„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Thomas Kuhn über wissenschaftlichen Fortschritt

Thomas Kuhns Haltung bezüglich der Frage, ob es wissenschaftlichen Fortschritt gibt, ist durchaus ambivalent:

Einerseits wird Kuhn vorgeworfen, in der ersten Auflage von SWR eine relativistische Auffassung zu propagieren. Denn in der normalwissen-schaftlichen Phase ist wissenschaftlicher Fortschritt immer vom herrschenden Paradigma abhängig und somit relativ. In der revolutionäre Phase gäbe es gar keinen wissenschaftlichen Fortschritt mehr, da Paradigmen inkommensurabel sind und sich daher auch nicht lässt, dass das eine fortschrittlicher sei als das andere.

Andererseits war dies selbst nicht die Interpretation Kuhns, wie dieser in der zweiten Auflage von SWR erörtert. Kuhn schreibt: "Spätere wissenschaftliche Theorien sind besser als frühere geeignet, Probleme in den oft ganz unterschiedlichen Umwelten, auf die sie angewendet werden, zu lösen. Dies ist keine relativistische Position, und in diesem Sinne bin ich fest überzeugt vom wissenschaftlichen Fortschritt" (S. 217). Kuhns Position lässt sich so darstellen:

Kuhns Argument hat aber das Problem, dass er selbst betont, dass was als Problem bzw. seine Lösung gelten kann, vom hiesigen Paradigma abhängt. 

Die Position der kuhnschen Wissenschaftsphilosophie zu wissenschaftlichem Fortschritt ist also alles andere als eindeutig. Die Standarinterpretation lautet:

1. Thomas Kuhn war vom Fortschritt in der Wissenschaft überzeugt.

2. Er war aber kein Konvergenzrealist. D.h. er sah das Fortschreiten der Wissenschaften nicht als zielgerichteten Prozess hin zu einer objektiven Beschreibung der Wirklichkeit, sondern als einen "darwinschen" Prozess, in der alte Theorien durch neue bessere Theorien abgelöst werden.

„[…] wir müssen vielleicht die – ausdrückliche oder unausdrückliche – Vorstellung aufgeben, dass der Wechsel der Paradigmata die Wissenschaftler und die von ihnen Lernenden näher und näher an die Wahrheit heranführt.“

 - Thomas Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1979), S. 182

Das lässt die Frage offen, was "besser" heißen soll, wenn nicht "realitätsnäher".

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