„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Warum die Quantenmechanik wahrscheinlich falsch ist

Die Quantenmechanik ist vermutlich die erfolgreichste Theorie in der gesamten Geschichte der Physik

Aber: Sie ist mit zwei ernsten Problemen konfrontiert:

Beide Probleme betreffen die Realismusdebatte, kurioserweise aber in entgegengesetzten Richtungen: Das Messproblem betrifft den metaphysischen Realismus, das Unterbestimmtheitsproblem den wissenschaftlichen Realismus.

i.    Metaphysischer Realismus: Die (mesoskopischen) Gegenstände in der Welt (Tische, Katzen, Mond) existieren an sich, d.h. unabhängig davon, ob wir einen Bewusstseinsinhalt von ihnen haben oder nicht.

ii.    Wissenschaftlicher Realismus: Die theoretischen Terme unserer besten und reifesten Theorien referieren auf reale Gegenstände in der Welt.

Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Realismen ist unverzichtbar.

Denn: Auch wissenschaftliche Antirealisten sind i.d.R. metaphysische Realisten.

Das heißt: Sie gehen i.d.R. davon aus, dass es auch dann noch eine Welt gibt, wenn niemand sie wahrnimmt oder über sie nachdenkt. Sie bezweifeln aber, dass unsere besten wissenschaftlichen Theorien - wie die QM - diese Welt beschreiben.

Mehr noch: Etliche Philosophen behaupten gar, dass die Erfahrungswissenschaft zum metaphysischen Realismus epistemisch verpflichtet ist. Denn Experimente und Messungen setzen den Glauben an Labore, Geräte und Zeigerstände voraus.

Folglich: Der wissenschaftliche setzt den metaphysischen Realismus voraus:

a. Wissenschaftlicher Realismus (QM)  Metaphysischer Realismus

Im Kontext des Messproblems wird jedoch die unabhängige Existenz bestimmter  Zustände und damit die Quantenentitäten, die durch diese Zustände repräsentiert werden, in Frage gestellt. Darüberhinaus gibt es keinen "Heisenberg-Cut". Das heißt, das Messproblem stellt auch die unabhängige Existenz der mesoskopischen Entitäten in Frage, die aus Quantenentitäten bestehen:

b. Messproblem ¬ Metaphysischer Realismus

Bemerkenswert: Die Quantenmechanik ist in dieser Hinsicht die einzige erfahrungswissenschaftliche Theorie, die den metaphysischen Realismus bedroht!

Der ATLAS-Teilchendetektor am Large Hadron Collider (LHC)
Der ATLAS-Teilchendetektor am Large Hadron Collider (LHC)

Experimente in der Quantenmechanik werden oft an Teilchenbeschleunigern durchgeführt.

Gegenargumente

Daraus lassen sich nun mehrere Argumente gegen die Quantenmechanik formen:

Das erste Gegenargument beruht auf einer Reductio ad absurdum:

P1. Die Quantenmechanik stellt den metaphysischen Realismus in Frage.
P2. Der metaphyische Realismus ist aber evident: Der Erdenmond existiert konkret, und zwar unabhängig davon, ob ihn jemand beobachtet oder nicht.
K1. Also: Die Quantenmechanik ist wahrscheinlich falsch.

Aber: Das erste Gegenargument ist relativ schwach. Erstens stellt die Quantenmechanik den metaphysischen Realismus nur in Frage, sie leugnet ihn nicht, es gibt sogar dezidiert realistische Deutungen der Quantenmechanik. Und zweitens fußt es auf der schlechtbegründeten These des Außenweltrealismus.

Das zweite Gegenargument beruht auf den beiden Implikationen a. und b.

P1. Die Wahrheit der Quantenmechanik setzt die Wahrheit des Metaphysischen Realismus voraus (a).
P2. Die Wahrheit der Quantenmechanik stellt die Wahrheit des Metaphysischen Realismus in Frage (b).

K1Wenn die Quantenmechanik wahr ist, dann stellt sie unabhängige Existenz von Experimenten, Atomreaktoren und Transistoren in Frage.

P3. Die unabhängige Existenz und Funktionsweise solcher Entitäten ist aber das einzige, was die Quantenmechanik so erfolgreich macht.

K2. Die Quantenmechanik umterminiert ihren eigenen Wahrheitsanspruch.

K3. Es spricht letztlich nichts für die Wahrheit der Quantenmechanik.
K4. Also: Die Quantenmechanik ist wahrscheinlich falsch.

Auch hier: Die QM stellt die Quantenmechanik den metaphysischen Realismus in Frage, sie leugnet ihn nicht per se. Das Argument steht und fällt mit P2.

Daher habe ich auch nur das informelle logische Symbol "⊃" und nicht das "→"  der strengen logischen Implikation gewählt.

Aber: Die zwei besten Argumente gegen die Wahrheit der QM sind mMn. einfach  die zwei populärsten Argumente gegen den wissenschaftlichen Realismus per se.

Das dritte Gegenargument ist das allgemeine Unterbestimmtheitsargument:

P1. Die Interpretation der Quantenmechanik T1 sei durch die Beobachtungen b1, b2, ... bn empirisch gestützt.

P2. Dann gibt es alternative Interpretationen T2, T3, ... Tn, die andere ontologische Annahmen als T1 beinhalten, jedoch empirisch äquivalent sind, d.h. ebenfalls durch b1, b2, ... bn gestützt werden.
K1. Der ontologische Gehalt von T1 ist durch b1, b2, ... bn empirisch unterbestimmt.

K2. Die Interpretation der Quantenmechanik T1 ist falsch.

Dieses Argument ist besonders stark oder bis einschließlich K1 sogar zwingend. Denn wir WISSEN, dass es mehrere Interpretationen der Quantenmechanik gibt, die empirisch gleichwertig, jedoch in ihren ontologischen Postulaten grundlegend verschieden sind. Siehe hierzu auch: Unterbestimmtheit in der Quantenmechanik.

Das vierte Gegenargument ist das der Pessimistischen Meta-Induktion:

P1. Die meisten Theorien haben sich im Laufe der Wissenschaftsgeschichte als falsch herausgestellt.

P2. Wir sind nicht gerechtfertigt zu glauben, dass es sich mit unseren derzeitigen erfolgreichsten Theorien - wie die QM - prinzipiell anders verhält.

K1. Also: Die Quantenmechanik ist wahrscheinlich falsch.

Dieses Argument ist besonders stark oder sogar zwingend. Denn wir WISSEN, dass die Quantenmechanik nicht das letzte Wort sein kann. Denn sie beschreibt beispielsweise einerseits nicht die Grundkraft der Gravitation. Andererseits hat sie aber den Anspruch, die gesamte physische Realität zu beschreiben. Folglich erweist sie sich z.B. bei der Beschreibung von Schwarzen Löchern als falsch und könnte in Zukunft durch eine Theorie der Quantengravitation abgelöst werden.

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