„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Wahrmacher

Ein Wahrmacher ist grob eine Entität 1, die eine andere Entität 2 wahr macht.

Eine Wahrmachertheorie stellt sich nun u.a. die nachstehenden Fragen:

Hauptfrage 1: Was bedeutet es es, dass eine Entität 1 eine andere Entität 2 wahr macht? (Abschnitt 1: Begriffsanalyse).

Hauptfrage 2: Unter welchen Prinzipien ist es gegeben, dass eine Entität 1 eine andere Entität 2 wahr macht? (Abschnitt 2: Prinzipien).

Hauptfrage 3: Wie ist eine Entität 1 ontologisch beschaffen, die eine Entität 2 wahr machen kann? (Abschnitt 3: Ontologie).

Metafrage: Warum sollten wir uns überhaupt mit solchen Fragen beschäftigen? (Abschnitt 4: Sinn und Zweck).

Was ist es, das "Ich schreibe diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop" wahr macht?
Was ist es, das "Ich schreibe diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop" wahr macht?

0. Vorannahmen und Einleitung

"Wahrheit" und "Falschheit" seien ontologisch Eigenschaften. Dies entspricht so auch der Mehrheitsmeinung unter Erkenntnistheoretikern.[1]

Außerdem führen wir den Begriff des "Wahrheitswertes" ein:

• Was wahr ist, hat den Wahrheitswert Wahr.
• Was falsch ist, hat den Wahrheitswert Falsch.

Eine Entität, die Träger einer der beiden Eigenschaften "Wahrheit" oder "Falschheit" ist, sei von nun an als "Wahrheitswertträger" bezeichnet.

Frage: Was sind potentielle Kandidaten für Wahrheitswertträger?

Antwort:

• Sätze
• Äußerungen
• Meinungen
• Urteile
Propositionen

Einer verbreiteten Auffassung zufolge sind Propositionen primäre Wahrheits-wertträger - und Sätze, Urteile, etc. sekundäre Wahrheitswertträger. Das heißt: Sätze, Urteile, etc. sind deshalb wahr (bzw. falsch), weil sie zu wahren (bzw. falschen) Propositionen in einem bestimmten Verhältnis stehen. 

Beispiel: Satz S "Ich schreibe diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop."

Nach der oben beschriebenen Auffassung soll S nun wahr sein, weil S eine wahre Proposition ausdrückt bzw. eine wahre Proposition als Gehalt hat.[2]

Frage: Aber was macht eine Proposition zu einer wahren Proposition?

Generell: Eine Proposition stellt die Welt auf eine bestimmte Weise dar, wobei diese Darstellung ausschnittartig ist. Die Proposition P "Ich schreibe diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop", stellt die Welt bspw. so dar, als ob ich diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop schreibe. P stellt die Welt aber nur ausschnittartig dar, der Satz sagt u.a. nichts darüber darüber aus, ob ich dabei sitze oder stehe.

Also: Wenn eine Proposition die Welt so darstellt, wie sie ist, dann ist diese Proposition wahr. Wenn eine Proposition die Welt dahingegen anders darstellt, als sie in Wirklichkeit ist, dann ist diese Proposition falsch.

Wenn sich die Wahrheit einer Proposition (einem Ausschnitt) der Welt verdankt, dann sollte es eine Entität in der Welt geben, dass die Proposition kraft seiner Existenz wahr macht. Wir nennen diese Entität "Wahrmacher".

Eine Wahrmachertheorie postuliert, dass eine bestimmte Entität E eine Proposition P kraft ihrer Existenz wahr macht.

Es gibt für gewöhnlich keine "Falschmachertheorie", da einfach angenommen wird, dass ein Wahrmacher einer Proposition zugleich ein Falschmacher ihrer Negation ist.

Hauptfrage 1: Begriffsanalyse

Hauptfrage 1: Was bedeutet es es, dass eine Entität 1 eine andere Entität 2 wahr macht? (Abschnitt 3).

Mit anderen Worten: Wie kann der Begriff des Wahrmachens analysiert werden?

1. Antwortmöglichkeit: Gar nicht. Denn der Begriff des Wahrmachens ist so grundlegend, dass er sich einer reduktiven Analyse widersetzt.[3]

Kritik Antwortmöglichkeit 1: Die erste Antwortmöglichkeit ist nicht sonderlich überzeugend. Denn die Bedeutung von "x macht y wahr" ist offensichtlich kompositional aus den Bedeutungen von "machen" und "wahr", was es wenig plausibel macht, den Begriff des Wahrmachens für analyseresistent zu halten.

2. Antwortmöglichkeit: Über diese Beziehung der Implikation:

WM-Definition-1: x macht es wahr, dass p Def. dass x existiert, impliziert, dass p.

Die Überzeugungskraft der zweiten Antwortmöglichkeit hängt wesentlich davon ab, wie genau der Begriff der Implikation verstanden wird. Laut dem klassischen modalen Verständnis gilt: x impliziert y genau dann, wenn x nicht wahr sein kann, ohne dass auch y wahr ist. Damit wäre die WM1 äquivalent zu:

WM-Definition-2: x macht es wahr, dass p Def. notwendigerweise gilt: wenn x existiert, ist es wahr, dass p.[4]

Kritik Antwortmöglichkeit 2: Die zweite Antwortmöglichkeit hat Konsequenzen, die üblicherweise als äußerst unplausibel betrachtet werden[5]. Aus ihr folgt bspw., dass jede notwendige Wahrheit – wie etwa die Wahrheit, dass 2 eine Primzahl ist – von jedem beliebigen Gegenstand wahr gemacht wird.

Antwortmöglichkeit 2 lässt sich noch mit diesem intuitiven Prinizip kombinieren:

Disjunktionsprinzip: Jeder Wahrmacher einer Disjunktion ist zugleich Wahrmacher mindestens eines der beiden Disjunkte.

In Kombination mit dem Disjunktionsprinzip folgt aus WM-1 jetzt sogar, dass jede Entität jede beliebige Wahrheit wahr macht.

Denn: Es sei x eine beliebige Entität und y eine beliebige Wahrheit. Dann macht x laut WM-2 die Disjunktion von y und der Negation von y wahr (da diese Disjunktion notwendigerweise wahr ist). Also macht x eines der Disjunkte wahr. Da aber y als wahr vorausgesetzt wurde, ist die Negation von y falsch. Mithin macht x Proposition y wahr; da diese völlig beliebig gewählt war, macht x also jede Proposition wahr. Diese Konsequenz lässt die Antwortmöglichkeit 2 noch einmal unplausibler erscheinen!

Etliche Philosophen meinen daher, dass die Antwortmöglichkeit 2 auf einen tieferliegenden Defekt in der Definition des Wahrmacherbegriffs über den Begriff der modalen Implikation hinweist.[6]

Darauf kann nun verschiedenartig reagiert werden:

Reaktion 1: Es wird an der Grundidee von Antwortmöglichkeit 2 festgehalten, aber an Details des Vorschlages gefeilt. Man kann entweder am klassischen, modalen Verhältnis von Implikation festhalten und die Definition des Wahrmachens um zusätzliche Bedingungen anreichern.[7] Oder man kann anstelle des modalen einen relevanzlogischen Implikationsbegriff verwenden.[8] 

Reaktion 2: Es wird die Grundidee von Antwortmöglichkeit 2 verworfen. Man kann den Implikationsbegriff z.B. durch einen stärkeren Begriff des Grundes ersetzen.[9][10] Dies entspricht dann der Antwortmöglichkeit 3:

WM-Definition-3: x macht es wahr, dass p Def. dass p, ist wahr, weil x existiert.

Diese Analyse hat nicht zur Folge, dass jede Entität jede notwendige Wahrheit wahr macht. Denn das die leere Menge keine Elemente hat, ist beispielsweise nicht deshalb wahr, weil ich diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop schreibe.

Kritik Antwortmöglichkeit 3: Der Kernbegriff des Grundes ist (derzeit) noch zu unklar, um hier wirklich etwas verständlicher zu machen. Er bedarf daher selber einer reduktiven Analyse, wobei sich dabei vielerorts wieder gleichen Probleme wie bei Wahrmacherbegriff stellen. WM-3 führt uns also nicht substantiell weiter.

Hauptfrage 2: Prinzipien

Hauptfrage 2: Unter welchen Prinzipien ist es gegeben, dass eine Entität 1 eine andere Entität 2 wahr macht?

Die folgenden Antwortmöglichkeiten werden u.a. diskutiert:[11]

Wahrheitsprinzip: Hat eine Proposition einen Wahrmacher, ist die Proposition wahr.

Notwendigkeitsprinzip: Wenn x ein Wahrmacher von y ist, gilt notwendigerweise: Existiert x, so ist y wahr.

Disjunktionsprinzip: Jeder Wahrmacher einer Disjunktion ist zugleich Wahrmacher mindestens eines der beiden Disjunkte.

Konjunktionsprinzip: Jeder Wahrmacher einer Konjunktion ist zugleich Wahrmacher beider Konjunkte.

Implikationsprinzip: Wenn x Proposition y wahr macht, und y impliziert z, dann macht x auch z wahr.

Einerseits kann die Antwort auf die Hauptfrage 2 maßgeblich von der Antwort auf die Hauptfrage 1 abhängen.

Beispiel: Wir wir gesehen haben, wird ein Anhänger der zweiten Antwortmöglichkeit auf die Hauptfrage 1 das Disjunktionsprinzip ablehnen müssen, wenn er nicht alles zum Wahrmacher jeder Proposition erklären will.

Andererseits kann die Antwort auf die Hauptfrage 1 umgekehrt auch maßgeblich von der Antwort auf die Hauptfrage 2 abhängen.

Beispiel: Ein Anhänger der ersten Antwortmöglichkeit auf die Hauptfrage 1 kann versuchen ein Prinzip zu wählen, welches den Begriff des Wahrmachens trotz seiner Analyseresistenz theoretisch und praktisch handbar macht.

Hauptfrage 3: Ontologie

Hauptfrage 3: Wie ist eine Entität 1 ontologisch beschaffen, die eine Entität 2 wahr machen kann?

Mit anderen Worten: Was ist ein Wahrmacher?

Wir wissen bereits: Ein Wahrmacher ist eine Entität, die Propositionen wahr macht. Aber in welchem Sinne ist bzw. existiert diese Entität denn nun?

Auch hierauf werden wieder verschiedene Antwortmöglichkeiten diskutiert:

1.    Tatsachen[11]

2.    Ereignisse sowie datierbare Zustände bzw. partikularisierte Eigenschaften (in der englischen Literatur als "tropes" bezeichnet).[12]

Beispiel:

A. Die Proposition "Ich schreibe diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop."

Wird nach den diskutierten Antwortmöglichkeiten wahr gemacht durch:

1.    Die Tatsache, dass ich zum Zeitpunkt t diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop schreibe.

2.    Das Ereignisdass ich zum Zeitpunkt t diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop schreibe.

Die zweite Antwortmöglichkeit kann nur dann überzeugen, wenn der Ereignisbegriff unabhängig von Raum, Zeit und auch Kausalität definiert wird.

Die erste Antwortmöglichkeit ist weitaus weniger erklärungsbedürftig und soll hier deshalb als die richtige vorausgesetzt werden. Je nachdem, wie die Existenzbedingungen von Tatsachen aufgefasst werden, ergeben sich nun unterschiedliche Theorien von Tatsachen und somit auch des Wahrmachens.

Eine sehr generöse Tatsachendefinition lautet:

T Wenn p, dann gibt es die Tatsache, dass p.

Also: Wenn es die Tatsache gibt, dass p, so macht diese die Proposition wahr, dass p. Durch diese Definition wird die Hauptfrage 3 mittels T trivialisiert.

Im Regelfall werden in der Debatte aber zusätzliche Anforderungen an die Existenz von Tatsachen gestellt. Diese können zum einen die Struktur von Tatsachen und zum anderen die Eigenschaften von Tatsachen betreffen.

Wenn man diese zusätzlichen Anforderungen miteinbezieht, gibt es nicht mehr die Tatsache, dass ich zum Zeitpunkt t diesen Text hier auf einem Lenovo-Laptop schreibe. Allenfalls gibt es die Tatsache, dass ich zum Zeitpunkt t auf einem So-und-So beschaffenen Ding ganz bestimmte Fingerbewegungen vollführe.

Eine solche Tatsachen- bzw. Wahrmacherkonzeption ist keineswegs trivial.

Metafrage: Sinn und Zweck

Metafrage 1: Warum sollten wir uns überhaupt mit solchen Fragen (wie den Hauptfragen 1 - 3) beschäftigen?

Einige Philosophen meinen, dass diese Fragen vor allem dem Selbstzweck dienen und bestenfalls unserem Verständnis vom Wesen der Wahrheit dienen.

Andere Philosophen sehen in der Beschäftigung mit diesen Fragen dahingegen den Königsweg zur Entwicklung einer guten ontologischen Theorie.[13] 

Denn: Ein Grund, bestimmte Entitäten in unserer Ontologie für existent zu halten bzw. aufzunehmen, kann darin bestehen, dass wir bestimmte Propositionen für wahr halten und die betroffenen Entitäten als ihre Wahrmacher ausmachen.

Dann gilt:

P1. Die Proposition P ist wahr.

P2. P kann nur kraft der Existenz der Entität E wahr sein.
C1. Also: E muss existieren.

Wieder andere Philosophen postulieren, dass uns Wahrmachertheorien in der Sprachphilosophie bei der Entwicklung von Semantiken weiterhelfen kann.

Kit Fine schlägt beispielsweise vor, den semantischen Gehalt eines Satzes mit der Menge der möglichen Situationen zu identifizieren, die ihn wahrmachen.[14] Wir erhalten so einen erheblich feinkörnigeren Begriff des semantischen Gehaltes als im Rahmen der gängigen mögliche Welten-Semantik[15], was – so Fines Anspruch – angemessenere Analysen diverser sprachlicher Konstruktionen ermöglicht, wie etwa die von kontrafaktischen Konditionalen.[16][17]

Fußnoten

[1] Gottlob Frege hat der Mehrheitsmeinung widersprochen. Siehe insbesondere Gottlob Frege: "Der Gedanke" und Gottlob Frege: "Logische Untersuchungen."

[2] Ian Rumfitt hat der Auffassung widersprochen. Siehe insbesondere Ian Rumfitt: Truth and the determination of content.

[3] Peter M. Simons: Truthmakers Optimalism (2000).

[4] John F. Fox: Truthmaker (1987).

[5] Greg Restall: Truthmakers, entailment, and necessity (1996).

[6] Mieszko Tałasiewicz; Joanna Odrowąż-Sypniewska; Wojciech Wciórka;  Piotr  Wilkin:Do we need a new theory of truthmaking? Some comments on disjunction thesis, conjunction thesis, entailment principle and explanation.

[7] Barry Smith: Truthmakers realism (1999). Replik: Benjamin Schnieder: 

Troubles with truth-making: Necessitation and projection (2006).

[8] Greg Restall: Truthmakers, entailment, and necessity (1996).

[9] Benjamin Schnieder: Truth-making without truth-makers (2006).

[10] Fabrice Correia: From grounding to truth-making: Some thoughts (2011)

[11] David M. Armstrong: Truth and Truthmakers (2004), Kap. 4 und 18.

[12] Kevin Mulligan; Peter Simons; Barry Smith: Truth-Makers (1984), Kap. 9 und 19.

[13] David M. Armstrong: Truth and Truthmakers (2004).

[14] Kit Fine: Some Puzzles of ground (2012).

[15] ebd., Kap. 54

[16] ebd., Kap. 57

[17] Kit Fine spricht dem Falschmachen übrigens, anders als die meisten Wahrmachertheoretiker, eine ebenso große Rolle zu wie dem Wahrmachen.

Siehe auch

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Philoclopedia (Montag, 09 September 2019 19:51)

    WAHRMACHERTHEORIEN UND WAHRHEITSTHEORIEN SIND NICHT DASSELBE

    Wahrmachertheorien und Wahrheitstheorien
    Eine Wahrheitstheorie postuliert, dass eine Proposition P wahr ist, wenn etwas der Fall ist.

    Beispiel: Die Korrespondenztheorie postuliert, dass eine Proposition P wahr ist, wenn sie in einer bestimmten Beziehung zu (einem Ausschnitt) der Welt steht.

    Oft wird die Idee der Wahrmachertheorie entweder allgemein mit der Idee der Wahrheitstheorie oder spezifisch mit der Korrespondenztheorie identifiziert. Es spricht jedoch einiges dafür, eine solche Gleichsetzung nicht vorzunehmen.

    1. Eine Wahrheitstheorie versucht den Wahrheitsbegriff zu definieren, während eine Wahrmachertheorie versucht zu erklären, was eine Proposition wahr macht.

    Also: Wahrheitstheorie und Wahrmachertheorie sind also nicht dasselbe.

    2. Man kann einerseits eine Variante der Korrespondenztheorie vertreten, ohne aber zu meinen, dass diese Beziehung zur Welt die Proposition wahr macht.

    Also: Korrespondenztheorie und Wahrmachertheorie sind also nicht dasselbe.


Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.