„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

David Benatar über den Antinatalismus

Der Antinatalismus ist eine philosophische Position, welche besagt, dass die Zeugung von Menschen moralisch schlecht ist.

David Benatar argumentiert wie folgt für den Antinatalismus:

·        Das Vorhandensein von Leid ist schlecht.

·        Das Vorhandensein von Glück ist gut.

·        Die Abwesenheit von Leid ist gut, auch wenn dieses Gute von niemandem genossen wird.

·        Die Abwesenheit von Glück ist nicht schlecht, es sei denn, es gibt jemanden, für den diese Abwesenheit eine Benachteiligung ist.[1][2]

Szenario 1 (X existiert)

Szenario 2 (X existiert nicht)

Leid (schlecht)

Leid (gut)

Glück (gut)

Glück (nicht schlecht)

Die entscheidende Asymmetrie hierbei: Die Abwesenheit von Leid ist gut; die Abwesenheit von Glück ist nicht schlecht. Daher sollten wir keine Kinder zeugen.

Benatar erklärt diese Asymmetrie mit vier weiteren, die er für plausibel hält:

1. Wir haben eine moralische Verpflichtung, keine unglücklichen Menschen zu zeugen, und wir haben keine moralische Verpflichtung, glückliche Menschen zu zeugen. Der Grund, warum wir glauben, dass es eine moralische Verpflichtung gibt, keine unglücklichen Menschen zu zeugen, ist, dass das Vorhandensein dieses Leidens schlecht (für die Leidenden) und das Fehlen des Leidens gut ist (obwohl es niemanden gibt, der das Fehlen des Leidens genießt). Der Grund, warum wir glauben, dass es keine moralische Verpflichtung gibt, glückliche Menschen zu zeugen, ist, dass die Abwesenheit von Glück, wenn es nicht entsteht, nicht schlecht sein wird, auch wenn es gut für sie wäre, denn es wird niemanden geben, dem dieses Gute genommen wird.

2. Es ist seltsam, die Interessen eines potenziellen Kindes als Grund für die Entscheidung zu erwägen, es zu schaffen, und es ist nicht seltsam, die Interessen eines potenziellen Kindes als Grund für die Entscheidung zu erwähnen, es nicht zu schaffen. Dass das Kind glücklich sein kann, ist kein moralisch wichtiger Grund, es zu zeugen. Im Gegensatz dazu ist es ein wichtiger moralischer Grund, das Kind nicht zu zeugen, wenn es unglücklich ist. Wenn die Abwesenheit von Glück schlecht ist, selbst wenn es jemanden nicht gibt, der seine Abwesenheit erlebt, hätten wir einen wesentlichen moralischen Grund, ein Kind zu zeugen und so viele Kinder wie möglich zu zeugen. Wenn jedoch das Fehlen von Schmerzen nicht gut wäre, selbst wenn jemand dieses Gute nicht erfahren würde, hätten wir keinen moralischen Grund, kein Kind zu zeugen.

3. Eines Tages können wir für das Wohl eines Mannes, dessen Existenz von unserer Entscheidung abhängig war, bedauern, dass wir ihn gezeugt haben - ein Mann kann unglücklich sein und das Vorhandensein seines Leidens wäre eine schlechte Sache. Aber wir werden es niemals bereuen, dass ein Mann, dessen Existenz von unserer Entscheidung abhängig war, nicht gezeugt wurde, weil er jetzt nicht glücklich ist. Den es gibt niemanden, dem dieses Glück geraubt wurde.

4Wir sind traurig darüber, dass irgendwo Menschen gezeugt werden und leiden, und wir sind nicht traurig darüber, dass irgendwo Menschen nicht gezeugt wurden und nicht glücklich sind. Wenn wir wissen, dass irgendwo Menschen gezeugt wurden sind und leiden, fühlen wir Mitgefühl. Die Tatsache, dass auf einigen verlassenen Inseln oder Planeten Menschen nicht entstanden sind und leiden, ist gut. Dies liegt daran, dass die Abwesenheit von Schmerzen auch dann gut ist, wenn es niemanden gibt, der dieses Gute erlebt. Andererseits sind wir nicht traurig darüber, dass auf einer verlassenen Insel oder einem einsamen Planeten Menschen nicht gezeugt wurden sind und nicht glücklich sind. Dies liegt daran, dass die Abwesenheit von Glück nur dann schlecht ist, wenn es jemanden gibt, dem dieses Gute vorenthalten wird.

Laut Benatar sind wir durch die Erschaffung eines Kindes nicht nur für das Leiden dieses Kindes verantwortlich, sondern können auch für das Leiden weiterer Nachkommen dieses Kindes mitverantwortlich sein.[3]

„Nehmen wir an, dass jedes Paar drei Kinder hat, dann belaufen sich die kumulierten Nachkommen eines ursprünglichen Paares über zehn Generationen auf 88.572 Personen. Das ist eine Menge sinnlosen, vermeidbaren Leidens. Die volle Verantwortung für alles liegt freilich nicht beim ursprünglichen Ehepaar, da jede neue Generation vor der Entscheidung steht, ob sie diese Linie von Nachkommen fortsetzen will. Trotzdem tragen sie eine gewisse Teilverantwortung für die nachfolgenden Generationen. Wenn man nicht auf Kinder verzichtet, kann man kaum erwarten, dass seine Nachkommen dies tun.“
- David Benatar: Better Never to Have Been: The Harm of Coming into Existence,   S. 6 - 7.

Neben den philanthropischen Argumenten, die Benatar auch für den Antinatalismus akzeptiert, formuliert Benatar ein misanthropisches Argument:

„Ein anderer Weg zum Antinatalismus führt über das, was ich als "misanthropisches" Argument bezeichnen möchte. Demnach ist der Mensch eine stark fehlerhafte und zerstörerische Spezies, die für das Leiden und Sterben von Milliarden anderer menschlicher und nichtmenschlicher Tiere verantwortlich ist. Wenn dieses Ausmaß der Zerstörung durch eine andere Art verursacht würde, würden wir schnell empfehlen, neue Mitglieder dieser Art nicht ins Leben zu rufen.“
- David Benatar: 
"We Are Creatures That Should Not Exist": The Theory of Anti-Natalism, The Critique.

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Kommentare: 1
  • #1

    Tanja Ranke (Sonntag, 01 September 2019 10:57)

    Endlich habe ich gefunden, was ich gesucht habe. Ich hatte immer schon diese Einstellung.Nur keiner hat mich verstanden. Ich wusste nicht, dass es Menschen gibt, die auch so denken , und dass es einen Namen hat. Ich danke dafür.


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