„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Die dispositionalistische Theorie der Naturgesetze

Die dispositionalistische Theorie der Naturgesetze (auch: dispositionale Theorie, dispositional-essenzialistische Theorie) besagt, dass Naturgesetze aufgrund der dispositionalen Naturen fundamentaler Eigenschaften bestehen.

Sie gründet sich auf einen Dispositionalen Essenzialismus, nach dem:

1. Essenzialismus: fundamentale Eigenschaften gehaltvolle Essenzen besitzen und

2. Dispositionalismus: der Gehalt dieser Essenzen in ihrer Dispositionalität besteht.

Unterschiedliche Varianten zeitgenössischer dispositionalistischer Theorien der Naturgesetze wurden u.a. von Rom Harré und Edward H. Madden[1], Chris Swoyer[2], Martin M. Tweedale[3], Evan Fales[4], Sydney Shoemaker[5], Brian Ellis und Caroline Lierse[6], Howard Sankey[7], Brian D. Ellis[8], Stephen Mumford[9], Frank Hofmann[10], Andreas Hüttemann[11] und Florian Fischer [12] entwickelt. Die am weitesten entwickelte und diskutierte Version geht auf Alexander Bird[13] zurück, weshalb ich mich auf diese konzentrieren werden.

1. Dispositionaler Essentialismus

Alexander Bird vertritt eine eigene Version des Dispositionalen Essenzialismus. Nach Bird besteht die Natur einer fundamentalen dispositionalen Eigenschaft (Potenzialität) darin, die Disposition zu haben, beim Auftreten eines Stimulus S, die Manifestation M zu zeigen, formal ausgedrückt: D(S,M). Dementsprechend lässt sich die Kernthese von Birds Dispositionalen Essenzialismus so formulieren:

„Thus, according to dispositional essentialism [DE], the real essence of some potency P includes a disposition to give some particular characteristic manifestation M in response to a characteristic stimulus S. Hence, in all possible worlds, any object that possesses P is disposed to yield M in response to S: (DEP) (PxàD(S,M)x).“
- Alexander Bird: Nature’s Metaphysics: Laws and Properties (2007), S. 45.

Dabei setzt Bird das Haben einer Disposition D(S,M)x mit der Wahrheit des subjunktiven respektive des kontrafaktischen Konditionals Sx □ à Mx gleich:

„The straightforward dispositional essentialist account of laws equates dispositional character and subjunctive conditionals, as is found in the conditional analysis of dispositions.“ ebd., S. 64.

Diese Gleichsetzung ist nach Bird nur im Falle fundamentaler Potenzialitäten legitim, weil diese laut Bird keine Störfaktoren wie "finks"[14] oder "masks"[15] bzw. "antidotes"[16] zulassen.[17] Folgen wir also Alexander Bird und bezeichnen die Stimuluseigenschaft einer Potenzialität P mit S und ihre Manifestationseigenschaft mit M, dann bedeutet, dass P essenziell dispositional ist, dass P essenziell so ist, dass, wenn Ps Instanzen S ausgesetzt wären, sie auch M sein würden. Wenn wir zusätzlich annehmen, dass essenzialistische Wahrheiten metaphysisch notwendig sind, können wir das formal so ausdrücken:

(Pxà(SxàMx))

Birds Dispositionaler Essenzialismus besitzt noch weitere, wichtige Merkmale.  Erstens vertritt Bird nicht nur, dass es essenziell dispositionale fundamentale Eigenschafen gibt, sondern dass alle fundamentalen Eigenschaften  essenziell sind.[18] Diese These wird üblicherweise als Pandispositionalismus oder Dispositionaler Monismus bezeichnet. Zweitens argumentiert Bird, dass die dispositionalen Stimulus-Manifestationsbedingungen nicht nur zur Natur fundamentaler Eigenschaften gehören, sondern sich deren Natur sogar in diesen dispositionalen Relationen erschöpft. Diese These kann als dispositionaler Strukturalismus bezeichnet werden. Formal ausgedrückt ist also nicht nur das obere Konditional, sondern auch dieses Bikonditional wahr:

(Pxà(Sx☐ ↔ Mx))

Drittens vertritt Bird, dass jede Disposition single-track ist, das heißt, dass jede Disposition nur ein einziges charakteristisches Stimulus-Manifestationspaar besitzt.[19] Und viertens sympathisiert Bird mit einem Universalien-Platonismus:

„There are two principal conceptions of universals, the Aristotelian in re conception […] and the Platonic ante rem conception, which holds universals to be entities that themselves exist outside space and time. The former requires each universal to be instantiated at least once, the latter permits uninstantiated universals. For the most part, the argument of this book could accept either view, though I shall explore the consequences of the Platonic view […] and so will elucidate there some of the reasons for preferring that view.“
ebd., S. 64.

2. Dispositionalistische Naturgesetzestheorie

Alexander Bird vertritt die These, dass Naturgesetze direkt daraus abgeleitet werden können, dass Potenzialitäten essenziell dispositional sind.[20]

Seine Ableitung beginnt mit seiner essenzialistischen Grundthese:

(DEP) (PxàD(S,M)x)

Aus Birds oben besprochener Gleichsetzung ergibt sich:

(i) (Px à(Sx àMx))

Nun kann aus (i) eine universelle Regularität wie folgt abgeleitet werden.

Nehmen wir an, dass in einer beliebigen Welt w gilt:

(ii) Px∧Sx

Dann können wir unter der Annahme gebräuchlicher, modallogischer Prinzipien schließen, dass in w auch gilt:

(iii) Mx

(ii) und (iii) erlauben die Einführung eines entsprechenden materialen Konditionals, weshalb in w folgendes Konditional wahr ist:

(iv) (PxSx) àMx

Da diese schematische Ableitung für ein beliebiges x durchgeführt wurde, können wir (iv) universal quantifizieren und erhalten schließlich:

(v) x((PxSx)àMx)

Bird fasst diese Ableitung wie folgt zusammen:

„Hence we have explained the truth of a generalization on the basis of the dispositional essence of a property. This is the core of the dispositional essentialist explanation of laws. Since the generalization is non-accidental it is a nomic generalization.“
- ebd., S. 46.

Da in der obigen Ableitung auch die Welt w beliebig gewählt war, erhalten wir nicht nur (v), sondern sogar x((PxSx)àMx). Die Naturgesetze sind also metaphysisch notwendig. Deshalb ist es auch nicht möglich, dass eine fundamentale Eigenschaft anderen Gesetzen als den aktualen ‚gehorcht‘. Dass eine Potenzialität im Gegensatz zu einer kategorischen beziehungsweise quidditistischen Eigenschaft ihr nomologisches Profil nicht ändern oder sogar mit anderen Eigenschaften vertauschen kann, wird von den Vertretern des Dispositionalismus als großer Vorteil einer Dispositionenmetaphysik angesehen.

Bird sympathisiert sogar mit einer noch stärkeren TheseNehmen wir an, es gibt eine mögliche Welt w1, in der eine Potentialität P nicht existiert. Dann ist in w1 die entsprechende Generalisierung x((PxSx)àMx) nur leererweise erfüllt, da ein materiales Konditional wahr ist, wenn sein Antezendenz falsch ist. Der  schwache Nezessitarianismus besagt nun, dass in w1 x((PxSx)àMx) kein Naturgesetz ist. Beispielsweise können wir annehmen, dass es w1 keine Ladungen gibt. Dann besteht die Position des schwache Nezessitarianismus darin, dass Coulombs Gesetz in w1 zwar nicht verletzt und wahr, aber kein Naturgesetz ist.

Der starke Nezessitarianismus besagt dahingegen, dass in allen Wleten dieselben Regularitäten Gesetze sind. Wie wir gesehen haben, symphatisiert Bird mit einem platonischen Universalienrealismus, nach dem in jeder möglichen Welt dieselben Universalien und somit fundamentalen Potenzialitäten existieren. Aus dem Grund ist Bird sogar Anhänger des starke Nezessitarianismus. Wenn in einer Welt zum Beispiel keine Ladung instanziiert ist, dann ist Coulombs Gesetz in dieser Welt trotzdem ein Naturgesetz, genauso wie in allen anderen Welten.

„According to strong necessitarianism there is no difference between possible worlds as regards their laws; nomologically, they are identical“ – ebd., S. 50

3. Diskussion

Einen guten ersten Überblick über die Diskussionen rund um Alexander Birds Naturgesetzestheorie bietet Birds Paper "Dispositionalist Conception of Law".

Ein Vorteil der dispositionalistischen Theorie sieht Bird darin, dass sie plausibel machen kann, dass viele Gesetze nur ceteris paribus gelten. Denn die Natur einer Potenzialität in Reinform zeigt sich nur unter kontrollierten, experimentellen Situationen. Allerdings liegen Potenzialitäten de facto so gut wie nie in Isolation vor, deshalb gelten die durch sie ableitbaren Gesetze auch nur näherungsweise.

Ein weiterer Vorteil ist sicherlich, dass eine dispositionalistische Theorie Reichenbachs Problem lösen kann. Dieses lässt sich so veranschaulichen:

(A) Für alle x: Wenn x ein Klumpen angereichertes Uran (235U) ist, dann hat x eine Masse, der kleiner ist als 100 Kilogramm.

(B) Für alle x: Wenn x ein Klumpen Gold (AU) ist, dann hat x eine Masse, die kleiner ist als 100 Kilogramm.

Reichenbachs Problem besteht darin, dass eine raffinierte Theorie der Naturgesetze zwischen wirklichen Naturgesetzen, wie ausgedrückt in (A), und bloßen akzidentiellen Verallgemeinerungen, wie ausgedrückt in (B), unterscheiden können muss. Eine dispositionalistische Theorie löst das Problem wie folgt

Die Aussage (A) lässt sich aus der dispositionalen Natur einer fundamentalen Potenzialität ableiten und drückt deshalb ein Naturgesetz aus. Die Aussage (B) lässt sich nicht auf diese Weise ableiten und drückt deshalb kein Naturgesetz aus.

Ein Nachteil der dispositionalistischen Theorie besteht eventuell darin, dass einige Kandidaten für Naturgesetze aus der Physik nicht aus fundamentalen Potenzialitäten ableitbar sind. Dazu zählen insbesondere diese Kandidaten hier:

1. Symmetriegesetze und die entsprechenden Erhaltungsgesetze.[21]
2
. Das Prinzip der kleinsten Wirkung.[22]

Es gibt zwei Gründe, warum diese Arten von Gesetzen für eine dispositionalistische Theorie der Naturgesetze problematisch sind. Erstens ist es schwer zu sehen, welche fundamentalen dispositionalen Eigenschaften in Frage kommen, um beispielsweise globale Erhaltungssätze zu begründen. Und zweitens scheint eine dispositionalistische Theorie keine weiteren, "höherstufigen" Gesetze zuzulassen, die nicht aus den dispositionalen Eigenschaften ableitbar sind.

Einzelnachweise

[1] Harré und Madden (1975)

[2] Swoyer (1982)

[3] Tweedale (1984)

[4] Fales (1993)

[5] Shoemaker (1998)

[6] Ellis und Lierse (1994)

[7] Sankey (1997)

[8] Ellis (2001, 2002)
[9] Mumford (2004)

[10] Hofmann (2008)
[11] Hüttemann (2014)

[12] Fischer (2018)
[13] Bird (2005, 2007)

[14] Lewis (1997)

[15] Johnston (1992)
[16] Bird (1998)

[17] Bird (2007), Kapitel 3.

[18] Bird (2007), S. 4.

[19] Bird (2007), Kap. 2.2.1.

[20] Bird (2007), S. 46.

[21] Livanios (2010) und French (2014), Kap. 9.6.

[22] Katzav (2004)

 

Literaturverzeichnis

Alexander Bird: Dispositions and Antidotes (1998). In: Philosophical Quarterly 48(191), S. 227–234.

 

Alexander Bird: Laws and Essences (2005). In: Ratio 18(4), S. 437–461.

 

Alexander Bird: The dispositionalist conception of laws (2005). Foundations of Science 10 (4):353-70


Alexander Bird: Nature’s Metaphysics: Laws and Properties (2007). Oxford: Oxford University Press.

Andreas Hüttemann: Ceteris Paribus Laws in Physics (2014). In: Erkenntnis 79(10), S. 1715–1728.

Brian D. Ellis und Caroline Lierse: Dispositional Essentialism (1994). In: Australasian Journal of Philosophy 72(1), S. 27–45.

 

Brian D. Ellis (2001): Scientific Essentialism. Cambridge: Cambridge University Press.

 

Brian D. Ellis: The Philosophy of Nature: A Guide to the New Essentialism (2002). Chesham: Acumen.

Chris Swoyer: The Nature of Natural Laws (1982). In: Australasian Journal of Philosophy 60(3), S. 203–223.

Evan Fales: Are Causal Laws Contingent? In: John Bacon, Keith Campbell, & Lloyd Reinhardt (Hg.): Ontology, Causality and Mind: Essays in Honour of D.M. Armstrong (1993). Cambridge: Cambridge University Press.

Florian Fischer: Natural Laws as Dispositions (2018). Philosophische Analyse / Philosophical Analysis 76. Berlin: DeGuyter.

Frank Hofmann: Die Metaphysik der Tatsachen (2008). Paderborn: Mentis.

Howard Sankey: Induction and Natural Kinds (1997). In: Principia 1(2), S. 239–254.

Joel Katzav: Dispositions and the Principle of least Action (2004). In: Analysis 64(3), S. 206–214.

David Lewis: Finkish Dispositions (1997). In: Philosophical Quarterly 47(187), S. 143 – 158.

Mark Johnston: How to Speak of the Colors (1992). In: Philosophical Studies 68(3), S. 221 - 263.

Martin M. Tweedale: Armstrong on Determinable and Substantival Universals. In: Radu Bogdan (Hg.): D. M. Armstrong (1984). Dordrecht: Reidel, S. 171–189.

Rom Harré und Edward H. Madden: Causal Powers: Theory of Natural Necessity (1975). Oxford: Blackwell.

Stephen Mumford: Laws in Nature (2004). New York, NY: Routledge.

Steven French: The Structure of the World: Metaphysics and Representation (2014). Oxford: Oxford University Press.

Sydney Shoemaker: Causal and Metaphysical Necessity (1998). In: Pacific Philosophical Quarterly 79(1), S. 59–77.

Vassilios Livanios: Symmetries, Dispositions and Essences (2010). In: Philosophical Studies 148(2), S. 295–305.

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