„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Genetischer Fehlschluss

Einen genetischen Fehlschluss begeht, wer von der Herkunft oder Genese einer Idee I darauf schließen möchte, ob I gut, wahr oder wohlbegründet ist.

Beispiel 1: Dass Autobahnen erforderlich für Deutschlands Infrastruktur sind, ist eine Idee, die von den Nazis stammt. Deshalb eignet sie sich nicht zum Bestandteil einer modernen Verkehrspolitik.

Beispiel 2: Johannes Kepler, der die "Naturgesetze" formulierte, nach denen sich Planeten gemäß festgeschriebener Zahlverhältnisse auf Ellipsenbahnen bewegen, war bei seiner Erforschung des Planetensystems von religiös begründeten Vorstellungen über eine harmonische Anordnung des Weltganzen motiviert. Die sogenannten "Planetengesetze" sind deshalb unwissenschaftlich und unseriös.

Der genetische Fehlschluss im Beispiel 2 verkennt, dass es trotz der religiösen Motivation Keplers andere Umstände geben kann, derentwegen die Planetengesetze durchaus als gut begründet gelten dürfen (z.B. dass sie mit den zahlreichen, genauen und schon vor Keplers Formulierung der Ellipsenhypothese von Tycho Brahe vorgenommenen Planetenbeobachtungen übereinstimmen). 

Generell gehören genetische Fehlschlüsse zu den präsumptiven Fehlschlüssen, weil sie häufig auf zweifelhaften Prämissen beruhen:

·        Beispiel 1: Wenn der Ursprung einer Idee (Autobahn) aus der NS-Zeit stammt, dann kann diese Idee heutzutage nicht gut oder nützlich sein.

·        Beispiel 2: Wenn die Genese einer Idee (Keplersche Gesetze) durch religiöse Motive geprägt ist, kann ihr Output nicht seriös sein.

In der Wissenschaftstheorie unterscheidet man zur Vermeidung von genetischen Fehlschlüssen zwischen:

·        Entdeckungszusammenhang: Umstände der Entstehung von I.

·        Rechtfertigungszusammenhang: Umstände zur Rechtfertigung für I.

Häufig kann es allerdings auch angemessen sein in einem Argument auf die Genese einer Überzeugung zu verweisen.

Beispiel 3: Die Idee, dass genau 1001 Bücher im Regal stehen, ist gut begründet, denn sie stammt von Frau Grotenik, die die Bücher mehrfach gründlich gezählt hat.

Der Verweis auf die Genese der Idee I in Beispiel 3 ist gerechtfertigt. Denn das Argument lässt sich auf die folgende implizite Voraussetzung zurückführen: Zahlenangaben, die durch mehrfaches Zählen von mittelgroßen, klar distinkten, unbeweglichen physischen Gegenständen durch vertrauenswürdige, zurechnungsfähige Personen ermittelt wurden, sind fast immer richtig.

Diese implizite Voraussetzung ist plausibel und deshalb ist auch der Verweis auf die Genese der Idee I ein Argument für die Begründetheit von I. Es kommt also darauf an, ob die Genese sachlich etwas mit dem Geltungsanspruch der Behauptung zu tun hat. Bzw. ob der Entdeckungszusammenhang in einer geeigneten Beziehung zum Rechtfertigungszusammenhang steht. Dazu muss man sich im Einzelfall die impliziten Voraussetzungen des Arguments anschauen.

Die Bezeichnung "Genetischer Fehlschluss" stammt aus dem Werk "An Introduction to Logic and Scientific Method" von Morris Raphael Cohen und Ernest Nagel (1934)
Die Bezeichnung "Genetischer Fehlschluss" stammt aus dem Werk "An Introduction to Logic and Scientific Method" von Morris Raphael Cohen und Ernest Nagel (1934)

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