„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Thomas Kuhn: Anomalien und Krisen

Thomas Kuhn beschreibt die Wissenschaftsentwicklung in einem 4-Phasenmodell:

1.    Vorparadigmatische Phase

2.    Normalwissenschaftliche Phase

3.    Anomalie und Krise

4.    Wissenschaftliche Revolution

Eine Anomalie ist ein "Phänomen, […] auf welches das Paradigma den Forscher nicht vorbereit hatte"[70]. Oft steht es sogar in einem direkten Widerspruch zum herrschenden Paradigma. Die Entdeckungen von Anomalien sind meistens unbeabsichtigt (70) und lassen sich nicht genau datieren, da sie ein komplexer Vorgang sind (67 f.).

Während der normalwissenschaftlichen Phase sind Anomalien üblich und undramatisch.[146f.] In der Regel werden sie auf Unzulänglichkeiten des Wissenschaftlers zurückgeführt und durch Folgeexperimente auszubügeln versucht. Wenn das nicht gelingt, werde kleinere Ad-Hoc-Reparaturen vorgenommen, die Kernidee des Paradigmas bleibt aber bestehen:

Eine Anomalie führt also nicht unweigerlich in eine Krise, sondern nur wenn sie:

1. Die Grundlagen eines Paradigmas bedroht und den diversen Beseitigungsversuchen der Normalwissenschaft widersteht. Als Beispiel zitiert Kuhn die Probleme, die im Rahmen der maxwellschen elektromagnetischen Theorie gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit den Konzepten des Äthers und der Erdbewegung verbunden waren. Ein anderes Beispiel etwa die Probleme dar, die sich durch das Auftreten von Kometen für den geordneten und vollkommen aristotelischen Kosmos aus verbundenen kristallinen Sphären ergaben.

2. In Bezug auf soziale Erfordernisse dringlich istDie Probleme, mit denen sich die ptolemäische Astronomie konfrontiert sah, waren dringlich im Hinblick auf ihre Erfordernisse für die Kalenderreform zur Zeit des Kopernikus.

3. zusammen mit vielen weiteren ernsthaften Anomalien auftritt. Die Krise der klassischen Physik wurde von etlichen Anomalien etwa bei der Erklärung der Schwarzkörperstrahlung oder der Spektrallinien des H-Atoms eingeläutet.

4. zusammen mit einem rivalisierenden Paradigma auftritt. Dieses lässt das herrschende Paradigma nicht mehr unumstößlich erscheinen.

Wenn einige dieser Punkte zutreffen, kann es zu einer Krise kommen. In dieser "außerordentlichen wissenschaftlichen Phase" werden wieder über radikale Modifikationen am herrschenden Paradigma und Alternativen nachgedacht, was nicht selten zu unerwartateten Entdeckungen führt.

Typische Symptome von wissenschaftlichen Krisen sind nach Kuhn:

·        fachwissenschaftliche Unsicherheit: Es findet sich auch langfristig keine Lösung für die Anomalie. Dies führt dann zu einem unerwarteten "Zusammenbruch der normalen Technik des Rätsellösens" (S. 100).

·        Theorieninflation: Eine "Wucherung von Versionen einer Theorie."

·        Komplexitätszuwachs: Die Theorien werden immer komplizierter und es braucht immer mehr Zusatzannahmen.

·        Inkonsistenz: An allen Enden tauchen Ungereimtheiten auf.

·        Krisenstimmung: Innerhalb der "scientific community" kommt es zur Krisenstimmung:

„Zur Zeit ist die Physik wieder einmal furchtbar durcheinander. Auf jeden Fall ist sie für mich zu schwierig und ich wünschte, ich wäre Filmschauspieler oder etwas Ähnliches und hätte von der Physik nie etwas gehört.“

– Wolfgang Pauli (S. 97)

 „Es war, wie wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen worden wäre, ohne dass sich irgendwo fester Grund zeigte, auf dem man hätte bauen können“

- Albert Einstein (S. 96f.)


Als historische Beispiele für Disziplinen, die in wissenschaftlichen Krisen steckten, führt Kuhn unter anderem die Ptolemäische Astronomie (S. 80 ff.); die Chemie vor der Zeit Lavoisiers (82 ff.) und die Ätherphysik (85 ff.) an.

Ein Krisenzustand kann die Wissenschaftler dazu anregen, sich über ihr Paradigma bewusst zu werden, metaphysische und ungewöhnliche Überlegungen anzustrengen und schließlich das Paradigma in Frage zu stellen. Der Krisenzustand kann dann auf drei Weisen zu einem Ende kommen (S. 84, 97):

1.    Die Anomalie erweist sich doch noch innerhalb des Paradigmas als lösbar.

2.    Die Anomalie erweist sich als nicht weiter hinderlich und wird im normalwissenschaftlichen Betrieb ausgeblendet.

3.    Die Anomalie führt zu einem Paradigmenwechsel, d.h. zu der Aufgabe des bisherigen Paradigmas 1 zugunsten eines neuen Paradigmas 2 und somit zu einer wissenschaftlichen Revolution.

Zitierte Literatur

Thomas Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1979).

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Kommentare: 1
  • #1

    Philoclopedia (Samstag, 28 September 2019 02:12)

    Das neue Paradigma unterscheidet sich vollständig von dem alten und ist mit ihm unvereinbar. Die radikalen Unterschiede sind grundsätzlich verschiedener Natur (siehe auch: Inkommensurabilität). Nach Kuhn erfordert die Analyse der charakteristischen Faktoren einer Krisenperiode in der Wissenschaft ebenso die Kompetenz eines Psychologen wie die eines Historikers. Sobald gesehen wird, dass Anomalien ernstzunehmende Probleme für ein Paradigma aufwerfen, beginnt "eine Periode ausgesprochener fachwissenschaftlicher Unsicherheit".[7] Versuche, das Problem zu lösen, werden zunehmend radikaler, und die durch das Paradigma gegebenen Regeln zur Lösung von Problemen werden allmählich gelockert. Die Normalwissenschaftler beginnen, sich auf philosophische und metaphysische Debatten einzulassen und versuchen, ihre Neuerungen, die vom Standpunkt des Paradigmas einen zweifelhaften Status besitzen, mithilfe philosophischer Argumente zu verteidigen. Manche Wissenschaftler beginnen sogar, offen ihre Unzufriedenheit und ihr Unbehagen dem herrschenden Paradigma gegenüber zum Ausdruck zu bringen.


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