„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Bas van Fraassen über das Wunderargument

Das Wunderargument lässt sich als abduktiver Schluss rekonstruieren:

P1. Unsere reifsten Theorien T1, T2, ... Tn sind empirisch erfolgreich.

P2. Der wissenschaftlicher Realismus ist die beste (vielleicht einzige) Erklärung dafür, dass T1, T2, ... Tn empirisch erfolgreich sind.

K1. Der lokale wissenschaftliche Realismus bzgl. T1, T2, ... Tn ist wahr.

Bas van Fraassen kritisiert die Prämisse P2. Der Erfolg der reifen Theorien T1, T2, ... Tn ließe sich auch durch einen darwinistischen Ansatz erklären:

van Fraassens Explanans: Wissenschaftliche Theorien werden permanent empirisch getestet, d.h. sie befinden sich in einem Selektionsprozess, in dem nur die empirisch erfolgreichsten bzw. adäquatesten Theorien überleben.

Laut van Fraassen erklärt sein alternatives Explanans den Erfolg unserer reifsten Theorien mindestens genau so gut wie der wissenschaftliche Realismus:[1]

„Ebenso behaupte ich, dass der Erfolg aktueller wissenschaftlicher Theorien kein Wunder ist. Es ist nicht einmal überraschend für den wissenschaftlichen (darwinistischen) Verstand. Denn jede wissenschaftliche Theorie ist in ein Leben voller harter Konkurrenz hineingeboren wurden, in einen Dschungel mit roten Zähnen und Klauen. Nur die erfolgreichen Theorien haben überlebt - diejenigen, die sich tatsächlich an tatsächlichen Regelmäßigkeiten in der Natur orientierten.“

- Bas van Fraassen; The Scientific Image (1980), S. 39-40. 

1. Kritik an van Fraassen

Erstens: Van Fraassens alternatives Explanans stützt (nur) dieses Explanandum:

van Fraassens Explanandum: Die Gesamtheit der zum Zeitpunkt t akzeptierten Theorien schließt vor allem Theorien ein, die empirisch adäquat sind, d.h. die mit allen bis t gemachten empirischen Tests übereinstimmen.

Das ist aber nicht das, was mit "empirischer Erfolg" gemeint ist, es ist also nicht das Explanandum des Wunderarguments - und zwar in keiner Version!:

Putnams Explanandum: Die Theorien T1, T2, ... Tn liefern erfolgreiche Prognosen über beobachtbare Phänomene.

Duhems Explanandum: Die Theorien T1, T2, ... Tn liefern erfolgreiche Prognosen über neue, bei ihrer Konstruktion unbeobachtete, Phänomene.

Whewells Explanandum: Die Theorien T1, T2, .... Tn liefern erfolgreiche Prognosen über neue, in ihre Konstruktion nicht eingegangene, Phänomene.

usw. usf.

Zweitens: Bas van Fraassens Explanandum und das Explanadum des Wunderargumentes sind nicht nur nicht-identisch, sie sind auch kompatibel.

Das heißt: Beide Explanada können bezüglich einer bestimmten Theorienmenge problemlos gleichzeitig wahr sein, sie stehen gar nicht in Konkurrenz zueinander.  Van Fraasens Kritik verfehlt das Wunderargument also völlig![2][3][4]

Dass das so ist, wird noch einmal deutlicher, wenn man sich Bas van Fraassens  Anaologie zwischen der "Theorienselektion" und biologischen Selektion ansieht:

„Die Maus nimmt wahr, dass die Katze ihr Feind ist, daher rennt die Maus weg.    Was hier postuliert wird, ist die "Angemessenheit" des Denkens der Maus an die Ordnung der Natur: Das Verhältnis der Feindseligkeit spiegelt sich korrekt in seinem Geist wider. Aber der Darwinist sagt: Frag nicht, warum die Maus vor ihrem Feind davonläuft. Arten, die ihren natürlichen Feinden nicht gewachsen sind, gibt es nicht mehr. Deshalb gibt es nur diejenigen, die das tun.

- ebd.

Die biologische Selektionsdruck erklärt, dass es heute nur Arten - wie etwa die Hausmaus - gibt, die diesen Druck standhalten konnten. Sie erklärt aber nicht, welche Eigenschaften es sind, die diese Arten überleben lassen haben.

Analog dazu erklärt van Fraassens "Selektionsdruck unter Theorien", dass unsere reifsten Theorien solche sind, die diesen Druck standhalten konnten, was in gewisser Hinsicht fast trivial ist. Er erklärt aber nicht, welche Eigenschaften es sind, die diese Theorien andauernd erfolgreiche Prognosen über neue Phänomene treffen lassen (haben). Und mir fällt keine  andere, gute Erklärung dafür ein, als dass diese Theorien etwas mit der Realität zu tun haben müssen.

Fußnoten

[1] In ähnlicher Manier argumentiert Larry Laudan, dass der empirische Erfolg einer Theorie dadurch zu erklären ist, dass sie harte Tests überstanden hat. Vergleich: Larry Laudan: Explaining the Success of Science: Beyond Epistemic Realism and Relativism. In: C. F. Delaney, Gary M.Gutting, James T. Cushing: Science and Reality (1984), S. 83–105

[2] Alan Musgrave: The ultimate argument for scientific realism. In: Robert Nola (ed.); Relativism and Realism in Science (1988), S. 242

[3] James Robert Brown: Ist der Erfolg der Wissenschaft erklärbar? In: Ratio 27 (1985)

[4] Peter Lipton: Inference to the best explanation (1991), S. 169ff.

 

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