„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Thomas Kuhn über Inkommensurabilität

Die in seinem Phasenmodell aufeinanderfolgende Paradigmen sind Thomas Kuhn zufolge inkommensurabel ("unvergleichbar). Und zwar in min. 3 Hinsichten:

1. Anhänger rivalisierender Paradigmen erachten unterschiedliche Fragen und Probleme als legitim oder bedeutsam. Fragen über das Gewicht von Phlogiston waren für Phlogiston-Theoretiker entscheidend, für Lavoisier indessen sinnlos. Das Problem der Geschwindigkeit der Erde in Relation zum Äther war vor Einstein höchst bedeutsam und nach ihm nichtig.

2. Anhänger rivalisierender Paradigmen verwenden unterschiedliche Begriffsbedeutungen und Methoden. Die Begriffe "Raum", "Zeit", "Materie", "Gravitation" haben in der newtonschen Physik eine ganz andere Intension als in der Relativitätstheorie; es kommt zu einer Begriffsverschiebung. Und die verwendeten Methoden in der Psychologie sind jetzt andere als vor 100 Jahren.

3. Anhänger rivalisierender Paradigmen leben in unterschiedlichen Welten. Das war für Kuhn die fundamentalste Aussage seiner Theorie. Dabei bleibt aber unklar, was er damit aussagen wollte, es ist aber zumindest vernünftig anzunehmen, dass er damit die Erscheinungswelt und nicht die Welt an sich  meinte. Die vorkopernikanische Erscheinungswelt war von dem aristotelischen Paradigma geprägt, dass es in der superlunarischen Region keine Veränderungen gibt und dementsprechend wurden auch keine Veränderungen wahrgenommen. Nach der kopernikanischen Wende lebten die Forscher in einer anderen Erscheinungswelt, in der das Universum einem stetigen Wandel unterworfen ist. Dieser Umstand wurde als "Theorieabhängigkeit der Erfahrung" bekannt.

Kurzum: Anhänger rivalisierender Paradigmen gehen von grundsätzlich unterschiedlichen sprachlichen, methodischen, philosophischen, etc. Voraussetzungen aus. Deshalb gibt es kein vernünftiges Argument, dass die Überlegenheit des einen Paradigmas (seiner Methoden, Fragen, Begriffe, etc.) über das andere beweist. Denn die Schlussfolgerung eines Beweises ist nur dann zwingend, wenn seine Voraussetzungen objektiv akzeptiert werden können.

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