„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Konsequenzargument

Das Konsequenzargument ist eines der wichtigsten Argumente für den Inkompatibilismus in der kontemporären Debatte um Willensfreiheit.

„The most influential defenses of incompatibilism […]

have employed some version of the Consequence argument“

- Thomas Crisp und Ted Warfield: The Irrelevance of Indeterministic Counterexamples to Principle Beta (2000), S. 173

Hier eine erste, vereinfachte Darstellung des Argumentes:

A1. Die Gegenwart und Zukunft (einschließlich unserer Handlungen und Entscheidungen) sind notwendige Konsequenzen der Vergangenheit und der geltenden Naturgesetze.
A2. Menschliche Subjekte können weder die Vergangenheit noch die Naturgesetze kontrollieren.
K1. Also: Menschliche Subjekte können die notwendige Konsequenzen aus der Vergangenheit und der geltenden Naturgesetze, darunter insbesondere unsere Handlungen und Entscheidungen, nicht kontrollieren.

Das lässt sich nun noch weiterspinnen:

A3. Menschliche Subjekte können nur willensfrei sein, wenn sie ihre Handlungen und Entscheidungen kontrollieren können.

A2. Also: Menschliche Subjekte sind nicht willensfrei.

A4. Menschliche Subjekte können nur dann moralisch oder rechtlich verantwortlich gemacht werden, wenn sie willensfrei sind.

K3. Also: Menschliche Subjekte können nicht moralisch oder rechtlich verantwortlich gemacht werden.

Prima vista ist das Konsequenzargument sehr plausibel: Wenn der nomologische Determinismus wahr ist, dann folgt daraus, dass (A1.) alle Ereignisse und insbesondere meine Entscheidungen durch geltende Naturgesetze und Ereignisse vollständig festgelegt sind, die lange vor meiner Geburt stattgefunden haben. (A2.) Ich kann aber weder die Naturgesetze noch Ereignisse kontrollieren, die lange vor meiner Geburt stattgefunden haben. (K1) Also kann ich dann nichts und auch nicht meine Entscheidungen kontrollieren.

Das Konsequenzargument wurde bereits in der Antike von Cicero[1] in De fato diskutiert. Immanuel Kant akzeptierte es in seiner Kritik der praktischen Vernunft[2] und der Religionsschrift.[3] Die einflussreichsten jüngeren  Formulierungen und Formalisierungen des Konsequenzarguments stammen von  Peter van Inwagen.[4] Andere Darstellungen und Verteidigungen bzw. Weiterentwicklungen oder kritische Diskussionen finden sich u.a. bei Crisp und Warfield[5], David Wiggins[6] Carl Ginet[7][8], David Widerker[9], David Lewis[10], Tim O’Connor[11], Thomas McKay, David Johnson[12], Robert Kane[13], John Martin Fischer und Mark Ravizza[14] usw. Die Relevanz der neuesten Publikationen ist noch nicht abzusehen, die Diskussion dauert an!

„If determinism is true, then our acts are the consequences of the laws of nature and events in the remote past. But it is not up to us what went on before we were born, and neither is it up to us what the laws of nature are. Therefore, the consequences of these things (including our present acts) are not up to us.“

- Peter van Inwagen: An Essay on Free Will (1983), S. 16 u. 56.

1. Formalisierung

Wenn wir die aktuelle Diskussion nun in ihrer (beeindruckenden) intellektuellen Tiefe verstehen wollen, müssen wir uns van Inwagens Formalisierung des Konsequenzargumentes ansehen. Diese ist komplizierter als die bisherige.

Peter van Inwagen führt zunächst zwei Regeln ein:

1.   Regel α: Wenn p notwendig ist, dann gilt: p, und niemand hat oder hatte jemals eine Wahl in Bezug auf p.

Schreiben wir mit van Inwagen[15]: "Np" für "p, und niemand hat oder hatte jemals eine Wahl in Bezug auf p" und "p" für "p ist logisch notwendig (wahr in jeder möglichen Welt)", dann können wir Regel α auch wie folgt abkürzen:

Regel αp |– Np

2.    Regel β: (i) Wenn p der Fall ist und niemand eine Wahl in Bezug auf p hat noch je hatte; und (ii) p q impliziert und niemand eine Wahl in Bezug auf diese Tatsache hat noch je hatte; dann gilt auch, dass niemand eine Wahl in Bezug auf q hat oder je hatte.

 Regel β: Np, N(p  q) | Nq[16]

P0 stehe für eine Proposition, die einen Zustand des Universums zu einem Zeitpunkt in ferner Vergangenheit und vor der Existenz menschlicher Wesen beschreibt; L für eine Konjunktion der geltenden Naturgesetze; und P für eine beliebige wahre Proposition). Angenommen, der Determinismus sei wahr. Dann lässt sich van Inwagens originales Konsequenzargument wie folgt formalisieren:

P1. Notwendigerweise: L und P0 implizieren P: (L & P0  P).

Die Prämisse P1 folgt aus dem universalen Determinismus. Denn wenn der universale Determinismus wahr ist, dann gibt es keine mögliche Welt, in der die (in unserer Welt aktualen) Naturgesetze herrschen sowie der Weltzustand P0 vorlag, doch P nicht der Fall ist oder war.

P2aNiemand hat oder hatte je eine Wahl in Bezug auf den Weltzustand P0: NP0.

P2bNiemand hat oder hatte je eine Wahl in Bezug auf die Naturgesetze: NL.

K1Notwendigerweise: Wenn P0 , dann ist auch P der Fall, sofern L gilt:

(P0  (L  P)).

Aus Regel α folgt:

K2. Niemand hat oder hatte je eine Wahl in Bezug auf die Tatsache, dass, wenn P0 , auch P der Fall ist, sofern L gilt: N(P0  (L  P)).

Aus Regel β folgt:

K3. Niemand hat oder hatte je eine Wahl in Bezug auf die Tatsache, dass, wenn L gilt, P der Fall ist: N(L  P).

K4. Niemand hat oder hatte je eine Wahl in Bezug auf (die Wahrheit von) P.

Da "P" für eine beliebige wahre Proposition steht, ergibt sich, dass niemand eine Wahl in Bezug auf Irgendetwas hat!

Die aktuelle Diskussion dreht sich weitgehend um diese Formalisierung.

2. Rezeption

a. Prämisse P1

Die erste Prämisse folgt aus dem universalen Determinismus.

Früher wurde P1. mit einem theologischen Determinismus formuliert, heutige Philosophen formulieren sie mit einem naturgesetzlichen Determinismus:

Peter van Inwagen charakterisiert den nomologischen Determinismus so:

„We shall apply this term to the conjunction of these two theses: For every instant of time, there is a proposition that expresses the state of the world at that instant; […] If p and q are any propositions that express the state of the world at some instants, then the conjunction of p with the laws of nature entails q.“ (van Inwagen 1983, 65) Dies, so van Inwagen, erfasse wenigstens eine These, die man mit Recht „Determinismus“ nennen könne. Und explizit hebt er in diesem Zusammenhang hervor: „This definition has the consequence […] that the future determines a unique past.“ (Ebd.) Wenige Sätze später betont er zudem: „The reader will note that the horrible little word ,cause‘ does not appear in this definition.“

- Peter van Inwagen (1983), S. 65.

Ich werde hier keine kritische Beurteilung des Determinismus vornehmen. Denn erstens habe ich das hier bereits ausführlich getan, zweitens wird der Determinismus im Konsequenzargument vorausgesetzt. Die Wahrheit der Prämisse P1 folgt dann analytisch; die Debatte dreht sich um andere Annahmen.

b. Prämisse P2

Die zweite Prämisse ist zweiteilig: 

P2a. Dass wir die Vergangenheit nicht ändern können, ist ziemlich unkontrovers.

 

P2b. Dass wir die Naturgesetze nicht ändern bzw. "falsch machen" können, ist prominent von David Lewis bestritten wurden.

Prima facie ist aber auch P2b. zumindest äußerst plausibelWir können zwar falsche Gesetzeshypothesen als falsch erweisen, aber wir können eine wahre Proposition (ein wirkliches Naturgesetz) unter keinen Umständen falsch machen.

Wenn man P1, P2a, P2b. und Regel α akzeptiert, folgt daraus aber bereits K1. Wenn wir K1. jetzt also noch bestreiten wollen, müssen wir Regel α bestreiten.

1.   Regel α: Wenn p notwendig ist, dann gilt: p, und niemand hat oder hatte jemals eine Wahl in Bezug auf p.

Regel α galt bis vor kurzem als sakrosankt. Jüngst hat Stephen Kearns indessen argumentiert, dass es sehr wohl auch notwendige Sachverhalte gebe, für die wir im Sinne van Inwagens "eine Wahl" haben und daher verantwortlich sind.[17]

Kearns Argument ist aber hochumstritten und die meisten halten an α fest.

Bleibt also noch Regel β:

2.    Regel β: (i) Wenn p der Fall ist und niemand eine Wahl in Bezug auf p hat noch je hatte; und (ii) p q impliziert und niemand eine Wahl in Bezug auf diese Tatsache hat noch je hatte; dann gilt auch, dass niemand eine Wahl in Bezug auf q hat oder je hatte.

Regel β wird auch als Transfer- oder Geschlossenheitsprinzip bezeichnet.

Prima vista ist auch die Regel β äußerst plausibel: Wenn niemand eine Wahl in Bezug auf den Meteoriteinschlag in der Kreidezeit hat oder hatte und und wenn niemand eine Wahl hat oder hatte, dass der Meteroiteneinschlag die Dinosaurier aussterben ließ, dann gilt auch, dass niemand eine Wahl in Bezug auf das Aussterben der Dinosaurier hat oder hatte.

Anders als Regel α ist Regel β aber breit und vielfach kritisiert wurden.

Dabei konstruieren die meisten Kritiker einen Fall von Überdetermination.

Beispiel: In Agatha Christies "Orient Express" deckt Hercule Poirot auf, dass das Opfer nicht durch nur einen Täter, sondern von sämtlichen Insassen des Schlafwagenabteils mit jeweils einem eigenen Messerstich traktiert wurde. Gehen wir davon aus, dass kein Insasse das Verhalten der anderen Täter kausal beeinflussen konnte und dass jeder Stich hinreichend für den Tod des Opfers war. 

Dann ist:

(i)  p "das Opfer wird erstochen" und niemand hat oder hatte eine Wahl in Bezug auf p, weil die Insassen sich gegenseitig nicht beeinflussen können.

 (ii)    p impliziert q "das Opfer stirbt" und niemand hat oder hatte eine Wahl in Bezug auf "p impliziert q", da jeder Stich hinreichend für den Tod des Opfers war.

Es gilt also (i) und (ii). Und nach der Regel β sind (i) und (ii) hinreichend dafür, dass niemand eine Wahl in Bezug auf "das Opfer stirbt" hat oder hatte. Kritiker der Regel β halten dagegen, dass die Insassen sehr wohl eine Wahl in Bezug auf q hatten, schließlich waren ihre Messerstiche hinreichend für "das Opfer stirbt."

Ich persönliche halte diese Kritik für verfehlt: Die Messerstiche sind hinreichend, aber nicht notwendig für q. Wenn ein Insasse das Opfer nicht erstochen hätte, hätte trotzdem gegolten "das Opfer stirbt". Also hat oder hatte er keine Wahl in Bezug auf q. Folglich halte ich die Regel β und das gesamte Konsequenzargument auch für gültig. Wenn der Determinismus wahr ist, haben wir (in einem bestimmten Sinne) nie eine Wahl in Bezug auf irgendwas!

Fußnoten

[1] Cicero: Über das Schicksal (44 v. Chr.), § 40.
[2] Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft (1788), A 169.

[3] Immanuel Kant: Religionsschrift (1793), B 58 Anm.

[4] Peter van Inwagen: An Essay on Free Will (1983), 16; ausführlich: Kap. 3.

[5] Thomas Crisp und Ted Warfield: The Irrelevance of Indeterministic Counterexamples to Principle Beta. in: Philosophy and Phenomenological Research, 61, 173–184.

[6] David Wiggins: Towards a Reasonable Libertarianism (1973), in: Essays on Freedom of Action, 31–61.

[7] Carl Ginet: Might We Have No Choice?, in: Freedom and Determinism, hg. v. K. Lehrer, 87–104.

[8] Carl Ginet: On Action (1990)

[9] David Widerker: On an Argument for Incompatibilism (1987), in: Analysis, 47, 37–41.

[10] David Lewis: Evil for Freedom’s Sake? (1993), in: Philosophical Papers, 22, deutsch in: Analytische Religionsphilosophie, hg. v. Ch. Jäger, Paderborn 1998, 273–301.

[11] Timothy O’Connor: On the Transfer of Necessity (1993), in: Nous, 27, 204–218.

[12] Thomas McKay und David Johnson: A Reconsideration of an Argument against Compatibilism (1996), in: Philosophical Topics, 24, 113–122.

[13] Robert Kane: The Significance of Free Will (1996)

[14] John Martin Fischer und Mark Ravizza: Responsibility and Control – A Theory of Moral Responsibility (1998)

[15] Peter van Inwagen: An Essay on Free Will (1983), 93

[16] ebd. 93 f.

[17] Stephen Kearns: Responsibility for Necessities (2011)

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