„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Erste-Person-Perspektive

Die Erste-Person-Perspektive ist ein Konzept der Philosophie, das in der Erkenntnistheorie und der Ethik diskutiert wird. Zur Debatte steht, ob ein handelndes bzw. ein Erkenntnissubjekt einen besonderen Zugang zu den Vorgängen des Denkens, den Motiven seines Handelns bzw. zum moralischen Wert seiner eigenen Handlungen besitzt. Dabei wird entweder ein Privileg der „Ersten Person“, des Ich, behauptet oder die Möglichkeit ausschließlich privater Erfahrungen (die nur mir und keinem anderen zugänglich sind) geleugnet.

1. Erkenntnistheorie

Verschiedene bewusstseinstheoretische Modelle der Erkenntnis weisen der Erste-Person-Perspektive eine entscheidende Rolle zu. Im Unterschied zu naturalistischen oder naturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen, etwa der von Quine, die „von außen“ aus einer Dritte-Person-Perspektive vorgehen, postuliert ein diesen (auch Ich- oder Teilnehmerperspektive genannten) Blickwinkel verfolgendes Modell besondere Selbstwahrnehmungen, auf dem Erkenntnisse und Überlegungen, aber auch Absichten und Entscheidungen beruhen. 

Eine besondere Perspektive der ersten Person geht insbesondere davon aus, dass Wahrnehmungen in ihrer Eigenart und Qualität als Erlebnisse (Qualia) nicht auf öffentliche Erfahrungen, die auch der Dritte-Person-Perspektive zugänglich sind, reduziert werden können.

Dem Privatsprachen­argument von Ludwig Wittgenstein zufolge kann es von solchen Erfahrungen aber kein Wissen geben, da es für das Denken keine Möglichkeit gibt, sich unmittelbar auf diese Erfahrungen zu beziehen. Ein solcher Bezug sollte vielmehr Vergleichbarkeit bzw. Einbindung in einen sprachpragmatischen Kontext voraussetzen, den nur eine Sprachgemeinschaft fixieren kann. Manche Kritiker behaupten, dass eine Verständigung mit anderen Personen erfordert, die eigenen Selbstwahrnehmungen sprachlich zum Ausdruck bzw. zur Darstellung zu bringen, um sich austauschen zu können. Daher sei ein unaufhebbarer Selbstbezug in der Perspektive der Ersten Person in Abgrenzung zur Umwelt dem Denken und der Sprache vorausgesetzt. Jede Bezugnahme auf Orte, Ereignisse oder Personen in der jeweiligen Umwelt impliziere eine Selbstorientierung von dem momentan eingenommenen Standpunkt aus.

2. Ethik

Innerhalb der Ethik spielt die Frage nach der Erste-Person-Perspektive bei der Beurteilung von Handlungen bzw. ihrer moralischen Bewertung eine Rolle. Gegenüber einem objektivistischen Standpunkt kann die Frage nach der Handlungsabsicht nur aus der Perspektive der ersten Person beantwortet werden. Insbesondere deontologische Ansätze ethischer Argumentation halten die Absicht für entscheidend für die Bewertung einer Handlung. In verschiedenen nonkognitivistischen Ansätzen (Adam Smith) ist für die Bewertung einer Handlung entscheidend, die Perspektive der Betroffenen einzunehmen oder den Standpunkt eines unbeteiligten (interessenlosen) Dritten. Dabei wird vorausgesetzt, dass Beurteilende eine Erste-Person-Perspektive besitzen, in der sie die Betroffenheit unmittelbar erfahren, dass es ihnen aber möglich ist, durch Einbildung die Situation von Betroffenen bzw. Nichtbetroffenen nachzuempfinden.

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Kommentare: 2
  • #2

    Jörg Lenau (Dienstag, 21 Mai 2019 09:27)

    Als elementarer Mißstand erweist sich hierin, daß jeder Mensch und somit auch die Forschenden über die Erste-Person-Perspektive verfügen und allgemeingültig anerkannt ist, daß diese Perspektive einzig im Selbst erfahrbar ist, hingegen nicht zwischen Wahrnehmung und Vorstellung unterschieden wird, sodaß aus der Inbetrachtnahme 'einer' Objektivität sich eine Verwerflichkeit dessen ergibt. Gegenüber der grundsätzlichen Ablehnung der Erforschung aus der Ersten-Person-Perspektive habe ich hingegen aus meinem persönlichen Verhältnissen heraus in den letzten 30 Jahren eine Ergründung von Bewußtsein und Sein im Selbst vollzogen. Und darüber zeigt sich, daß man bisher weder verstanden hat, was es mit der Wahrnehmung auf sich hat, noch wie sie funktioniert. Wahrnehmung jeglicher Art (auch technische) nimmt einzig Wirkung wahr und auf der Grundlage von Wirkung basiert auch das Aktiva des SeinS. Somit kann das Sein des Jeweiligen auch einzig in der Vereinigung von Subjekt und Objekt erfahren werden. Die Einbeziehung des Selbst (der Ersten-Person-Perspektive) ist jedoch nicht nur dazu Bedingung, sondern es gibt gar kein Wahrnehmen ohne das Selbst. Was man hierin nicht erachtet, ist wiederum darauf fundiert, daß man die die bewußtwerdende reflektierende Wahrnehmung nicht von den geistigen Projektionen - dem geistigen Denken - unterscheidet, was von außen auch gar nicht möglich ist.

    Ausführliche Informationen über die Erforschung aus der Ersten-Person-Perspektive:
    http://www.sya.de/

  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 26 April 2018 00:00)

    Von Ralf Poschmann: Du erinnerst dich sicher an die Person in Matrix, die, vor die Alternative gestellt, sich dafür entscheidet, zurück in den Tank zu gehen und dort ein glückliches Leben zu führen. Meine Bekanntschaft ist in dieser Frage zwar gespalten, aber man kann diese Haltung wenigstens nachvollziehen. Warum?

    Die Erste-Person-Perspektive umfasst strenggenommen immer nur den aktuellen Augenblick, in unseren Erinnerungen bzw. unserer Zukunftsvorausschau tritt bereits die Dritte-Person-Perspektive zutage. Meine Meinung: Wenn sich eine Person in der Erste-Person-Perspektive frei fühlt, dann ist sie frei. Und dieser Zustand ist ident (Identitätstheorie) mit dem Zustand ihres neuralen Netzwerkes. Es ist dabei unerheblich, wie dieses in diesen Zustand versetzt wurde, weil „richtige“ und „falsche“ Anregungen beide physikalisch möglich sind (wie auch sonst?).


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