„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der Mereologische Fehlschluss

Francis Crick schreibt:

"Was man sieht, ist nicht das, was wirklich da ist; es ist das, wovon Ihr Gehirn glaubt, es sei da. [...] Ihr Hirn erstellt die beste Information, die es angesichts seiner früheren Erfahrungen und der beschränkten und mehrdeutigen Informationen durch die Augen erstellen kann. […] Der Grund dafür, dass wir normalerweise ohne Mehrdeutigkeit sehen, ist, dass das Hirn die von den vielen verschiedenen Merkmalen der visuellen Szenerie (Form-, Farb- und Bewegungsaspekte usw.) bereitgestellten Informationen kombiniert und sich für die plausibelste Interpretation all dieser unterschiedlichen visuellen Anhaltspunkte zusammengenommen entscheidet. […] Was das Gehirn demnach entwickeln muss, ist eine vielstufige Interpretation der visuellen Szenerie […]. Das Ausfüllen […] gestattet es dem Hirn, aus unvollständiger Information ein vollständiges Bild zu erraten – eine sehr nützliche Fähigkeit."
- Francis Crick: The Astonishing Hypothesis (1995), S. 30 ff.

Also: Nach Crick glaubt das Gehirn bestimmte Dinge, es macht Erfahrungen, es interpretiert Hinweise, trifft Entscheidungen, stellt Vermutungen an, etc.

Wenn dem Gehirn - wie hier - mentale Prädikate zugeschrieben werden, sprechen Peter Hacker und Maxwell Bennett vom "mereologischen Prinzip".

Die Mereologie befasst sich ganz allgemein mit der Teil-Ganzes-Beziehung.

Das mereologische Prinzip basiert auf der Annahme, dass mentale Eigenschaften nur einem Teil (Gehirn) und nicht der Person als Ganzem zukommen.

Es ist unter Wissenschaftlern weit verbreitet. Bennett und Hacker führen neben dem Neurowissenschaftler Francis Crick auch noch den Psychologen Richard Gregory[1] und den Kognitionswissenschaftler David Marr[2] als Beispiele an.

Nach Bennett und Hacker hängt die Wissenschaft hier einem unzutreffenden Neocartesianismus an. Der Cartesianismus schreibt der Seele und nicht der materiellen Person mentale Prädikate zu. Die erste Generation an Neurowissenschaftlern um Charles Scott Sherrington und seinen Schülern Eccles und Penfield behielt diesen Leib-Seele-Dualismus bei. Die zweite und dritte Generation lehnten den Cartesianismus zwar ab, schreiben aber nur dem Gehirn und nicht der materiellen Person als Ganzen mentale Prädikate zu.

Frage: Sind das mereologische Prinzip bzw der Neocartesianismus gerechtfertigt? Das heißt ist es wirklich nur das Gehirn, das denkt, sieht, entscheidet und liebt?

Für Bennett und Hacker kann diese Frage nicht empirisch gelöst werden. Denn "es ist nicht möglich, experimentelle Untersuchungen darüber anzustellen, ob das Gehirn denkt oder nicht denkt, ob es glaubt, mutmaßt, folgert [...]."[3][4]

Stattdessen muss die Frage philosophisch, genauer begriffsanalytischgelöst werden. Denn wir können nicht empirisch feststellen, ob das Gehirn denkt "ehe man weiß, was es heißt, dass ein Gehirn dergleichen tut, d.h., ehe wir uns über die Bedeutung dieser Begriffe klar geworden sind und wissen, was gegebenenfalls als die entsprechende Tätigkeit des Gehirns gilt und welche Belege dafür sprechen [würden], dem Gehirn solche Eigenschaften zuzuschreiben."[5]

„nur vom lebenden Menschen, und was ihm ähnlich ist, (sich ähnlich benimmt) [könne man] sagen, es habe Empfindungen; es sähe; sei blind; sei taub; sei bei Bewusstsein, oder bewusstlos.“

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen (1984), § 281

Gemäß Bennet und Hacker ist es strenggenommen nicht einmal falsch, sondern einfach sinnlos, dem Gehirn mentale Prädikate (oder deren Negation) zuschreiben zu wollen. "Das Gehirn trifft zwar keine Entscheidungen, aber es ist nicht unentschlossen. Nur ein Wesen, das tatsächlich Entscheidungen treffen kann, kann unentschlossen sein. [...] Das Gehirn kommt aus logischen [begrifflichen] Gründen nicht als Träger psychologischer Prädikate in Betracht. Nur vom Menschen und dem, was sich wie ein Mensch verhält, kann man verständlicherweise und buchstäblich sagen, es[6]" es entscheide oder nicht.

Analogie: "Man kann nicht nach den Erdpolen suchen, solange man nicht weiß, was ein Pol ist - das heißt, was der Ausdruck 'Pol' bedeutet und was darüber hinaus als Entdeckung eines Erdpols betrachtet wird."[7] Erst dann kann man feststellen, dass es sinnlos ist "wie Winni Pooh [...] zum Ostpol aufzubrechen."[8]

"Nicht das Auge (geschweige denn das Gehirn) sieht, sondern wir sehen mit unseren Augen (und sehen nicht mit unseren Gehirnen, obgleich wir ohne ein normal funktionierendes Gehirn, was das visuelle System betrifft, nicht sehen könnten). Folglich hört auch nicht das Ohr, sondern das Lebewesen, dessen Ohr es ist. Die Körperteile eines Lebewesens gehören zu ihm als seine Teile, und psychologische Prädikate können nur dem ganzen Lebewesen zugeschrieben werden, nicht seinen konstituierenden Teilen."

- Maxwell Bennett und Peter Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften (2003), S. 93.

Wenn man (trotzdem) dem Gehirn mentale Prädikate zuschreibt, obwohl diese nur auf die Person als Ganzes zutreffen können, begeht man nach Bennett und Hacker einen "mereologischen Fehlschluss".[9] Ein mereologischer Fehlschluss wird ganz allgemein begangen, gdw. Teilen eines Systems S ein Prädikat P zugeschrieben wird, die aber nur S als Ganzem zukommt.[10][11][12]

In Folge vertreten Bennett und Hacker die folgenden Thesen:

1.    Die ganze Person und nicht nur ihr Gehirn ist Träger und Bedingung von mentalen Eigenschaften respektive Bewusstsein.[13]

2.    Wenn eine Person P Träger der mentalen Eigenschaft "P hat Gelenkschmerzen" ist, dann befindet sich der Schmerz nicht im Gehirn, sondern im Gelenk.[14]

3.    Der neocartesianische Person-Gehirn-Dualismus ist überholt. Es gibt kein "Ich", das vom Körper getrennt ist, "Ich" ist vielmehr eine ganze Person.

Also: Bewusstsein sei nicht nur im Gehirn und ich bin mehr als nur mein Hirn!

„Den Irrtum, den sich Neurowissenschaftler zuschulden kommen lassen, wenn sie den konstituierenden Teilen eines Lebewesens Attribute zuzuschreiben, die in logischer Hinsicht nur auf das ganze Lebewesen zutreffen, werden wir den ‚mereologischen Fehlschluss‘ in den Neurowissenschaften nennen. Das Prinzip, dass die psychologischen Prädikate, die nur auf menschliche Wesen (oder andere Tiere) als Ganze zutreffen, auf ihre Teile (wie das Gehirn) nicht sinnvoll angewendet werden können, werden wir ‚das mereologische Prinzip‘ in den Neurowissenschaften nennen. Von menschlichen Wesen, nicht aber von ihren Gehirnen, kann man sagen, dass sie rücksichtsvoll oder nicht rücksichtsvoll sind; von Tieren, nicht aber von ihren Gehirnen, und schon gar nicht von deren Hemisphären, kann man sagen, dass sie etwas sehen, hören, riechen und schmecken; von Menschen, nicht aber von ihren Gehirnen, kann man sagen, dass sie Entscheidungen treffen oder unentschlossen sind.

Es sollte festgehalten werden, dass es viele Prädikate gibt, die sowohl auf ein gegebenes Ganzes (insbesondere einen Menschen) als auch auf dessen Teile angewendet werden können, wobei möglicherweise aus der Anwendung auf das eine auf die Anwendung auf das andere geschlossen wird. Ein Mann kann braun gebrannt sein und sein Gesicht kann braun gebrannt sein; er kann am ganzen Körper kalt sein, also werden auch seine Hände kalt sein. Ebenso weiten wir mitunter den Anwendungsbereich eines Prädikats von einem menschlichen Wesen auf die Teile des menschlichen Körpers aus; so sagen wir beispielsweise, dass ein Mann die Klinke ergriff und auch, dass seine Hand die Klinke ergriff; dass er ausrutschte und dass sein Fuß ausrutschte. Hier gibt es logisch nichts zu beanstanden. Psychologische Prädikate treffen jedoch gemeinhin auf den Menschen (oder das Tier) als ein Ganzes zu und nicht auf den Körper und seine Teile.“
- Maxwell Bennett und Peter Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften, S. 171 f.

Literatur

Maxwell Bennett und Peter Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften (2012)

Maxwell Bennett, Peter Hacker, Daniel Dennett und John Searle: Neurowissenschaft und Philosophie (2003)

Einzelnachweise

[1] Richard L. Gregory: The Confounded Eye (1973), S. 50.

[2] David Marr: Vision. A Computional Investigation into the Human Representation and Processing of Visual Information (1980), S. 257

[3] Maxwell Bennett, Peter Hacker et. al.: Neurowissenschaft und Philosophie (2010), S. 37

[4] siehe auch: Maxwell Bennett und Peter Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften (2003), S. 92

[5] Maxwell Bennett, Peter Hacker et. al.: Neurowissenschaft und Philosophie (2010), S. 37

[6] Maxwell Bennett und Peter Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften (2003), S. 93

[7] ebd., S. 91

[8] ebd.

[9] Anthony Kenny benutzt in "The Homunculus Fallacy" bereits den Ausdruck Homunkulus-Fehlschluss zu Bezeichnung dieses Fehlschlusses. Bennett und Hacker finden diese Bezeichnung aber irreführend. Vgl. Bennett, Hacker etc. al (2010), S. 42 (Fußnote 14).

[10] E ist dementsprechend eine ontisch-emergente Eigenschaft des Systems S.

[11] Weiteres Beispiel: Wenn einem Vergaser die Eigenschaft schnell zu fahren zugeschrieben wird, weil er Teil eines schnell fahrenden Autos ist, wird ein mereologischer Fehlschluss begangen. 

[12] Es gibt jedoch auch viele Prädikate, die sowohl auf ein System als Ganzes als auch auf seine Teile zutreffen. Wenn etwa ein Mensch sonnenverbrannt ist und man daraus folgert, dass seine Haut sonnenverbrannt ist, wird kein mereologischer Fehlschluss begangenen.

[13] Maxwell Bennett und Peter Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften (2003), S. 193

[14] Bennett und Hacker behaupten kurioserweise und nach ihrer bisherigen Argumentation folgerichtig, dass wenn jemand Phantomschmerzen im Bein hat, es wirklich das (nicht mehr existierende!) Bein sei, das weh tue. Im Kopf könne man nur Kopfschmerzen haben, Beinschmerzen aber nur im Bein (2010, S. 210).

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Kommentare: 6
  • #1

    Philoclopedia (Sonntag, 14 Juli 2019 15:17)

    weiteres Beispiel: Der Psychologe Richard Gregory schreibt:

    "[Das Sehen ist] wahrscheinlich die differenzierteste aller Gehirntätigkeiten. Sie beinhaltet, dass die Erinnerungsspeicher in Anspruch genommen werden, und verlangt, dass diffizile Klassifikationen vorgenommen, Vergleiche durchgeführt und logische Entscheidungen getroffen werden, damit aus Sinnesdaten Wahrnehmung wird."
    - R. L. Gregory: The Confounded Eye (1973), S. 50.

    Also: Nach Gregory sieht das Gehirn, es nimmt Klassifikationen vor, führt Vergleiche durch und trifft Entscheidungen.

  • #2

    Philoclopedia (Sonntag, 14 Juli 2019 19:20)

    Nicht immer ein Fehlschluss! Wie bei vielen präsumptiven Fehlschlüssen muss man bei der divisio vorsichtig sein: Oft kann die implizite Voraussetzung, die Eigenschaften des Ganzen müssten auch in seinen Teilen vorzufinden sein, auch sachlich richtig sein. Beispiele: Dieser Koffer ist leichter als 10 kg, also muss auch das darin enthaltene Buch leichter als 10 kg sein. Die ganze Arbeitsgruppe befindet sich zurzeit in Frankreich, also muss auch ihr Leiter, Prof. Horstkötter, in Frankreich sein.

  • #3

    Philoclopedia (Sonntag, 14 Juli 2019 20:55)

    https://www.hoheluft-magazin.de/2016/01/na-logisch-der-mereologische-fehlschluss/

  • #4

    Philoclopedia (Sonntag, 14 Juli 2019 20:56)

    https://www.philosophie.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/anthro/mitarbeiter/keil/pdfs/d13volltext.pdf

  • #5

    Philoclopedia (Sonntag, 14 Juli 2019 20:57)

    "So berechtigt solche Einwände zu sein scheinen, vermischen Bennett und Hacker mit ihrem "mereologischen Fehlschluss" allerdings verschiedene Fragestellungen. Geht es ihnen darum, zu zeigen, dass Bewusstsein eine Eigenschaft des Menschen und nicht des Gehirns ist, so haben sie zumindest teilweise recht. Bei der dem Buch zugrundeliegenden Debatte geht es allerdings vor allem um die Frage, wie Bewusstsein entsteht und darauf haben sie keine Antwort. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass Bewusstsein durch das Gehirn hervorgebracht wird ("entsteht") und zugleich Eigenschaft des menschlichen Körpers als Ganzem ist (insofern es eben via Hirn und Nerven mit dem Körper verknüpft ist). Insofern liessen sich die beiden Fragestellungen vereinen - eine Lösung, die Bennett / Hacker allerdings ablehnen.

    Bewusstsein kann aber (logisch) nicht Eigenschaft des Menschen als Ganzem sein, wenn unter diesem der Mensch inklusive Bewusstsein verstanden wird. Etwas kann nicht Eigenschaft seiner selbst sein. Unter dem Menschen als Ganzem muss also der Mensch ohne Bewusstsein verstanden werden, da ein Mensch mit Bewusstsein auch nicht als Ganzes sein eigenes Bewusstsein hervorbringen kann.

    Der Mensch ohne Bewusstsein ist aber zuerst einmal sein Körper, der für Bennett / Hacker nicht "das Ganze" ist. Somit aber sind sie gezwungen, etwas über den Körper Hinausgehendes anzunehmen, das nichtkörperlich ist und nicht durch den Körper hervorgebracht wird und das den Menschen erst zum Menschen macht. Ist dieses "Etwas" wirklich nichtkörperlich, dann sind Bennett / Hacker gezwungen, einen Leib-Seele Dualismus anzunehmen, also die Vorstellung, dass der Mensch aus Körperlichem und Nichtkörperlichem besteht, wobei das Nichtkörperliche nicht aus dem Körperlichen hervorgeht (oder umgekehrt).

    Einen solchen Substanzdualismus lehnen sie allerdings vehement ab, weshalb ihre Position auch nicht zu überzeugen vermag. Vielmehr scheinen sie sich nicht bewusst zu sein, dass sie durch die unreflektierte Verwendung von Begriffen wie "wir", "der ganze Mensch", "die Person" etc., die sie nirgends genauer erläutern, ihren Leib-Seele Dualismus mit der Floskel des "Ganzen" kaschieren. Dies ist insofern ironisch, als sie ihren Gegnern vor allem den unreflektierten Umgang mit Begriffen vorwerfen."

    https://www.argumentarium.ch/philosophie/buchbesprechungen/17-maxwell-bennett-die-philosophischen-grundlagen-der-neurowissenschaften

  • #6

    Philoclopedia (Sonntag, 14 Juli 2019 20:59)

    Manche Argumente beruhen auf der Voraussetzung, dass sich die Eigenschaften eines Ganzen auf seine Teile übertragen müssen. In vielen Fällen ist diese Voraussetzung aber unzutreffend. Dann spricht man von einer fallacia a sensu composito ad sensum divisum, die man auch als Fehlschluss der Teilung oder eben als Mereologischen Fehlschluss bezeichnen kann.

    Beispiele: Die Universität Heidelberg ist eine hervorragende Institution. Otto Horstkötter ist Professor dort. Also muss er ein hervorragender Gelehrter sein.
    ———
    Salz ist nicht giftig, also können Natrium und Chlor, aus denen Salz ja besteht, auch nicht giftig sein.

    Nicht immer ein Fehlschluss! Wie bei vielen präsumptiven Fehlschlüssen muss man bei der divisio vorsichtig sein: Oft kann die implizite Voraussetzung, die Eigenschaften des Ganzen müssten auch in seinen Teilen vorzufinden sein, auch sachlich richtig sein. Beispiele: Dieser Koffer ist leichter als 10 kg, also muss auch das darin enthaltene Buch leichter als 10 kg sein. Die ganze Arbeitsgruppe befindet sich zurzeit in Frankreich, also muss auch ihr Leiter, Prof. Horstkötter, in Frankreich sein.


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