„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Thomas Kuhn: Normalwissenschaftliche Phase

Thomas Kuhn beschreibt die Wissenschaftsentwicklung in einem 4-Phasenmodell:

1.    Vorparadigmatische Phase

2.    Normalwissenschaftliche Phase

3.    Außerordentliche Phase

4.    Wissenschaftliche Phase

Das charakteristische Merkmal der normalwissenschaftlichen Phase ist es, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft ("scientific community") eine einheitliche Lehrmeinung (ein Paradigma) zu Grundlagenfragen der Disziplin akzeptiert hat.

Das kann im Einzelnen u.a. bedeuten:

·  Es gibt einen allgemeinen Wissenskanon,

·  Es gibt einen Konsens über die Grundlagen der Disziplin, und/oder

·  Es gibt eine einheitliche Methodologie.

Newtons Mechanik war ein Paradigma der klassischen Physik. Denn sie:

a. steckte den inhaltlichen, grundlegenden und methodologischen Rahmen ab, in dem zukünftige Forschung stattfinden konnte.
b. definierte Probleme und paradigmatische Lösungsansätze für ihre Lösung  und gute Forschung im Allgemeinen.

Kuhn vergleicht das Problemlösen des Normalwissenschaftlers mit dem Lösen von RätselnDiese Analogie besteht u.a. in diesen drei Dimensionen:

1. Ein Normalwissenschaftler und ein Sudokuspieler sind bestimmten Reglemen-tierungen oder Regeln unterworfen, die die Kriterien für akzeptierte Lösungen vorgeben. Bei einem einem Normalwissenschaftler sind diese implizit durch ein Paradigma und bei einem Sudokuspieler explizit durch die Spielregeln gegeben.

2. Ein Normalwissenschaftler und ein Sudokuspieler erwarten, dass es eine (und eventuell nur eine) regelkonforme Lösung des Rätsels gibt.

3. Wenn ein Normalwissenschaftler und ein Sudokuspieler keine regelkonforme Lösung finden, zweifeln sie nicht die herrschenden Regeln bzw. Paradigmen, sondern eher die Problemstellung oder ihre Problemlösungs-fähigkeiten an. Die Arbeit des Normalwissenschaftlers kann daher nicht als Bewähren oder Testen des herrschenden Paradigmas angesehen werden.

”Bei näherer Untersuchung, sei sie historisch oder im modernen Labor, erscheint dieses Unternehmen [normalwissenschaftliches Aufräumen] als Versuch, die Natur in die vorgeformte und relativ starre Schublade, welche das Paradigma darstellt, hineinzuzwängen. In keiner Weise ist es das Ziel der normalen Wissenschaft, neue Phänomene zu finden [...]“

- Thomas Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1979), S. 38

Die Normalwissenschaft enthält damit ein "quasi-dogmatisches Element". Dieses besteht insofern, als dass die leitenden Reglementierungen nicht zur Disposition steht. Vielmehr lebt sie von der Erwartung, dass alle vernünftig gewählten Probleme im Rahmen der Reglementierungen gelöst werden können. Entsprechend betreiben Normalwissenschaftler nur "Aufräum-tätigkeiten" (S.38) und sind gar nicht darauf aus, neue Paradigmen aufzustellen.

Dies schränkt ihr Forschungsfeld zwar drastisch ein, ermöglicht ihnen jedoch eine Tiefe und Genauigkeit in der Forschung, wie sie ohne das Paradigma unvorstellbar wäre. (ebd.) Damit Normalwissenschaft also überhaupt funktionieren kann, muss ein Forscher dem Paradigma, in dem er arbeitet, in gewisser Weise unkritisch gegenüberstehen. Nur so ist er in der Lage, seine Kräfte auf die ausführliche Ausarbeitung des Paradigmas zu konzentrieren.

Wenn sich ein Rätsel nicht regelkonform lösen lässt, wird dies demgemäß eher als Anomalie im Paradigma statt als Falsifikation des Paradigmas angesehen. Wenn die Anomalien aber anhalten oder sich mehren, kommt es zu einer Krise des Paradigmas. Diese Krise kann zu seiner Verdrängung durch ein anderes Paradigma – sprich zu einer wissenschaftlichen Revolution führen.

Hauptliteratur

Thomas Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1979).

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Kommentare: 3
  • #1

    Philoclopedia (Donnerstag, 26 September 2019 20:58)

    Das Wesen der normalen Wissenschaft „In diesem Essay bedeutet „normale Wissenschaft“ eine Forschung, die fest auf einer oder mehreren wissenschaftlichen Leistungen der Vergangenheit beruht, Leistungen, die von einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinschaft eine Zeitlang als Grundlagen für ihre weitere Arbeit anerkannt werden. Heute werden solche Leistungen in wissenschaftlichen Lehrbüchern, für Anfänger und Fortgeschrittene, im einzelnen geschildert, wenn auch selten in ihrer ursprünglichen Form. Diese Lehrbücher legen das anerkannte Theoriengebäude dar, erläutern viele oder alle ihrer erfolgreichen Anwendungen und vergleichen diese Anwendungen mit exemplarischen Beobachtungen und Experimenten.“ (S. 25) „Aufräumarbeiten sind das, was die meisten Wissenschaftler während ihrer gesamten Laufbahn beschäftigt, und sie machen das aus, was ich hier normale Wissenschaft nenne. Bei näherer Untersuchung, sei sie historisch oder im modernen Labor, erscheint dieses Unternehmen als Versuch, die Natur in die vorgeformte und relativ starre Schublade, welche das Paradigma darstellt, hineinzuzwängen. In keiner Weise ist es das Ziel der normalen Wissenschaft, neue Phänomene zu finden; und tatsächlich werden die nicht in die Schublade hineinpassenden oft überhaupt nicht gesehen. Normalerweise erheben die Wissenschaftler auch nicht den Anspruch, neue Theorien zu finden, und oft genug sind sie intolerant gegenüber den von anderen gefundenen. Normalwissenschaftliche Forschung ist vielmehr auf die Verdeutlichung der vom Paradigma bereits vertretenen Phänomene und Theorien ausgerichtet.“ (S. 38)

  • #2

    Philoclopedia (Freitag, 27 September 2019 19:06)

    „Aufräumarbeiten sind das, was die meisten Wissenschaftler während ihrer gesamten Laufbahn beschäftigt, und sie machen das aus, was ich hier normale Wissenschaft nenne. Bei näherer Untersuchung, sei sie historisch oder im modernen Labor, erscheint dieses Unternehmen als Versuch, die Natur in die vorgeformte und relativ starre Schublade, welche das Paradigma darstellt, hineinzuzwängen. In keiner Weise ist es das Ziel der normalen Wissenschaft, neue Phänomene zu finden; und tatsächlich werden die nicht in die Schublade hineinpassenden oft überhaupt nicht gesehen. Normalerweise erheben die Wissenschaftler auch nicht den Anspruch, neue Theorien zu finden, und oft genug sind sie intolerant gegenüber den von anderen gefundenen. Normalwissenschaftliche Forschung ist vielmehr auf die Verdeutlichung der vom Paradigma bereits vertretenen Phänomene und Theorien ausgerichtet.“
    - Thomas Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1979), S. 38

  • #3

    Philoclopedia (Freitag, 27 September 2019 19:07)

    Der Normalwissenschaftler verfolgt im Wesentlichen 3 Arten von Tätigkeiten:

    i. Bestimmung bedeutsamer Tatsachen: Dies bedeutet z.B. die Bestimmung der Spektren von Molekülen oder Wellenlängen.

    ii. Gegenseitige Anpassung von Fakten und Theorie: Dies beinhaltet die Beseitigung von Ungenauigkeiten durch Miteinbeziehung von in der idealisierten Theorie vernachlässigten Phänomenen wie Luftwiderstand oder Reibung und auf der anderen Seite bestätigende Experimente wie die Atwoodsche Fallmaschine oder der Nachweis von Neutrinos.

    iii. Artikulation des Paradigmas: Hierzu zählen die Beseitigung noch bestehender Unklarheiten der Theorie, Versuche einer logisch überzeugenden Darstellung einer Theorie und die Herleitung neuer Gesetze aus der paradigmagebenden Theorie.


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