittgenstein, einen Teil seines beachtlichen Erbes für wohltätige Zwecke zu verwenden und übergab Ficker 100.000 Kronen mit der Bitte, das Geld nach Gutdünken an bedürftige österreichische Künstler zu verteilen. Gefördert wurde unter anderem Trakl mit einer einmaligen Summe von 20.000 Kronen. Auch war Wittgenstein indirekt in das Geschehen um den Tod Georg Trakls involviert. Auf Bitten Trakls, der sich nach einem Suizidversuch in einem Krakauer Krankenhaus befand, reiste Wittgenstein nach Krakau, um Trakl zu besuchen. Trakl war aber zwei Tage vor Wittgensteins Eintreffen gestorben.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Wittgenstein als österreichischer Soldat an der Ostfront in Galizien. Durch die guten familiären Kontakte nach England – insbesondere zu Bertrand Russell – war Wittgenstein durch den Vatikan, Freunde im neutralen Norwegen und der Schweiz in der Lage, mit Freunden auf der "anderen Seite" in Briefkontakt zu bleiben. Bei Kriegsende wurde er  Kriegsgefangener der Italiener und in das Offiziersgefängnis in Monte Cassino gebracht. Sein englischer Freund John Maynard Keynes konnte sich als Mitglied der Friedenskonferenz in Paris für seine Freilassung einsetzen. Auch mit seinem Vetter, dem späteren Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, mit dem er in Österreich und England in Kontakt stand, blieb er in Verbindung.

Noch während der Kriegsgefangenschaft in Italien entschied er sich für den Beruf des Lehrers. Das hatte wohl zum einen damit zu tun, dass er in dieser Zeit Leo Tolstoi gelesen hatte. Und zum anderen damit, dass er der Meinung war, mit dem Tractatus alle Probleme der Philosophie gelöst zu haben. Zunächst besuchte Wittgenstein 1919/1920 die Lehrerbildungsanstalt in Wien. Danach wurde er für einige Jahre Volksschullehrer in Trattenbach. Nach zwei Jahren wechselte er in das Dorf Puchberg am Schneeberg, wo wie schon zuvor in Trattenbach immer wieder Spannungen zwischen Wittgenstein und den Eltern seiner Schüler auftraten. Binnen zweier Jahre wechselte Wittgenstein erneut die Stelle und wurde Lehrer in Otterthal, wo er auch ein – für diese Zeit fortschrittliches – Wörterbuch für Volksschulen schrieb und herausgab. Nachdem er im April 1926 einem elfjährigen Schüler auf den Kopf geschlagen hatte und dieser bewusstlos wurde, reichte Wittgenstein beim Bezirksschulinspektor ein Entlassungsgesuch ein, bevor offizielle Schritte eingeleitet werden konnten.

Wittgenstein arbeitete daraufhin einige Monate als Gärtnergehilfe in einem Kloster in Hütteldorf bei Wien, wo er in einem Werkzeugschuppen des Gartens wohnte, und erwog auch – nicht zum ersten Mal –, als Mönch dem Klosterorden beizutreten, wovon ihm jedoch ein Abt des Klosters abgeraten hat.

Von 1926 bis 1928 erstellte er zusammen mit dem Architekten Paul Engelmann, einem Schüler von Adolf Loos, für seine Schwester Margarethe Wittgenstein ein repräsentatives Stadt-Palais in Wien (Haus Wittgenstein). Das im Stil der Moderne erbaute Palais wurde bald zu einem Mittelpunkt kulturellen Lebens in Wien und zu einem Treffpunkt des Wiener Kreises, einer Gruppe von Philosophen und Wissenschaftstheoretikern, mit denen er in Kontakt stand.

Ende der 1920er Jahre begann Wittgenstein sich wieder intensiv mit philosophischen Fragen zu beschäftigen. Dabei stand er in Kontakt zu einigen Mitgliedern des Wiener Kreises, deren Diskussionen er maßgebend beeinflusste (wenngleich in einer Weise, die Wittgenstein nicht guthieß, da er der Meinung war, dass er nicht richtig verstanden wurden sei). Durch einen Vortrag des intuitionistischen Mathematikers L. E. J. Brouwer wurde er – so zumindest nach einem Bericht von Herbert Feigl – schließlich nachhaltig aufgerüttelt und wandte sich wieder der Philosophie zu. Während dieser "Übergangsphase" vertrat Wittgenstein kurzfristig eine Auffassung, die sich als eine Form des Verifikationismus beschreiben lässt: Die Kenntnis der Bedeutung von Sätzen geht einher mit der Kenntnis der einschlägigen Verifikations- oder Beweisverfahren.

Im Jahre 1929 kehrte Wittgenstein als Philosoph nach Cambridge zurück, wo er zunächst bei Bertrand Russell und George Edward Moore in einer mündlichen Prüfung über seinen Tractatus promovierte. Nach der mündlichen Doktorprüfung soll Wittgenstein seinen Prüfern auf die Schulter geklopft haben mit den Worten: "Nehmen Sie es nicht so schwer. Ich weiß, Sie werden es nie verstehen werden." Moore schrieb in seinem Bericht zur Prüfung: "Ich persönlich halte dieses Werk für das eines Genies; selbst wenn ich mich vollständig irren sollte, liegt es immer noch weit über den Anforderungen für den Doktorgrad.")[20] Da Wittgenstein sein Erbe während des Ersten Weltkriegs verteilt hatte, war seine finanzielle Lage schlecht, sodass er auf Stipendien angewiesen war. Anfang der 1930er Jahre erhielt er einen Lehrauftrag. Ab 1936 unternahm Wittgenstein mit seinem Lebenspartner Francis Skinner Reisen nach Norwegen, Wien und Russland.

Im Jahre 1939 wurde Wittgenstein in der Nachfolge von Moore zum Philosophieprofessor in Cambridge berufen; er behielt die Professur bis 1947. Kurz nach seiner Berufung erwarb er die britische Staatsbürgerschaft. Dies war insbesondere dem Umstand geschuldet, dass nach dem Anschluss Österreichs an NS-Deutschland am 12. März 1938 Wittgenstein nun deutscher Staatsbürger war und im Sinne der Nürnberger Gesetze als Jude galt.

Während der 1930er Jahre gab Wittgenstein zahlreiche Kurse und hielt Vorlesungen. Immer wieder versuchte er, seine neuartigen Gedanken, die er unter anderem in Auseinandersetzung mit seinem Erstlingswerk entwickelte, in einem Buch zusammenzufassen und erstellte zahlreiche Manuskripte und Typoskripte. Darunter u.a. "The Blue Book", "The Big Typescript", "The Brown Book", "Philosophischen Bemerkungen" und "Philosophische Grammatik".

Trotz seiner intensiven Bemühungen gelang es Wittgenstein nicht, sein Buchprojekt zu beenden. Etwa ab 1936 begann Wittgenstein mit den Philosophischen Untersuchungen, die sich bis etwa 1948 hinzogen. Dieses zweite große Werk hat er selbst weitgehend fertiggestellt, es erschien jedoch erst posthum 1953. Hierdurch gelangte er schnell zu Weltruhm. Das Werk gilt als eines der Hauptwerke der sprachanalytischen Philosophie.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Wittgenstein nochmals praktisch tätig. Er arbeitete freiwillig als Pfleger in einem Londoner Krankenhaus, 1943 schloss er sich als Laborassistent einer medizinischen Forschungsgruppe an, die den hämorrhagischen Schock untersuchte, und entwarf Experimente und Laborgeräte. Er entwickelte Apparaturen zur kontinuierlichen Messung von Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Atemvolumen, dabei bediente er sich auch der Erfahrungen, die er während der Entwicklung seines Flugmotors gemacht hatte.

Im Jahre 1944 nahm er seine Vorlesungen in Cambridge wieder auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Wittgenstein seine Philosophischen Untersuchungen fort und arbeitete unter anderem an der Philosophie der Wahrnehmung und zu den Themen Gewissheit und Zweifel. Aber auch zu vielen kulturellen und wissenschaftstheoretischen Themen hat Wittgenstein Beiträge geliefert.

Im Oktober 1947 beendete Wittgenstein seine Tätigkeit an der Universität, um sich ganz seiner Philosophie zu widmen. Er lebte von da an zurückgezogen und verbrachte einige Zeit in Irland. Der Schwerpunkt seiner Arbeiten lag auf der "Philosophie der Psychologie", die Gegenstand des II. Teils der „Philosophischen Untersuchungen“ wurde. Es ist umstritten, ob die Aufnahme dieser Gedanken in die Philosophischen Untersuchungen dem Willen Wittgensteins entspricht. 1949 konnte er sein zweites Hauptwerk dann abschließen.

Wittgenstein starb 1951 an Krebs. Da Wittgenstein es ablehnte, ins Krankenhaus zu gehen, verlebte er die letzten Wochen im Hause seines Arztes Edward Bevan, der ihn bei sich aufgenommen hatte. Als dessen Frau Wittgenstein am Tag vor seinem Tod mitteilte, seine englischen Freunde würden ihn am nächsten Tag besuchen, soll er gesagt haben: "Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe."

Siehe auch

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