„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Das Induktionsproblem und der Schluss auf die beste Erklärung

Gilbert Harman[1], David M. Armstrong[2] und Peter Lipton[3] haben vorgeschlagen, induktive Schlüsse als Schlüsse auf die beste Erklärung anzusehen. Auf diese Weiße wollten sie das Induktionsproblem lösen.

Ein Schluss auf die beste Erklärung (kurz: SBE] schließt von Prämissen auf die beste Erklärung dieser Prämissen. Besser gesagt: auf die vermutliche Wahrheit der Prämissen dieser besten Erklärung.

Und eine induktive Verallgemeinerung schlussfolgert (verallgemeinert) von einer endlichen Menge an Beobachtungen auf ein allgemeingültiges Gesetz:

Induktiver Generalisierungsschluss: Eine hohe Anzahl n aller bisher beobachteten Fs waren Gs. Also sind (wahrscheinlich) alle Fs Gs.

Das Argument der Autoren lautet nun, dass eine induktive Verallgemeinerung ein Spezialfall eines SBEs ist. Denn die beste Erklärung für "eine hohe Anzahl n aller bisher beobachteten Fs waren Gs" sei nun mal "Alle Fs sind Gs".

Beispiel 1: Die beste Erklärung für "alle 10 Million bisher beobachteten Raben waren schwarz" sei nun mal "Alle Raben sind Schwarz".

Beispiel 2: Die beste Erklärung für "Alle bisher beobachteten Massen ziehen sich an" sei nun mal "Alle Massen ziehen sich an" (Gravitationsgesetz). Auf diese Weise gewinnen und begründen die Erfahrungswissenschaften ihre Gesetze.

Kritik

Frage: Löst dieser SEB-Ansatz tatsächlich das Induktionsproblem?

Das Induktionsproblem fragt uns, ob und wenn ja wie ein Schluss von einer beobachteten Regelmäßigkeit (eine hohe Anzahl n aller bisher beobachteten Fs waren Gs) auf ihre Generalisierung (alle Fs sind Gs) gerechtfertigt werden kann.

Die Antwort des SBE-Ansatz lautet:

a. Weil es sich dabei um einen Schluss auf die beste Erklärung handelt.

b. Weil es sich bei dem SBE um eine gerechtfertigte Schlussform handelt. 

Diese Antwort stellt den SBE-Ansatz aber vor Folgefragen:

Frage 1: Warum ist "alle Fs sind Gs" die beste Erklärung?

Frage 2: Wie können SBEs gerechtfertigt werden?

a. Frage 1

Frage 1: Warum ist "alle Fs sind Gs" die beste Erklärung?

"Alle Fs sind Gs" kann nur die beste Erklärung gelten, wenn bereits das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur (kurz: PUA) vorausgesetzt wir:

PUA. Die Zukunft und Unbeobachtetes werden (wahrscheinlich) so beschaffen sein wie die Vergangenheit und Beobachtetes.

Wenn PUA nicht vorausgesetzt wird, kann der Induktionsschluss nicht als beste Erklärung angesehen werden. Denn dann könnten sich die Zukunft und das Unbeobachtete plötzlich anders verhalten und alle zukünftig beobachteten oder anderen Fs könnten Hs der Induktionsschluss wäre kein SBS.

Das PUA kann aber weder deduktiv noch induktiv-zirkelfrei begründet werden. 

Also kann das PUA auch nicht vorausgesetzt und in Folge der Induktionsschluss nicht als SBS angesehen werden.

b. Frage 2

Frage 2: Wie können SBEs gerechtfertigt werden?

Peter Lipton[4], David Papineau[5] und Stathis Psillos[6] haben folgende Antwort vorgeschlagen: 

Vorschlag: Der Schluss auf die beste Erklärung ist gerechtfertigt, weil die Annahme seiner Reliabilität die beste Erklärung dafür ist, dass bisher die meisten durch einen SBE gewonnenen Hypothesen kognitiv erfolgreich waren. 

Kritik 1: Dieser Vorschlag versucht den Schluss auf die beste Erklärung durch einen Schluss auf die beste Erklärung zu rechtfertigen. Er ist somit zirkulär.

Kritik 2: Igor Douven[7] hat den obigen Vorschlag modifiziert:

Vorschlag*: Der Schluss auf die schlechteste Erklärung ist gerechtfertigt, weil die Annahme seiner Reliabilität die schlechteste Erklärung dafür ist, dass bisher die meisten durch einen SSE gewonnenen Hypothesen kognitiv erfolglos waren.

Diesen Vorschlag* würde wohl kaum jemand akzeptieren, also sollte man den Vorschlag von Lipton, Papineau und Psillos ebenso wenig akezptieren.

Fazit

Harman, Lipton und Armstrong haben vorgeschlagen, induktive Schlüsse als Schlüsse auf die beste Erklärung anzusehen. Damit lösen sie aber nicht das ursprüngliche Induktionsproblem. Denn erstens stellt sich wie beim Induktionsproblem auch wieder das Problem der Begründung von PUA (Frage 1). Zweitens kommen noch eine weitere schwerwigende Probleme hinzu (Frage 2).

Oder kurz: Auch wenn es die beste Erklärung zu sein scheint, dass wahrscheinlich alle Raben schwarz sind, wenn alle 10 Million bisher beobachteten Raben schwarz waren, ist sie das bei genauerem Hinsehen einfach nicht.

Bildurheber: Aaron (CC BY 2.0)

Einzelnachweise

[1] Gilbert Harman: The Inference tot he Best Explanation (1965)
[2] David Malet Armstrong: What Is a Law of Nature (1983)
[3] Peter Lipton: Inference tot he Best Explanation (1991)

[4] David Papineau: Philosophical Naturalism (1993), Abschnitt 5

[5] Stathis Psillos: Scientific Realism. How Science Tracks Truth (1999), S. 82

[6] Igor Douven: Abduction (2011), Abschnitt 3

[7] Diese haben vor allem damit zu tun, dass bei SBE im Gegensatz zu Induktionsschlüssen nicht in den Prämissen enthaltene Begriffe eingeführt werden können. Die Einführung neuer Entitäten erfordert zusätzliche Adäquatheit-skriterien in Hinblick auf Nichtwillkürlichkeit und ontologischer Sparsamkeit.

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