„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Duplikationsargument für den Physikalismus

P1. Die mikrophysikalische Welt besteht aus bestimmten physikalischen Eigenschaften (tokens), die an den Punkten der Raumzeit auftreten. Demnach lässt sie sich vollständig beschreiben, indem wir für jeden Punkt in Raum und Zeit angeben, welche Eigenschaften an dem betreffenden Punkt auftreten.

Wir können uns vorstellen (es ist metaphysisch-möglich), dass der gesamte mikrophysikalische Bereich der Welt verdoppelt wird. Das heißt, es findet eine Operation statt, welche die gesamte Raumzeit und alle und nur die physikalischen Eigenschaften, die an den Punkten der Raumzeit auftreten, verdoppelt. Die so geschaffene Doppel-Welt w* ist also mit der realen Welt w mikrophysikalisch identisch. D.h. w* und w besitzen dieselben mikrophysikalischen Eigenschaften.

Frage: Besitzt w* auch alle weiteren Eigenschaften von w? Also auch dieselben chemischen, biologischen, sozialen, mentalen etc. Eigenschaften? Anders gefragt: Ist das mikrophysikalische Duplikat w* auch ein vollständiges Duplikat von w?

Unsere Intuition ist, diese Frage zu bejahen. Denn wir wissen, dass alle Objekte und damit alle Eigenschaften, die es im Universum gibt, aus mikrophysikalischen Entitäten entstanden und zusammengesetzt sind. Nach alldem, was wir über die Welt wissen, kann es also keine Änderung in den biologischen, sozialen oder mentalen Eigenschaften einer Welt ohne eine Änderung in ihren mikrophysikalischen Eigenschaften geben. Das bekräftigt die zweite Prämisse:

P2. Alle Eigenschaften in einer Welt supervenieren global über ihre mikrophysikalischen Eigenschaften. Das heißt, alle Eigenschaften in einer Welt werden vollständig durch ihre mikrophysikalischen Eigenschaften bestimmt.

Daraus folgt:

K1. w* muss notwendigerweise ein vollständiges Duplikat von w sein.

P1. bis K1. bildet ein Argument für den Mikrophysikalismus.

Es ist jedoch mit mindestens zwei Problemen konfrontiert.

1. Problem: P2. gilt vermutlich für biologische, soziale und sogar mentale Eigenschaften. Aber es scheint unplausibel, dass wirklich alle Eigenschaften, das heißt insb. auch Eigenschaften von abstrakten Objekten wie etwa Zahlen oder Junktoren global über mikrophysikalische Eigenschaften supervenieren. 

2. Problem:

a. Jede physikalische Wirkung fällt unter physikalische Gesetze und diese enthalten nur physikalische Variablen. Also gibt es für jede physikalische Wirkung vollständig hinreichende und rein physikalische Ursachen

b. Wenn z.B. ein mentales Eigenschaftsvorkommnis ein anderes mentales Eigenschaftsvorkommnisverursacht, verursacht es nach P2. auch immer mikrophysikalische Eigenschaftsvorkommnisse. Einige physikalische Wirkungen haben also auch vollständig hinreichende und nicht-physikalische Ursachen.

Die Konjunktion aus a und b ergibt nun folgendes Schema:

Das physikalische Eigenschaftsvorkommnis p2 ist in diesem Schema durch zwei hinreichende (eine mentale und eine physikalische) Ursachen überdeterminiert.

Beispiel: Wenn das mentale Eigenschaftsvorkommnis "Ich habe Hunger" das andere mentale Eigenschaftsvorkommnis "Ich bestelle mir etwas zu essen" verursacht, verursacht es nach P2 auch immer physikalische Eigenschafts-vorkommnisse. Diese physikalischen Eigenschaftsvorkommnisse haben nach a. aber auch rein physikalische Ursachen und sind damit kausal überdeterminiert.

Siehe für Lösungsansätze zum Exklusionsproblem:

zum vorherigen Blogeintrag                                        zum nächsten Blogeintrag 

 

 

Liste aller Blogbeiträge zum Thema "Metaphysik"

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.