„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

John L. Mackie über INUS-Bedingungen

Der alltägliche Kausalbegriff impliziert, dass eine Ursache ein Ereignis und als solches notwendige und hinreichende Vorbedingung von ihrer Wirkung ist.

John L. Mackie kritisiert diese Vorstellung in "Causes and Conditions" (1965).

Nehmen wir bspw. die Aussage: "der Kurzschluss war Ursache des Hausbrands".

Einerseits war der Kurzschluss keine notwendige Bedingung für den Hausbrand, er hätte auch durch ein Blitzeinschlag bedingt werden können.

Andererseits war der Kurzschluss aber auch keine hinreichende Bedingung für den Hausbrand, er hätte ohne dass z.B. Stroh auf dem Boden liegt, dass durch die Funken vom Kurzschluss entflammt wurde, nicht bedingt werden können.

Aber was sagen Kausalaussagen wie die obere über den Kurzschluss dann aus?

Bildurheber: 夢の散歩 (CC BY-SA 3.0)

1. INUS-Bedingung

Ein ursächlicher Ereignis-Type ist nach Mackie eine INUS-Bedingung, d.h.:

1. Insufficient: nicht hinreichend für das Eintreten der Wirkung, aber

2. Necessary: ein notwendiger Bestandteil

3. Unnessary: eines nicht-notwendigen, aber

4. Sufficient: hinreichenden Bedingungskomplexes für der Wirkung.

Das Ganze lässt sich nun leicht auf unser Beispiel übertragen: U1 "Kurzschluss" und U2 "es liegt Stroh auf dem Boden" sind einzelne ursächliche Ereignisse. Angenommen sie bilden zusammen einen hinreichenden Bedingungskomplex B für die Wirkung W1 "Hausbrand". Das heißt es gilt: B: (( U1   U2 ) → W1).

Dann ist das U1 "Kurzschluss" eine INUS-Bedingung für W1, d.h. U1 ist:

1. nicht hinreichend für W1, denn ohne U2 hätte W1 nicht stattgefunden.

2. notwendig für W1, denn ohne U1 hätte W1 ebenfalls nicht stattgefunden.

3. zusammen mit U2 nicht-notwendig für W1, denn W1 wäre auch aufgrund von U3 "Blitzeinschlag" und U4 "kein Blitzableiter" eingetreten.

4. zusammen mit U2 hinreichend für W1, denn W1 ist wegen B eingetreten.

2. Der Mackische Kausalbegriff

Der mackische Kausalbegriff lässt sich demzufolge so analysieren: Es sei u ein Ereignistoken des Types U und w ein Ereignistoken des Types W. Eine singuläre Kausalaussage wie "u hat w verursacht" sagt damit laut Mackie das Folgende aus:

(i) Das Ereignis u des Types U ist instantiiert.

(ii) U ist wenigstens eine INUS-Bedingung für W.

(iii) Die anderen INUS-Bedingungen, die zusammen mit U einen hinreichenden Komplex B für W darstellen, sind ebenfalls instantiiert.

Die Aussage "Der Kurzschluss war Ursache für den Hausbrand" besagt also:

(i) Der Kurzschluss hat tatsächlich stattgefunden.

(ii) Der Kurzschluss ist wenigstens eine INUS-Bedingung für den Hausbrand.

(iii) Das Stroh auf dem Boden, das zusammen mit dem Kurzschluss einen hinreichenden Komplex für den Hausbrand darstellt, hat stattgefunden.

3. Das Kausale Feld

Dieses Beispiel ist indes stark konstruiert und vereinfacht. Natürlich zählt auch der Sauerstoff im Raum als INUS-Bedingung. Und genauso das Erbauen des Hauses und unzählige weitere Ereignisse E5, E6 … En. Gleichwohl würden wir das Erbauen des Hauses bspw. nicht als Ursache für sein Niederbrennen klassifizieren. Denn wir unterscheiden gewöhnlich zwischen Bedingungen und Ursachen.

Diese Unterscheidung fängt Mackie durch den Begriff des kausalen Feldes ein:

„Diese Angelegenheiten können teils geklärt werden, wenn man sich klar macht, dass Kausalaussagen typischerweise innerhalb eines Kontextes gemacht werden – vor einem Hintergrund, der die Annahme eines kausalen Feldes einschließt. Eine Kausalaussage wird die Antwort auf eine kausale Frage sein, und die Frage ‚Was hat diese Explosion verursacht?‘ kann ausbuchstabiert werden als ‚Was ist der entscheidende Unterschied zwischen jenen […] Fällen – innerhalb eines gewissen Rahmens – in denen es zu keiner Explosion gekommen ist, und diesem, bei dem es eine Explosion gab?‘ Sowohl Ursache als auch Wirkung werden als Unterschiede innerhalb eines Feldes gesehen; alles was Teil der angenommenen (aber selten explizit gemachten) Beschreibung des Feldes ist, kommt dann – automatisch – nicht mehr als Kandidat für die Rolle der Ursache in Frage.“
- John L. Mackie: The Cement of the Universe (1980), S. 34 – 35.

Alle Ereignisse innerhalb eines kausalen Feldes sind Ursachen bzw. INUS-Bedingungen und alle Ereignisse außerhalb davon sind bloße Bedingungen.

Wichtig ist, dass diese Grenzziehung pragmatisch und nicht objektiv geschieht. Sie hängt von den Erkenntnisinteressen derer ab, die nach einer Ursache fragen.

Mackie ist sich mit Russel einig darin, dass ein kausales Feld objektiv nahezu alle  Ereignisse des Universums zu einem früheren Zeitpunkt enthalten müsste!  Technisch müsste es alle Ereignisse im kosmischen Rückwärtskegel enthalten.

Im Alltag unterstellen wir aber stets einen fixen Hintergrund, das kausale Feld.

Also müssen wir die Bedingung (ii) des mackischen Kausalbegriffs modifizieren:

(ii*) U ist wenigstens eine INUS-Bedingung für W im kausalen Feld F.

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