„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Supranaturalismus und Wunder

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Sehr häufig werden Wunder als Argument ins Feld geführt, wenn es darum geht, die Position der Theisten zu begründen. Auch wenn jemand meine Argumentation in Supernaturalismus verstanden hat, werde ich immer wieder auf Wunder angesprochen. "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind" (Goethe in "Faust 1"). 

Meistens verwenden Atheisten die Strategie, die Echtheit der Wunder anzuzweifeln. Jedes Mal, wenn Sie Wasser beobachten, welches sich nicht in Wein verwandelt, ist dies eine Evidenz gegen das Wunder von Kana Johannes 2:1-11. Jedes Mal, wenn es jemandem nicht gelingt, über das Wasser zu gehen, ist dies eine Bestätigung dafür, dass das nicht möglich ist, weil es gegen die Naturgesetze verstößt.


Aber was sind die Naturgesetze überhaupt? Es sind eben keine menschlichen Gesetze, gegen die ein Verstoß "verboten" ist, sondern es sind aus der Beobachtung der Natur abgeleitete Regeln, nach denen die Natur, soweit wir wissen, zu funktionieren scheint. Ab und zu wird irgendwo auf dieser Welt eine Beobachtung gemacht, die nicht mit den uns bekannten Naturgesetzen in Einklang zu bringen ist, wird die Beobachtung verifiziert, dann werden die Naturgesetze an diese neue Beobachtung angepasst. Naturgesetze reflektieren also stets einen momentanen Kenntnisstand über die Natur. 

Man müsste also sagen, dass ein Wunder gegen die bekannten Naturgesetze verstößt (und wir kennen längst nicht alle Naturgesetze und haben sicher auch Fehler in dem, was wir kennen). Das bedeutet, dass die Definition eines Wunders von unserem momentanen Wissensstand abhängt - was heute noch ein Wunder ist, kann morgen schon alltäglich sein. Im Mittelalter wären Fernsehen, Telefon und Autos sicher als Wunder betrachtet worden (und wir reden heute noch vom "Wunder der Technik"), heute ist es für uns alltäglich. 

Das bedeutet, dass sich die Grenze, was wir für ein Wunder halten, permanent verschiebt. Wenn wir also einem Wunder begegnen, dann können wir nicht wissen, ob es sich um etwas handelt, was wir noch nicht verstehen oder ob es sich um etwas handelt, was wir niemals verstehen werden. Ersteres wäre kein richtiges Wunder, sondern eine unverstandene Erscheinung, letzteres wäre ein "echtes" Wunder. Aber da wir das nicht entscheiden können, ist die Trennung zwischen "unverstandener Erscheinung" und "echtem Wunder" künstlich und nicht nachvollziehbar - wir können diese beiden Dinge nicht unterscheiden, sie sind für uns gleich. Erst wenn man ein Wunder "widerlegt" hat, d. h. es auf natürliche Dinge zurückgeführt hat, dann können wir die Frage "echt oder unverstanden?" lösen - die Antwort kann also nur lauten "früher unverstanden, aber jetzt verstehbar" oder aber es gibt eben keine Antwort. Im Glauben wird gerne auf unbeantwortbare Fragen eine ganz bestimmte (gewünschte) Antwort gegeben, obwohl dies redlicherweise nicht möglich ist, weil die Antwort unbestimmbar ist. 

Aber lassen wir dies alles einmal beiseite. Selbst dann können Wunder immer noch nicht als ein Beweis für den Glauben dienen. Warum? 

Angenommen, Jesus lief über das Wasser, und wir bestreiten dies nicht, sondern gehen davon aus, dass er das tatsächlich getan hat (kein Betrug, kein Trick, keine Steine im Wasser). Und wir behaupten auch nicht, dass dies in Einklang mit den Naturgesetzen steht, wie wir sie kennen. Was beweist das? Die Theisten sagen, das beweist, dass Gott in das Naturgeschehen eingegriffen hat. Ich hingegen behaupte, dass Jesus ein Freak mit ungewöhnlichen psychischen/physischen Fähigkeiten ist, der eben über Wasser laufen kann. In meiner Erklärung ist kein Gott nötig, wozu auch? Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten kennen wir aus allen möglichen Schilderungen, oft sogar aus der Zeitung oder dem Fernsehen. 

Wenn der Theist nun sagt, dass das nicht möglich ist, dass Menschen so etwas tun können, so bestreitet er das Wunder. Wenn das Wunder nicht möglich war, dann ist es auch nicht geschehen. Der Theist widerspricht sich selbst. Wenn es aber möglich war, und wir tatsächlich einen Mann namens Jesus über das Wasser laufen sehen, was sehen wir dann? Wir beobachten einen Mann namens Jesus, der über das Wasser läuft, mehr nicht. Wir sehen keinen Gott, der im Hintergrund eingreift und Jesus dieses Wunder ermöglicht. Neben dem, was wir beobachten, versucht der Theist, uns noch eine weitere Annahme aufzunötigen, die zur Erklärung unserer Beobachtung vollkommen überflüssig ist. Diese Erklärung tut nichts zur Sache dazu, im Gegenteil, sie fügt etwas noch Unerklärliches zu einer an sich schon schwer zu erklärenden Begebenheit hinzu. Der Theist streut zusätzlich Sand in unsere ins Schleudern geratene Erklärungsmaschinerie. 

Mit derselben Begründung können wir auch behaupten, die Bewegung der Planeten ist auf das Schieben durch unsichtbare Gespenster zu "erklären". Wir haben hier ebenfalls etwas, was wir beobachten können, um etwas ergänzt, was wir nicht beobachten können. Jeder würde so eine Behauptung als unsinnig zurückweisen, aber nicht anders verfährt der Theist. Jedesmal, wenn wir eine Behauptung hinzufügen, die eigentlich überflüssig ist, müssen wir dieses sehr gut begründen und demonstrieren, warum diese Erklärung nicht überflüssig ist. Da es schwierig ist, so etwas zu begründen, sollte man es besser bleiben lassen, außer, man hat wirklich sehr, sehr gute Gründe dafür - aber dies kann der Theist nicht vorbringen, weil er ja noch nicht einmal die Existenz Gottes bewiesen hat. Mit unbewiesenen Annahmen können wir beliebige Dinge erklären, wenn der Theist das darf, darf ich das ebenfalls - und kann damit jede seiner Annahmen ad absurdum führen. Im Abschnitt über Wahrscheinlichkeit und schwarze Räume hatte ich eine statistische Begründung für 
Ockhams Rasiermesser geliefert, hier kann man sehen, dass es dafür noch weitere Gründe gibt. 

Es spielt auch keine Rolle, ob das Wunder wiederholbar ist oder nicht. Wenn es nicht wiederholbar ist, dann haben wir gute Gründe zur Annahme, dass es durch uns unbekannte natürliche Ereignisse zu Stande kam. Wenn es wiederholbar ist, sehen wir immer noch keinen Gott, sondern Ereignisse, die unserem Verständnis der Natur widersprechen, was uns dazu nötigt, unser Verständnis der Natur anzupassen (und nicht umgekehrt, wie der Theist gerne möchte). 

Deswegen ist es nicht möglich, Wunder als Bestätigung für Gott anzusehen. Wunder bestätigen lediglich, dass wir die Natur noch nicht vollständig verstanden haben, das aber ist überhaupt keine überraschende Erkenntnis, sondern ein nicht zu bestreitendes Faktum. 

Theologen möchten sich gerne einen Sonderstatus zusprechen, der es ihnen ermöglicht, beliebige unbewiesene (oder gar unbeweisbare) Annahmen in ihre "Erklärungen" einzuschleusen. Aber da sie Menschen wie wir auch sind, warum sollten wir ihnen das zubilligen? Und wenn wir es ihnen zubilligen, warum dürfen wir das dann nicht genauso handhaben? Dann können wir nämlich jede Behauptung eines Theisten einfach mit der Behauptung des Gegenteils aufheben, und nichts wäre gewonnen. Und jeden Grund, den ein Theist dafür anführt, warum er so verfahren darf, können wir auch für uns nutzen. Dann können wir uns gegenseitig mit Absurditäten überbieten, das mag seinen Sinn haben, wenn wir einen Fantasy-Film drehen, aber nicht, wenn wir uns mit der Realität beschäftigen. 

Es gibt aber einige gute Gründe, Wunder überhaupt zurückzuweisen. Und damit beschäftigen wir uns als Nächstes.

"Es ist erbärmlich anzusehen, wie die Menschen nach Wundern schnappen, um nur in ihrem Unsinn und Albernheiten beharren zu dürfen und sich gegen die Obermacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu können." (Johann Wolfgang von Goethe)

In der Frühzeit des Christentums geschahen Wunder über Wunder und viele der christlichen Autoren überbieten sich geradezu mit Wunderberichten. In dem Buch "Dialogi de vita et miraculis patrum italicorum et aeternitate animarum" (Dialoge über Leben und Wunder der italischen Väter) erzählt Papst Gregor "der Große" (Heiliger und Kirchenlehrer - Kirchenlehrer ist ein nicht oft vergebener Titel) über Blindenheilungen, Totenerweckungen (!), Geisteraustreibungen, Wein- und Ölvermehrungen, Marienerscheinungen und dem Auftreten von Teufeln usw. usf. 

Die große Frage ist: Warum gibt es heute nicht mehr so viele Wunder? Die Anzahl der Gläubigen hat sich doch rasant vermehrt. Aber überall, auch wenn wir die Wunderheilungen von Lourdes betrachten, nehmen die Wunder ab. Speziell bei Lourdes ist es ein Verdienst der römischen Kirche, dass Wunder heutzutage viel genauer (und kritischer) untersucht werden als früher. Das hat dazu geführt, dass in Lourdes Spontanremissionen bei Krebs seltener passieren als in irgendeinem x-beliebigen Krankenhaus auf dieser Welt  [
1]! 

Und auch heute stoßen viele der Wunder auf besondere Skepsis. Viele der Wunder geschehen unter dubiosen Umständen, die Quellen sind schlecht, die Berichte widersprüchlich, die Tatsachen passen nicht zueinander und die Zeugen sind nicht auffindbar, medizinische Gutachten werden ohne Ansehen der Person verfasst etc. 
Wunder hatte ich etwas spöttisch definiert als: Ein Ereignis, welches dann und nur dann geschieht oder geschehen kann, wenn gerade kein Skeptiker anwesend ist oder eine andere Person, die mit kritischer Methode vertraut ist (z. B. ein Wissenschaftler). 

Der Zauberkünstler James Randi hat eine Millionen Dollar ausgesetzt für jemanden, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt:
One Million Dollar Paranormal Challenge. Das ist nur einer der vielen Preise, die ausgesetzt sind. Sollte jemand übernatürliche Fähigkeiten besitzen, so könnte er alleine durch die Preisgelder mehrfacher Millionär werden. Dieses Geld und viele andere Gelder hat sich aber noch niemand abgeholt. Denn diese Wunder werden durch Skeptiker überprüft. 

Wir erkennen hier ein vertrautes Muster: Menschen irren sich, täuschen sich oder werden getäuscht, Berichte vom Hörensagen werden als wahre Geschichten weitererzählt (und oft gesteigert), Menschen lügen und betrügen und tun so als ob, sie unterliegen Wahrnehmungstäuschungen und Denkfehlern und Erinnerungstäuschungen, sie verfälschen Ergebnisse so, dass sie zu ihren Vorannahmen passen (davon bleibt selbst die Wissenschaft nicht verschont, obwohl hier die Kontrollen strenger sind) usw. usf. Wenn Menschen sich nicht relativ leicht täuschen ließen, dann gäbe es keine Zauberkünstler auf dieser Welt und
David Copperfield würde irgendwo Schuhe verkaufen. 

Wenn mir also jemand erzählt, er habe ein Wunder gesehen wie z. B. eine Totenerweckung, so brauche ich die Umstände nicht zu prüfen (allenfalls, um einen möglichen Betrug zu entlarven) - das widerspricht menschlicher Erfahrung, ist extrem unwahrscheinlich, also mit sehr großer Sicherheit falsch. Dass Menschen sich hingegen täuschen lassen (oder selber täuschen), ist eine sehr alltägliche Erfahrung - die Zeitungen sind voll davon. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich auch hier um eine Täuschung handelt. Und wer meint, er ließe sich nicht täuschen, dem empfehle ich eine Show von David Copperfield. Und der zeigt noch viel unglaublichere Sachen als das Laufen übers Wasser oder eine Weinvermehrung! 

Die Beschäftigung mit der Zauberkunst und mit urbanen Legenden (siehe vor allem 
Brednich 1994 - urbane Legenden sind Geschichten, die heute noch als "wahre Geschichten" weitererzählt werden, und die sich teilweise bis in das Mittelalter zurückverfolgen lassen) und ihrer Entstehung ist sehr hilfreich, wenn man sehen möchte, wie auch heute noch Wunderberichte entstehen. 

Die Abnahme der Wunderberichte in den letzten 2.000 Jahren muss einen Grund haben - und den habe ich bereits angedeutet. Während die Menschen früher weniger über die Welt wussten und leichter etwas glaubten hat die Zunahme des 
Skeptizismus dazu geführt, dass vielen Wundern nachgespürt wurde und man diese aufgelöst hat. Das bedeutet, dass die Wunderberichte von früher - ohne dass man das im Einzelnen nachprüfen muss - allesamt so entstanden sind wie die heutigen Wunderberichte, nur ohne allzu viel Entgegnung durch Skepsis und ohne Gegnerschaft der Wissenschaft. 

Es gibt noch einen weiteren Grund, dies anzunehmen. Im 2. Jahrhundert gab es, wie von Papst Gregor berichtet, sehr viele Totenerweckungen bei den Christen. Wenn ich eine Totenerweckung sehen würde, ich würde sofort anfangen, an das Christentum zu glauben (und ich bin ein Hardcore-Skeptiker). Wenn man bedenkt, wie viele von den Toten Auferstandene damals gelebt haben müssen - dann müsste sich das Christentum rasant ausgebreitet haben. Das hat es aber nicht. Erst als es zur Staatsreligion wurde, gewann es nennenswert an Anhängern dazu. 

Theophilus, der Bischof von Antiochien, versuchte einen skeptischen Freund davon zu überzeugen, Christ zu werden  [
2]. Dieser hatte von sehr vielen Totenerweckungen gehört und versprach, sofort Christ zu werden, wenn er mit einem der erweckten Toten reden dürfte. Theophilus, obwohl er selbst von vielen Totenerweckungen berichtet hatte, konnte diesen verständlichen Wunsch seinem Freund nicht erfüllen und erfand ständig neue Ausreden. Wir können uns denken, warum. 

Heute gilt meist schon als ein Wunder, was völlig natürlich zugeht, aber auf großem Zufall beruht. 

Wenn es heute schon schwer ist, die Grenze zwischen einem "echten" Wunder und einem falschen Wunder richtig zu ziehen - mit allen technischen Möglichkeiten, die wir heute haben - um wieviel schwerer fiel es wohl den Menschen vergangener Jahrhunderte? Auch die Verschiebung der Grenzen, was die Anerkennung von Wundern angeht, innerhalb der katholischen Kirche, verdeutlicht, wie leicht man sich früher hat irren können. 

Auf welcher Basis könnte man Wunderberichte akzeptieren? Genau dann, wenn die Zurückweisung des Wunderberichts ein viel größeres Wunder wäre (also es noch viel unwahrscheinlicher wäre, dass es sich um kein Wunder handelt und es noch mehr unserer Erfahrung widerspricht, es nicht als Wunder anzusehen). 

Starke Behauptungen erfordern starke Beweise. Sobald man diese Regel durchbricht und sich etwas aufschwatzen lässt, was der Erfahrung widerspricht und sehr unwahrscheinlich ist, hat man seine Erfahrungsbasis korrumpiert, und es wird schwerer, andere Wundergeschichten zurückzuweisen (weil Wunder jetzt als wahrscheinlicher angesehen werden und nicht mehr der "Erfahrung" widersprechen - man hat sie ja als Bestandteil der "Erfahrung" akzeptiert). Dies ist das Einfallstor für 
Aberglauben und Religion gleichermaßen. 

Allerdings verfahren Gläubige hier häufig sehr selektiv. Mit der Begründung, dass die Beweislage nicht ausreiche, weisen sie Wunderberichte anderer Religionen zurück und glauben nur an die eigenen Wunder, für die die Beweislage oft noch viel schlechter ist (weil keiner mehr 2.000 Jahre alte Geschichten nachprüfen kann). Und jetzt verstehen wir auch, warum es nicht mehr so viele Wundergeschichten bei den Christen gibt: Man könnte ja dahinter kommen, dass es sich um Betrug oder Täuschung handelt und dann auch die anderen (alten) Geschichten anzweifeln ... und dieses Risiko möchte man vermeiden. Also berichtet man nur noch über Wunder,
wenn man die kritische Nachprüfung verhindern kann. Vergangene Ereignisse lassen sich schlecht widerlegen. Und auf dieser Unwiderlegbarkeit baut vieles in den Religionen auf. 

Die Annahme, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, beruht auf einem leeren Grab und ein paar Zeugen, die ihn gesehen haben wollen. Aber über alle diese Ereignisse gibt es nur ein paar widersprüchliche Geschichten, aufgezeichnet ca. 40-90 Jahre später (da waren alle Zeugen tot - nur tote Zeugen sind gute Zeugen, wenn es um Wunder geht). Selbst wenn die Beweislage für ein heutiges Ereignis sehr viel besser wäre, würde es kein Mensch mehr daran glauben. Aber damals war das noch anders, daher kann man es heute nicht mehr widerlegen. Aber das braucht man auch nicht. Man muss nur seinen gesunden Menschenverstand bemühen, um zu verstehen, was damals passiert ist. Für mehr reicht die Beweislage nicht. Aber aus dem seltener werden von Wundern kann man nur eines schlussfolgern: Damals konnte man die Grenze zwischen Wunder und Täuschung nicht richtig ziehen, und man muss sich natürlich fragen, was nun Täuschung und was Wunder war. Das kann man nachträglich aber nicht mehr entscheiden Besonders interessant ist, dass ausgerechnet die Leute, die an den Wissenschaften und ihren Ergebnissen zweifeln, alle diese Zweifel beiseite schieben, wenn es um vergangene Wunderberichte geht. Das hat auch damit zu tun, dass einem die Wissenschaft die Mittel an die Hand gibt, diese Wunder anzuzweifeln oder auf natürliche Art und Weise zu erklären. Die Wissenschaft hat ihre eigenen Wunder geschaffen: Telefon, Autos, Flugzeuge, Mondraketen usw. usf. Aber diese funktionieren nachweislich. Diese Nachweise fehlen bei den alten Wundergeschichten völlig. Dieser selektive Zweifel - Wissenschaft nein, Wunder ja - muss höchst misstrauisch machen. Wem würden Sie im Zweifel mehr vertrauen - einem Wunderheiler ohne nachprüfbare Ergebnisse oder der medizinischen Wissenschaft mit beweisbaren Ergebnissen? Und warum sollten Sie bei Wundern anders verfahren? Wäre das nicht sehr fahrlässig? Hinzu kommt, dass man in früheren Jahrhunderten, wenn man allzu viele Zweifel äußerte, auch schon mal auf dem Scheiterhaufen landen konnte. 

Und solange es keine besseren Beweise gibt, ist man auf der sicheren Seite, wenn man annimmt, dass es sich um ein Märchen handelt, welches die Menschen gerne glauben möchten, weil sie sich ewiges Leben davon versprechen. 

Es gibt übrigens noch einen weiteren guten Grund, warum Wunder keinen Beweis für die Richtigkeit einer Religion sind: 

Es gibt viele Religionen, die sich gegenseitig ausschließen, d. h. sich für die einzig wahre Religion halten. Viele Spielarten des Christentums gehören dazu, der Islam, das Judentum, der Hinduismus und viele kleinere Bekenntnisse. Wenn also ein Wunder die Wahrheit der einen Religion bezeugt, widerspricht dieses Wunder damit automatisch der Wahrheit aller ausgeschlossenen Religionen. Aber in allen Religionen kommen jede Menge Wunder vor, die sich wechselseitig bestätigende Wahrheiten "ausschließen". Nun müsste der Anhänger einer Religion, der damit die Wahrheit seiner Religion belegen möchte, alle ähnlichen Wunder anderer Religionen Punkt für Punkt für ungültig erklären (und dieselben Kriterien, die er dazu benutzt hat, auch auf die eigene Religion anwenden - wenn er sich davor drückt, wäre das Anlass zu höchstem Misstrauen) und Kriterien finden, warum die eigenen Wunder "besser" sind als die der anderen Religionen. Jedes fremde Wunder, welches er nicht auf natürliche Art erklären kann, wäre dann ein Indiz gegen die Wahrheit seiner eigenenReligion. 

Deswegen kann man Wunder als Bestätigung einer Religion auch verwerfen, ohne sich damit überhaupt näher zu beschäftigen  [
3].

"Wunder sind die Kinder der Verlogenheit." (Robert Green Ingersoll)


Anmerkungen:

1.    Das hängt natürlich damit zusammen, dass bei einer falschen Diagnose - es wurde irrtümlich auf Krebs erkannt - bei einer gründlichen Untersuchung dann kein Krebs gefunden wird. Vertraut man der ersten Diagnose, dann handelt es sich um eine scheinbare Spontanremission (oder ein Wunder, je nachdem, wie man es betrachtet), vertraut man ihr nicht, dann handelt es sich eben um eine Fehldiagnose. Die katholische Kirche untersucht nun die Wunder in Lourdes - wie ich schon sagte - sehr gründlich, daher kommen Fehldiagnosen seltener vor, und damit sind auch die mutmaßlichen Spontanremissionen seltener. Aber es kommen eben immer wieder Heilungen vor, bei Gläubigen wie bei Ungläubigen, die man nicht erklären kann, aber nur, weil man es nicht erklären kann, muss es noch kein Wunder sein sondern kann auch mit der Immunreaktion des Menschen erklärt werden. Wenn allerdings bei Gläubigen einer Religion "Wunderheilungen" häufiger vorkämen als bei den Anhängern anderer Religionen, dann wäre dies ein wichtiges Indiz. Bislang gibt es dazu aber keine Befunde.

2.    Aus Smith 2000, Seite 212f. Dieses Argument wurde von Edward Gibbon verwendet in seinem Werk "The Decline and Fall of the Roman Empire".

 

3.    Ein analoges Argument gilt auch für Märtyrer ("Blutzeugen") - jeder Märtyrer, wenn er denn die "Wahrheit" einer Religion bezeugen sollte, würde zugleich die Unwahrheit einer jeden widersprechenden Religion bezeugen. Aber auch Märtyrer sind kein Beweis für die "Wahrheit" einer Religion.

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Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Sonntag, 10 Juli 2016 22:41)

    https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2013/10/05/existiert-das-ubernaturliche/

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 10 Juli 2016 22:39)

    Die Dawkins-Finte
    Dies ist eine Variante des zweiten Scheinarguments:
    »(P3) Die Wissenschaft beschäftigt sich mit der (natürlichen) Welt, die Theologie mit der übernatürlichen Welt.

    (P4) Gott ist kein Teil dieser Welt (in (P3) enthalten).
    ________________________________________
    (S2) Folglich geht der Atheist unwissenschaftlich vor, wenn er behauptet, dass es keinen Gott gibt.«
    Dieses Argument wurde von verschiedener Seite ernsthaft gegen DAWKINS vorgebracht. Aber auch wenn DAWKINS Wissenschaftler ist, warum sollte er nicht philosophisch  etwas zu Gott sagen können? Zudem argumentiert er gegen Kreationisten, und die sind auf wissenschaftliches Gebiet eingedrungen, um mit der Behauptung »Gott war es« gegen eine wissenschaftliche Kerntheorie zu argumentieren _2_.
    (P3): Die Wissenschaft hat sich sehr wohl mit dem Übernatürlichen beschäftigt, nur ohne Ergebnis. Das ist der Grund, warum sie es nicht mehr tut. Wissenschaftler beschäftigen sich mit Behauptungen, die nachprüfbar  sind. Wenn man nun das Supernaturale definiert als etwas, was wissenschaftlich nicht nachgeprüft werden kann, dann ist das kein Thema für die Wissenschaft. Aber das ist in etwa so, als wenn man der Theologie vorwirft, sich nicht mit »Micky Maus« zu befassen, weil die keine theologischen Aussagen macht. Das kann man beim besten Willen aber nicht als einen Mangel der Theologie bezeichnen.
    (P4): Diese Voraussetzung ist eine unbewiesene Behauptung! Es sei denn, man will damit aussagen, dass sich die Wissenschaft nur mit Dingen beschäftigt, die einen Einfluss auf diese Welt haben. Hat Gott einen Einfluss auf diese Welt? Wenn ja, kann man sich wissenschaftlich damit befassen, was auch getan wurde. Der Einfluss des Betens wurde untersucht (es gibt keinen). Wenn nein, ist das nicht nur für die Wissenschaft uninteressant, sondern auch für die Gläubigen.
    Die Schlussfolgerung besagt, dass sich die Wissenschaft nicht mit unüberprüfbaren Behauptungen beschäftigt. Mehr nicht. Man kann sich aber philosophisch damit befassen.
    Schließlich hält man es auch für rational gerechtfertigt, wenn DAWKINS oder sonst jemand nicht an die Existenz des Weihnachtsmanns glaubt, obwohl es keine empirisch-wissenschaftlichen Beweise für seine Nichtexistenz gibt. Warum sollte man für Gott eine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel gestatten? Ist es unwissenschaftlich, nicht an den Weihnachtsmann zu glauben?
    Die Idee hinter diesem Argument ist es, kritische Wissenschaftler »mundtot« zu machen. Angeblich dürfen sie nur etwas Wissenschaftliches sagen, und wenn sie etwas über Gott sagen, ist es per theistischer  Definition nicht wissenschaftlich. Also dürfen sie nicht über Gott reden, eine Art »Maulkorberlass«.
    Eigentlich eine Art Eigentor, weil die dahinter stehende Botschaft diese ist:
    Du sollst nichts sagen, was unsinnig ist!
    Dem könnte man zustimmen, wenn es nicht Gläubige wären, die dieses Gebot permanent brechen. Denn dann reduziert es sich zu »Du sollst mir nicht widersprechen«. Und das ist purer Unsinn!


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