„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Bertrand Russell über Kausalität

Bertrand Russell vertritt in seinem Aufsatz "On the Notion of Cause" die These, dass Kausalität ontisch nicht existient ist - kurz: einen Kausaleliminativismus.

Russels Hauptargument lautet:

P1. Der Kausalität werden bestimmte Eigenschaften E1,... En zugeschrieben.

P2. Es kommen in unseren besten und reifsten wissenschaftlichen Theorien keine Träger der Eigenschaften E1, ... En vor.

K1. Es kommt in unseren besten und reifsten Theorien keine Kausalität vor. 

P3. Wir sollten von der realen Existenz (unbeobachtbarer) Entitäten ausgehen, gdw. diese Entitäten in unseren besten Theorien vorkommen.

K2. Wir sollten nicht von der realen Existenz der Kausalität ausgehen.

„Das Kausalgesetz, wie so vieles, das von Philosophen akzeptiert wird,

ist meiner Meinung nach ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten,

das – wie die Monarchie – nur deshalb noch nicht verschwunden ist,

weil es irrtümlich für harmlos gehalten wird.“
- Bertrand Russell: On the Notion of Cause (1912/13), S. 1.

Bertrand Russell
Bertrand Russell

a. Prämisse 1

Mit der ersten Prämisse konstatiert Russell nüchtern, dass klassische Theorien der Kausalität bestimmte Merkmale (notwendige Eigenschaften) zuschreiben.

Wenn U und W zwei verschiedene Ereignistypen sind, lauten die Merkmale u.a.:

1. Kausalgesetz: Wenn U auftritt, dann tritt auch W auf.

2. Asymmetrie: Wenn U die Ursache von W, ist W nicht die Ursache von U.

3. zeitliche Symmetrie: Die Ursache U tritt zeitlich immer vor ihrer Wirkung W auf.

b. Prämisse 2

„Die Philosophen aller Schulen stellen sich vor, dass Kausalität eines der fundamentalen Axiome oder Postulate der Naturwissenschaften sei, aber erstaunlicherweise taucht das Wort ‚Ursache‘ in fortgeschrittenen Wissenschaften, wie der Gravitationsastronomie, gar nicht auf.“
- ebd., S. 1 

Mit der zweiten Prämisse argumentiert Russell, dass Kausalität in diesem Sinne nicht nur in unseren besten und reifsten wissenschaftlichen Theorien (d.h. insb. in der Physik) nicht vorkommt. Sie ist mit diesen Theorien sogar inkompatibel.

1. Gegen das Kausalgesetz führt Russell u.a. diesen Einwand ins Feld:

„Wenn wir uns im Blick auf die erwartete Ursache sicher sein wollen, dann müssen wir wissen, dass es in der Umwelt nichts gibt, das stören könnte. Das heißt aber, dass die unterstellte Ursache selbst jedenfalls nicht hinreichend für die Wirkung ist.“
- ebd., 7–8

Es ist also gar nicht ein bestimmter Ereignistyp U, sondern strenggenommen ein  kosmischer Zustand K als Ganzes hinreichend für den Ereignistyp W.

 Und sobald wir die Umwelt mit hinzunehmen, verringert sich die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung, bis sie schließlich, wenn die ganze Umwelt mit hinzu genommen wurde, fast Null wird [...] Das Prinzip ‚Gleiche Ursache, gleiche Wirkung‘, von dem Philosophen glauben, es sei ganz zentral für die Naturwissenschaften, ist folglich vollkommen überflüssig. Sobald die Anfangsbedingungen hinreichend genau angegeben wurden, um eine Konsequenz einigermaßen präzise zu berechnen, sind die Anfangsbedingungen derart kompliziert, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie sich jemals wiederkehren werden.

- ebd., S. 8-9

Und da ein bestimmter kosmischer Gesamtzustand K nur einmal auftritt, gibt es keine kausale Regularitäten oder Wiederholungen gleicher Ereignisfolgen.

2. Gegen die Asymmetrie führt Russell ins Feld, dass die grundlegenden Gleichungen und damit auch Gesetze der Physik (zeit-)asymmetrisch sind. 

D.h. man kann diese Gleichungen sowohl vorwärts als auch rückwärts (determinierend) lesen. "Die Zukunft bestimmt die Vergangenheit in genau demselben Sinne, in dem die Vergangenheit die Zukunft bestimmt.“ (ebd., S. 15).

„Das Gravitationsgesetz illustriert, was in fortgeschrittenen Naturwissenschaften geschieht. In den Bewegungen wechselseitig gravitierender Körper gibt es nichts, das eine Wirkung genannt werden könnte, es gibt da nur eine Formel. Man kann eine bestimmte Differentialgleichung finden, die in jedem Augenblick für jedes Teilchen des System gilt, und die – gegeben die Konfiguration und die Geschwindigkeiten zu einem Zeitpunkt oder die Konfiguration zu zwei Zeitpunkten – die Konfiguration zu jedem früheren oder späteren Zeitpunkt berechenbar macht. D. h. die Konfiguration zu einem beliebigen Zeitpunkt ist eine Funktion dieses Zeitpunkts und der Konfiguration zu zwei gegebenen Zeitpunkten. Diese Aussage gilt für die ganze Physik, nicht nur für den Spezialfall der Gravitation. Aber in einem solchen System gibt es nichts, das im eigentlichen Sinne ‚Ursache‘ genannt werden könnte, und nichts, das im eigentlichen ‚Wirkung‘ genannt werden könnte.“

- ebd., 14

Der Funktionsbegriff sei somit besser geeignet als der Kausalitätsbegriff, um die Abhängigkeiten, die in den Gesetzen formuliert sind, angemessen zu erfassen.

c. Prämisse 3, Konklusionen 1 und 2

„Alle Philosophen, aus jeder Schule, stellen sich vor, dass Kausalität eines der fundamentalen Axiome oder Postulate der Wissenschaft ist.“

- ebd., S. 1.

Nach Russel ist dieser Glaube aber ein "Relikt eines vergangenen Zeitalters"  (ebd.). Die Philosophen glauben allein deshalb an Kausalität, weil sie sich nur mit alten Theorien auseinandersetzen. Wenn sie sich mit unseren besten und reifsten Theorien beschäftigen würden, würden sie das Kausalitätsdogma auch ablegen. 

Denn in unseren besten und reifsten Theorien kommt Kausalität nicht vor (Prämissen P1 und P2). Und qua ontologischer Verpflichtung sollten wir als vernünftige Menschen davon ausgehen, da es nur genau die Dinge gibt, die in unseren besten und reifsten Theorien auch vorkommen (Prämisse P3).

Aus den Prämissen P1, P2 und P3 folgt nun K2 und damit Russells Hauptthese:

K2. Wir sollten nicht von der realen Existenz der Kausalität ausgehen!

Literatur

Bertrand Russell: On the Notion of Cause. In: in: Proceedings of the Aristotelian Society, 1912/13, S. 1–26.

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