„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Hilary Putnam über das Wunderargument

Hilary Putnam lieferte die meistzitierte Formulierung des Wunderarguments:

“[. . . ] the positive argument for realism is that it is the only philosophy that doesn’t make the success of science a miracle. That terms in mature theories typically refer [. . . ] that the theories accepted in a mature science are typically approximately true, that the same term can refer to the same thing even when it occurs in different theories — these statements are viewed by the scientific realist not as necessary truths but as part of the only scientific explanation of the success of science.”

Hilary Putnam; What is mathematical truth? In: Hilary Putnam; Mathematics, Matter and Method (1975), S. 73

Nach Putnam sagt das Wunderargument also aus:

ExplanandumH-1: Der "Erfolg der Wissenschaften" braucht eine Erklärung.

ExplanansH: Der wissenschaftliche Realismus ist die einzige Erklärung, die den Erfolg der Wissenschaften nicht zu einem Wunder macht.

Unter dem "Erfolg der Wissenschaften" versteht Putnam den Erfolg   wissenschaftlicher Theorien bei Prognosen über beobachtbare Phänomene.[1]

Unter dem "wissenschaftlichen Realismus" versteht er die Auffassung, dass diese Theorien annähernd wahr sind bzw. ihre theoretischen Terme referieren.

Beispiel:

Die Allgemeine Relativitätstheorie erlaubte eine erfolgreiche Prognose über die Lichtablenkung am Sonnenrand. Sie ist nach Putnam also "empirisch erfolgreich".

Diesen Erfolg verdankt die Allgemeine Relativititätstheorie ihrer Annahme, dass massereiche Körper die Raumzeit krümmen und in Folge Licht ablenken. Diese Annahme lässt sich nicht direkt über Beobachtung verifizieren, nach Putnam ist ihre Wahrheit bzw. ein wissenschaftlicher Realismus aber die einzige Erklärung , die den Erfolg der Allgemeinen RT nicht zu einem Wunder macht.

In einem später erschienenen Buch gibt Putnam ein weiteres, mit dem ersten zusammenhängendes, aber doch davon unterscheidbares Explanandum an:

ExplanandumH-2: Der "Handlungserfolg der Wissenschaftler" braucht eine Erklärung.

Unter dem "Handlungserfolg der Wissenschaftler" versteht Putnam den Erfolg der Wissenschaftler bei der Anwendung von wissenschaftlichen Theorien.

“Let me try to unpack this notion [of ‘success’]. What ‘succeeds’ or ‘fails’ is not, in general, linguistic behavior by itself but total behavior. E.g. we say certain things, conduct certain reasonings with each other, manipulate materials in a certain way, and finally we have a bridge that enables us to cross a river that we couldn’t cross before. [. . . ] The explanation is that certain kinds of beliefs we hold tend to be true”.

- Hilary Putnam: Meaning and the Moral Sciences (1978), S. 100/101.

Ähnliche Formulierungen wie bei Putnam finden sich auch bei John Smart:

„The realist’s most general argument against instrumentalism is that he can explain the success of microphysics in predicting facts on the macro-level. The instrumentalist just has to accept this success as brute fact. Why should things happen on the macro-level just as if there were electrons, neutrinos, and so on, if there really is no micro-level and if discourse that appears to be about unobservable micro-entities is not to be taken at face value? The scientific realist holds that his or her opponent is left with something like a cosmic miracle. That theories work, or that certain generalizations on the observational level hold true, is something for which his instrumentalist opponent can give no explanation.

[. . . ] by postulating unobservable particles, and so on, and by stating a relatively small number of laws pertaining to these, a scientist can explain the untidy and multifarious facts about the macro-level in a relatively simple and unified manner.”

- John J. C. Smart: Difficulties for Realism in the Philosophy of Science. In: John J. C. Smart: Essays Metaphysical and Moral (1987), S. 133  - 134

“If the phenomenalist about theoretical entities is correct we must believe in a cosmic coincidence. That is, if this is so, statements about electrons, etc., are of only instrumental value: they simply enable us to predict phenomena on the level of galvanometers and cloud chambers. They do nothing to remove the surprising character of these phenomena. Admittedly the physicist will not be surprised in the sense that he will find these phenomena arising in unexpected ways; his theory will have instrumental value in preventing this sort of surprise. But [. . . ] he ought still to find it surprising that the world should be such as to contain these odd and ontologically disconnected phenomena [. . . ] Is it not odd that the phenomena of the world should be such as to make a purely instrumental theory true? On the other hand, if we interpret a theory in a realist way, then we have no need for such a cosmic coincidence: it is not surprising that galvanometers and cloud chambers behave in the sort of way they do, for if there really are electrons, etc., this is just what we should expect. A lot of surprising facts no longer seem surprising.”

- John J. C. Smart: Philosophy and Scientific Realism (1963), S. 39

Putnam und Smart formulieren hier - wenngleich in mehreren Anläufen, mit etwas voneinander abweichenden Resultaten und weniger klar als vielleicht wünschenswert - die Grundgedanken hinter dem Wunderargument:

a. Es gibt bestimmte Eigenschaften oder Leistungen wissenschaftlicher Theorien, die erklärungsbedürftig sind (Explanandum).

b. Der wissenschaftliche Realismus ist beste (vielleicht sogar einzige) Erklärung für diese Eigenschaften oder Leistungen (Explanans).

c. Diese Eigenschaften oder Leistungen müssten ohne eine realistische Erklärung als ein Wunder erscheinen.

Während diese drei Grundgedanken von den meisten wissenschaftlichen Realisten geteilt werden, gehen die Meinungen darüber auseinander, worin genau das Explanandum und das Explanans des Wunderargumentes bestehen sollten.

1. Präzisierung

Das Wunderargument ist offenkundig nicht-demonstrativ, d.h. wenn seine drei Grundgedanken a. - c. wahr sind, folgt nicht, dass deshalb notwendig auch der wissenschaftliche Realismus wahr ist. Das Vertreter des Wunderarguments  müssen also ein Argument in einem nicht-deduktiven Sinne im Auge haben.

Es liegt nahe, das Wunderargument als ein Schluss auf die beste Erklärung zu verstehen. Diese Lesart wurde von einigen Vertretern explizit genannt oder wenigstens angedeutet. Ich setze sie im nun Folgenden voraus. Nach Alan Musgrave kann ein SbE durch dieses Inferenzschema beschrieben werden:[2]

P1. F ist ein Fakt.
P2. Die Hypothese H1 erklärt F zufriedenstellend.
P3. Keine andere konkurrierende Hypothese H2... Hn erklärt F so gut wie H1.

K1. Also: H1 ist wahr.

Das Wunderargument kann durch dieses Inferenzschema beschrieben werden:

P1. Der empirische Erfolg der Wissenschaften ist ein Fakt F.

P2. Die Hypothese des wissenschaftlichen Realismus H1 erklärt F zufriedenstellend.

P3Keine andere konkurrierende Hypothese H2 ... Hn erklärt F so gut wie H.

K1. Also: H1 bzw. der wissenschaftliche Realismus ist wahr.

Die verschiedenen Formulierungen des Wunderargumentes ergeben sich nun aus unterschiedlichen Vorstellungen unter seinen Vertetern darüber, was genau:

Fakt F: "Der empirische Erfolg der Wissenschaften",
Hypothese H1: "Der wissenschaftliche Realismus" und

Hypothesen H2, ... Hn: "Die konkurrierenden Hypothesen" sind.

Um die verschiedenen Formulierungen des Wunderarguments besser verstehen und kritisch diskutieren zu können, kann man diese Formulierungen jetzt durch Ersetzen der Variablen des Schemas rekonstruieren und damit präzisieren!

Eine Rekonstruktion des Arguments nach Putnam und Smart kann so aussehen:

Fakt FH: Die wissenschaftliche Theorie T liefert erfolgreiche Prognosen über unbeobachtbare Phänomene.

Hypothese HH1Die theoretischen Terme von T referieren (in theorieunabhängiger Weise).

Hypothese HH2: T ist eine korrekte Beschreibung der Referenzentitäten.

Hypothese HH3: T ist (annähernd) wahr.[3]

Hypothesen H2H, ... HnH: ???[4]

Diese Rekonstruktion ist durchaus wohlwollend. Man könnte das Argument von Putnam und Smart zum Beispiel auch als eines für einen globalen Realismus verstehen, was es meiner Ansicht nach viel leichter angreifbar machen würde.

Aber auch wohlwollend rekonstruiert kann die Formulierung nicht überzeugen:

2. Kritik

Hilary Putnam versteht unter "Prognoseerfolg" das deduzieren von wahren Sätzen über beobachtbare Phänomene aus wissenschaftlichen Theorien. Der   Wissenschaftsrealismus sei dann die einzige Erklärung für diesen Prognoseerfolg.

Dass das so nicht stimmt, zeigt das folgende Beispiel:

Eine Theorie T wird zunächst zur Erklärung der beobachtbaren Phänomene Pn konstruiert, anschließend werden aus T deduktiv wahre Sätze über Pn abgeleitet.

Das ist nach Putnam nun ein "Prognoseerfolg". Dieser erklärt sich aber am besten dadurch, dass T gerade dafür konstruiert wurden war, um Pn vorherzusagen![5]

Der wissenschaftliche Realismus ist in diesem und in anderen Fällen nicht die einzige, noch nicht einmal die beste Erklärung für erfolgreiche Prognosen über beobachtbare Phänomene.

Das führt natürlich nicht das Wunderargument per se, sondern nur die Formulierung von Putnam und Smart ab adsurdum! Eine dahingehend präzisierte Formulierung des Explanandums findet sich bei Duhem und Whewell.  Und eine äußerst raffinierte Formulierung des Explanans bei Carrier und Worrall.

Fussnoten

[1] Siehe zum Beispiel: Hilary Putnam; Meaning and the Moral Sciences (1978), S.18 / 19:

„Der moderne Positivist muss es außerdem unerklärt lassen (so der Angriff der Realisten), dass ‚Elektron-Kalküle‘, ‚Raum-Zeit-Kalküle‘ und ‚DNS-Kalküle‘ beobachtbare Phänomene richtig vorhersagen, wenn es in Wirklichkeit keine Elektronen, keine gekrümmte Raum-Zeit und keine DNS-Moleküle gibt. Gibt es solche Dinge, dann ist eine natürliche Erklärung des Erfolgs jener Theorien, dass sie teilweise wahre Auffassungen davon sind, wie diese sich verhalten. […] Wenn diese Gegenstände aber überhaupt nicht wirklich existieren, dann ist es ein Wunder, dass eine Theorie, die von Anziehungskraft auf Distanz handelt, erfolgreich Phänomene voraussagt, es ist ein Wunder, dass eine Theorie, die von gekrümmter Raum-Zeit handelt, erfolgreich Phänomene voraussagt, und die Tatsache, dass die Gesetze der ersten Theorie ‚im Endeffekt‘ von den Gesetzen der zweiten Theorie ableitbar sind, hat keine methodologische Bedeutung.“

[2] Alan Musgrave: The ultimate argument for scientific realism (1998)

[3] Die Hypothesen HH1 bis HH3 werden hier als bedeutungsgleich angesehen. Es sollte nur gezeigt werden, dass schon dieser einfache wissenschaftliche Realismus unterschiedlich beschrieben werden kann.

[4] Nach meinen Recherchen äußert sich Putnam nicht über konkurrierende Hypothesen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da Putnam den wissenschaftlichen Realismus als die einzige Hypothese ansieht, die den Erfolg der Wissenschaften nicht zu einem Wunder macht. Er sieht die realistische Hypothese quasi als konkurrenzlos an.

[5] Der Einwand stammt von: Martin Carrier: What is wrong with the miracle argument? In: Studies in History and Philosophy of Science 22 (1991), S. 23–36.

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