Flynn-Effekt

Der Flynn-Effekt bezeichnet den Umstand, dass der Intelligenzquotient der Menschen in den westlichen Ländern - zwischen 1932 und 1985 – im Mittel stetig zunahm.

Zuerst entdeckt wurde der Flynn-Effekt 1984 vom neuseeländischen Politologen James R. Flynn bezüglich den Vereinigten Staaten. Bei der Normierung neuer IQ-Tests, also dem Mittel um die relative Intelligenz eines Menschen zu erheben, orientiert man sich an älteren. Diese Absicherung garantiert die Validität der neu eingeführten Intelligenztests. Flynn untersuchte diese Entwicklung nun hinsichtlich einer Verschiebung der Mittelwerte und fand heraus, dass neuere Mittelwerte in IQ-Tests den älteren immerzu überragten. So wurde ein- und dieselbe Leistung eines Amerikaners 1950 beispielsweise mit 120 IQ-Punkten bemessen, 1980 aber nur noch mit 100. Ein Ami musste also immer intelligenter werden, um noch im Durchschnitt zu liegen. Folgerichtig muss die amerikanische Gesamtbevölkerung im Durchschnitt immer intelligenter geworden sein.

Infolge einer zweiten Untersuchung fand Flynn den gleichen Effekt auch in anderen westlichen Ländern und in Japan. Die Zunahme der IQ-Werte betrug, je nach Industrienation und Zeitsequenz, zwischen fünf und fünfundzwanzig Punkte pro Generation (~30 Jahre). Anders ausgedrückt: Kinder übertrafen ihre Eltern gemeinhin um etwa 10 IQ-Punkte. Dieses Phänomen nennt sich Flynn-Effekt und wurde seither mehrfach bestätigt.

1.1. Namensgebung

Benannt wurde der Flynn-Effekt, wahrscheinlich haben Sie das schon erahnt, nach, aber nicht von seinem Entdecker. James R. Flynn legt da bis zum heutigen Tag großen Wert darauf. Die Bezeichnung als Flynn-Effekt stammt nicht von ihm, sondern aus dem stark umstrittenen Buch „The Bell Curve“ von Charles Murray und Richard Herrnstein. Flynn selbst möchte, so schreibt er, nicht für größenwahnsinnig gehalten werden, weil das Phänomen nach ihm benannt ist. Zuallererst verkannte der Politikwissenschaftler auch die kognitionspsychologische Validität seiner Entdeckung. „Als Nicht-Psychologe wusste ich nicht, was richtig zu sein hatte“, beschwichtigte er.

1.2. Zeitraum

Dabei ist es sehr wichtig, dass der Flynn-Effekt nur für einen kleinen Zeitraum verlässlich nachgewiesen werden konnte. Nämlich zwischen den 1930ern und den 1990ern. Seither und davor konnte keine kontinuierliche Steigerung der Intelligenz in der „ersten Welt“ verzeichnet werden. Eben deshalb verbietet es sich auch, denn Flynn-Effekt in die Zukunft zu extrapolieren oder auf die Zeiten vor 1930 zurückzurechnen. Wieso das nicht aufgehen kann, erschließt sich einem ja auch bereits intuitiv: Falls die Entwicklung „zeitlos“ wäre, müsste die jetzt geborene Generation – ungeeicht – im Laufe des Jahrhunderts einen IQ von 130 und mehr erreichen. Im Durchschnitt. Das entspräche dem IQ der jetzigen Hochbegabten, den intelligentesten zwei Prozent in der westlichen Welt.

Nach dem Jahrhundert könnte uns (dem alten Lehrer!) ein Realschüler schon die Formeln der Quantenschleifengravitationstheorie herleiten, Symphonien komponieren und noch ein halbes Dutzend Fremdsprachen nebenher lernen. Dürfte man umgekehrt den Effekt auch linear zurückrechnen, wäre der gemeine Bürger im 19. Jahrhundert, aus unserer Sicht, als geistig stark behindert einzustufen. Und jeder Mehlwurm intelligenter als die Bürger im antiken Griechenland oder Rom.

Das kann gefühlsmäßig nicht sein und dem ist auch nicht so. Die entscheidenden Fragen, die wir uns nun stellen sollten, sind: Warum wurden wir in diesem Zeitrahmen intelligenter? Lassen sich diese Faktoren für die Zukunft wieder herbeiführen? Und sind wir wirklich allgemeinhin intelligenter geworden, oder nur besser im Lösen von Intelligenztests?

2. Erklärungsansätze

2.1. keine Gene

Wer ist also verantwortlich für den Flynn-Effekt? Die Gene sind es höchstwahrscheinlich nicht. Denn die Veränderungen sind einfach viel zu rasant, um auf genetische Ursachen zu beruhen. Selbst die Epigenetik schafft keine Umgestaltung in so kurzer Zeit. Bleibt also nur noch die Umwelt. Doch von welchem Umweltfaktor könnte eine solch zwischenzeitlich lineare Steigerung der Intelligenz abhängen?

2.2. Umwelt

Zunächst einmal ist die Frage falsch gestellt. Es gab vermutlich nicht den Umweltfaktor, der ursächlich für den Flynn-Effekt ist, stattdessen resultierte er wohl aus einer Reihe von Faktoren. In der Psychologie redet man dann von einem multideterminierten Phänomen. Nachstehend nun einige Umstände, die in Kombination den Flynn-Effekt bewirkt haben könnten:

2.2.1. Bildung

Relativ naheliegend ist der Faktor Bildung. In den Vierzigern und Fünfzigern wütete der zweite Weltkrieg in Europa, an Investitionen in geistige Fähigkeiten, die keinen unmittelbaren Vorteil auf dem Schlachtfeld erbrachten, war damals nicht zu denken. Auch danach konzentrierte sich das Schul- und Hochschulsystem in Europa noch lange Zeit auf stures Auswendiglernen. Auf kritisch-problemlösendes Reflektieren, was die eigentliche Intelligenz fordert und fördert, wurde kaum Wert gelegt. Peu à peu änderte sich diese „Paukmentalität“ aber zum Besseren und analog zur (qualitativen) Verbesserung des Schulsystems (und quantitativen Verlängerung der Beschulungsdauer) ging auch ein Intelligenzzuwachs, beschrieben durch den Flynn-Effekt, einher.

2.2.2. Ernährung

Außerdem verbesserte sich die Ernährungssituation in den nordtransatlantischen Staaten und in Japan deutlich. Man muss sich nur mal vor Augen führen, wie sich die Körpergröße in den letzten 50 Jahren verändert hat und diese Wachstumskurve dann über die der Intelligenz legen. Die Übereinstimmung zwischen Zuwachs der Körpergröße und der Intelligenz ist wirklich erstaunlich. Und warum sind wir in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden? Weil sich die Ernährungssituation in dieser Zeit kontinuierlich und deutlich zum Besseren gewandelt hat. Heute bekommen mehr Menschen für weniger Geld mehr, hochwertigeres und abwechslungsreicheres Essen als zur Nachkriegszeit. So einfach ist das.

Naja, fast so einfach. Das würde ja bedeuten, die Intelligenz eines Menschen sei proportional zu seiner Körpergröße. Da würden Gregor Gysi und Mozart wohl heftig, und vollkommen zu Recht, widersprechen. Jedoch ist mit der durchschnittlichen Körpergröße auch die durchschnittliche Größe des Gehirns (wie sich mit bildgebenden Verfahren zeigen lässt) bei den Menschen angewachsen. Und so trivial es klingt, die Größe des Gehirns korreliert hingegen schon (mittelstark) mit der Intelligenz seines Inhabers. Je größer also der Kopf, desto tendenziell besser schneidet er in Intelligenztests ab.

# Vor Binet vermaß man sogar noch den Kopf eines Menschen,

wenn man seine Intelligenz bestimmen wollte.

Zugegeben, dieser Zusammenhang ist nicht besonders stringent, aber durchaus statistisch signifikant. Um ein paar Ecken bewirkte die verbesserte Ernährungssituation bei den Rezipienten somit also auch eine Steigerung der Intelligenz.

3. Wir werden in einer anderen Welt groß.

3.1. Was wird besser?

Es ließen sich sicher noch viele weitere Faktoren aufzählen. Davor sollten wir jedoch beachten, dass nicht alle kognitiven Leistungen gleich stark angestiegen sind. Bald nach Flynns Veröffentlichungen bemerkte man nämlich, dass die ansteigenden IQ-Werte nahezu ausschließlich von bestimmten Teilen der Tests herrührten. In anderen Bereichen, wie Rechnen und Wortschatz, hatte sich die Leistung der Menschen überhaupt nicht erhöht.

Die IQ-Zuwächse stammen hauptsächlich aus Untertests, die auf abstraktes Denken zielen. Eine der beiden thematisiert „Gemeinsamkeiten“ und fragt bspw.: „Was haben Hunde und Kaninchen gemeinsam?“ Die richtige Antwort: „Es sind beide Säugetiere.“ Vor sechzig Jahren hätten die meisten, selbst wenn Sie die Kategorie Säugetier kennen, gesagt: „Beide trifft man auf der Jagd“, oder „Beide Tiere besitzen ein Fell.“ Weil das wichtiger war, als die Einteilung in biologische Klassen. Waren diese Menschen also wirklich dümmer oder bevorzugten sie nur das Konkrete gegenüber dem Abstrakten?

3.2. multilaterale Umweltreize

Wissen Sie, was eine „Gugge“ ist? Es ist das schwäbische Wort für eine Tüte. Wenn Sie aus Süddeutschland kommen, weiß es Ihre Großmutter vielleicht. Dass man Tüten jetzt neumodisch auch „paper bag“ (Anglizismus) nennt, weißt dagegen eher du und deine Großmutter nicht. Kann man daraus ableiten, dass einer von euch beiden intelligenter ist? Wohl kaum. Ihr besitzt lediglich zeitspezifisches, aber gleichwertiges Vokabular. So ähnlich verhält es sich mit dem Flynn-Effekt, davon sind zumindest einige seiner Kritiker überzeugt.

Zu diesen zählt u.a. Flynn selbst. Nach ihm und vielen anderen zeigt der Flynn-Effekt allein, wie modern unser Denken doch geworden ist. Wir seien nicht intelligenter als unsere Vorfahren, unser Verstand habe sich nur verändert. Doch, können wir jetzt weiter fragen, warum hat sich unser Verstand denn so verändert, dass er gegen die IQ-Testaufgaben kompatibler geworden ist? Intelligenzforscher erklären sich dieses Phänomen mit den zunehmend abstrakten Anforderungen und vielseitigen Umweltreizen des modernen Lebens. Dieses fordere nun mal die sog. „test taking skills“.

Unsere Urgroßeltern brauchten diese Fertigkeiten nicht. Sie mussten nicht abstrahieren und Kategorien wie die des Säugetiers kennen. Für sie war ein bäuerliches Gefühl der richtigen Haltung und Schlachtung wichtiger.

3.3. Was macht uns besser?

Aus alldem lassen sich gewagte Thesen ziehen: Wenn es nicht die Hochschulbildung war, kein mehr an Lesen und kein schnelleres Rechnen, das uns intelligenter werden ließ, sondern die Fähigkeit zum schnellen Kombinieren und gekonntem Abstrahieren, dann war es vielleicht nicht die Schule, sondern unsere Computerspiele, TV-Shows und Smartphones, die uns intelligenter werden ließen. Warum? Weil diese neuen Lebensbereiche eben jene verbesserten „test-taking-skills“ fördern. Diesen tollkühnen Standpunkt vertreten zumindest Jonathan Wai und Martha Putallaz von der Duke University in North Carolina.

4. Fazit

Wais und Putallazs Auslegungen bleiben, wie alles um den Flynn-Effekt herum, Kontroversen. Tatsache ist, dass binnen etwas mehr als fünfzig Jahren unser IQ deutlich anstieg. Welche Faktoren dafür nun wirklich verantwortlich waren und ob wir wirklich auch intelligenter geworden sind, bleibt fraglich. Insbesondere den letzten Punkt sollten wir, nach allem, was wir gehört haben, hinterfragen. Bedeuten höhere IQ-Testwerte auch eine höhere Intelligenz? Das ursprüngliche Ziel der IQ-Tests war es ja, eine kulturunabhängige, kognitive Kapazität zu messen – die Intelligenz. Doch tut er das wirklich? Das Faktenwissen um Säugetiere kann man sich durch Fleiß erwerben. Mit Intelligenz, der allgemeinen Fähigkeit, neuartige Probleme zu lösen, hat das wenig zu tun. Außerdem ist es nicht kulturunabhängig und einem hochbegabten Indianer kann man nicht seine Intelligenz absprechen, nur weil es ihm an biologischem Hintergrundwissen fehlt. Genau solches verlangen aber etliche IQ-Tests von einem. Und werden damit ihrem eigenen Anspruch, die nackte Intelligenz zu messen, nicht gerecht.

Das meinen zumindest wiederrum die Kritiker der gängigen IQ-Tests und bis man sich nicht auf eine einheitliche Definition der Intelligenz geeinigt hat, wird die Intelligenzforschung auch zwangsweise weiterhin von solchen Meinungsverschiedenheiten durchsetzt sein.

5. Verweise

  • Aristoteles: war klüger als ein Regenwurm. Warum sage ich das? Wenn man den Trend der Intelligenzsteigerung, den der Flynn-Effekt beschreibt, zurückrechnet, hätten die Menschen vor 100 Jahren das Intelligenzniveau eines Schwachsinnigen gehabt. Und in der Antike wäre jeder Regenwurm klüger gewesen als ein Mensch. Was natürlich Quatsch ist, Aristoteles war klüger als ein Regenwurm, und zeigt dass man den Flynn-Effekt nicht beliebig extrapolieren kann. Weder in die Zukunft, noch in die Vergangenheit.

  • Evolution: Seit Anbeginn der (christlichen) Zeitrechnung hat sich der menschliche Genpool nicht wesentlich geändert. Die kulturelle, nicht die biologische Evolution hat beim F.E. gegriffen.

  • IQ-Test: Versucht die kognitive Leistungsfähigkeit einer Person zu erfassen und in Bezug zu einer Vergleichsgruppe zu ordnen. Dabei wird der durchschnittliche IQ auf 100 festgesetzt und die Verteilung der Punkte nach einer Glockenkurve gestreut. Zwei Prozent liegen über 130 oder unter 70 IQ-Punkten und gelten somit als hochbegabt bzw. geistig behindert. Das ist immer so, so wird ein IQ-Test normiert. Zur Messung des Flynn-Effekts lässt man diese Normierung dann einfach außen vor und vergleicht neuere mit älteren Mittelwerten.

  • Übermensch: Noch ein paar „Flynn-Sprünge“ schafft unsere Intelligenz nicht. Oder sagen wir, nicht auf herkömmlichem Wege. Bildungs- und Sozialmaßnahmen können wohlmöglich nur noch kleinere Hüpfer arrangieren. Aber vielleicht durch chemische Präparate, genetic engineering oder gezielter Selektion?

Bildquellen

Stand: 2015

Kommentare: 1
  • #1

    Seelenlachen (Sonntag, 17 Januar 2016 14:29)

    Von einem Freund:

    "Was man auch nicht vergessen darf, und aus meiner Sich einer der stärksten Erklärungsansätze für den Flynn-Effekt bietet folgender Vortrag:
    https://www.ted.com/talks/gabe_zichermann_how_games_make_kids_smarter

    Kurzgesagt: Gamification bereicht unser Leben, weil es uns (a) intelligenter macht und (b) Freude bereitet."


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