„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Nancy Cartwrights transzendentales Argument für den wissenschaftlichen Realismus

Nancy Cartwright entwickelt in 'The Dappled World' ein transzendentales Argument für einen lokalen wissenschaftlichen Realismus.[1] Es geht wie folgt:

P1. Wir können mit unseren Überzeugungen über die theoretischen Entität E (z.B. ein Elektron) Manipulationserfolge, Prognoseerfolge u.ä. erzielen.
P2. Wenn wir kein lokales Wissen über die (kausalen) Eigenschaften von E hätten, wären diese sichtbaren Erfolge unmöglich oder unvorstellbar.
K1. Also: Wir haben lokales Wissen über die theoretische Entität E.

Es ist völlig verständlich, warum Cartwright versucht, ein transzendentales Argument zu formulieren: Diese Argumente haben den Anschein nach eine deduktive FormDaher wird angenommen, dass sie keine problematische logische Form haben. Aber trifft das auf Nancy Cartwrights Argument zu?

Auf den ersten Blick ja. Denn prima Facie lässt es sich so umformulieren:

P1*. X.
P2*. Ф ist notwendig für X.

K1*. AlsoX.

Ein zweiter Blick zeigt jedoch, dass P2* keine adäquate Umformulierung von P2 ist. Kant dachte, dass die euklidische Geometrie für die Erfahrung notwendig sei. Heute glauben wir das nicht mehr. Stattdessen hätte Kant argumentieren können, dass irgendeine räumliche Geometrie für die Erfahrung notwendig ist. Das ist vermutlich wahr. Aber dann folgt aus Kants transzendentalen Argument nicht mehr deduktiv, dass die räumliche Geometrie euklidisch ist.

In ähnlicher Weise kann Cartwright nur zeigen, dass:

P1*. X.

P2**Etwas ist notwendig für X.

K1**. AlsoEtwas ist der Fall.

Die Prämisse P2* ist (vermutlich) wahr, aber K1* ist jetzt trivial. Im optimisti-schsten Fall lässt sich das Argument so umformulieren und bleibt trotzdem gültig:

P1. X.

P2**. A, oder B, oder C, oder D, ... notwendig für X.

K1**Also: A, oder B, oder C, oder D, ... ist der Fall.

Dabei stehen A, B, C, ... für Aussagen wie:

A. Wir haben lokales Wissen über E.
B. Die Welt verhält sich so, als ob unsere Überzeugungen über E wahr wären.

C. Unsere Überzeugungen über E sind instrumentell verlässlich, d.h. sie führen zu Manipulationserfolgen und Prognoseerfolgen.

D. Unsere Überzeugungen über E sind empirisch ädaquat, d.h. aus ihnen lassen sich wahre Beobachtungssätze ableiten.

E. usw.

Das heißt: Ein transzendentales Argument kann im besten Fall zeigen, dass die  Disjunktion "A  B  C ∧ E ..." wahr ist. Es kann aber auf keinen Fall zeigen, dass A "Wir haben lokales Wissen über die Eigenschaften von E" wahr ist. Das heißt es ist, meiner Meinung nach, nicht möglich ein transzendentales Argument mit wahren Prämissen für den wissenschaftlichen Realismus zu formulieren.

Mein Vorschlag ist: Der Übergang von "A  B  C ∧ E ..." zu A muss über einen Schluss auf die beste Erklärung erfolgen: Der wissenschaftliche Realismus ist eine gute und die beste Erklärung für den empirischen Erfolg der Wissenschaften und das rechtfertigt den Glauben an seine Wahrheit. Siehe: No-Miracle Argument.

Das Coverbild von 'The Dappled World.'
Das Coverbild von 'The Dappled World.'

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