„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Die Kennzeichnungstheorie der Kausalität

Die Kennzeichungstheorie der Kausalität sagt aus, dass ein Prozess P kausal ist, gdw. P eine Veränderung, die an ihm vorgenommen wurde, übertragen kann.

Sie gehört damit zu den anti-humeschen Prozesstheorien der Kausalität.

Wesley C. Salmon hat die Kennzeichnungstheorie v.a. in "Scientific Explanation and the Causal Structure of the World" (1984) quasi im Alleingang entworfen.

1. Hauptthesen

Die Hauptthesen von Salmon (1984) lauten wie folgt:

1. Ereignisse und Prozesse sind verschieden:

a. Ereignisse sind raumzeitlich wenig ausgedehnt.

b. Prozesse sind zeitlich und manchmal auch räumlich stärker ausgedehnt.

Beispiel: Der Zusammenstoß zweier Billardkugeln ist also ein Ereignis, da er zu einem bestimmten Raum- und Zeitpunkt stattfindet. Dahingegen ist das Rollen der Billardkugeln ein Prozess, da es sich über Raum und Zeit erstreckt.

2. Ein Prozess ist u.a. dadurch charakterisiert, dass Entitäten, die durch ihn gehen, eine Konstanz bzgl. charakteristischer Merkmale aufweisen wie z.B.: 

a. eine konstante Gestalt.

b. eine konstante Masse, Energie, etc.

Beispiel: Das Rollen einer Billardkugel ist ein Prozess. Denn die Billardkugel, die rollt, weist eine Konstanz bezüglich ihrer Gestalt und Masse auf.

3. Kausale Prozesse und andere Prozesse sind verschieden:

a. Kausale Prozesse können Kennzeichnungen (Veränderungen), die an ihnen vorgenommen wurden, übertragen.

b. nicht-kausale Prozesse können Kennzeichnungen (Veränderungen), die an ihnen vorgenommen wurden, nicht übertragen.

Beispiel: Ein Auto fährt und wirft einen Schatten auf eine Straße. Sowohl die Bewegung des Autos als auch die Bewegung des Schattens sind Prozesse, denn beide weisen eine Konstanz zum Beispiel bezüglich ihrer Gestalt auf.

Die Bewegung des Autos ist ein kausaler Prozess, denn wenn man das Auto zum Zeitpunkt t1 verbeult, kann es die Veränderung nach t2 übertragen. Das Verbeulen des Autos zu t1 kann eine Ursache für die Desformation zu t2 sein.

Die Bewegung des Schattens ist dahingegen ein nicht-kausaler Prozess, denn wenn man den Schatte zum Zeitpunkt durch einen Scheinwerfer verändert, kann es die Veränderung nicht nach t2 übertragen. Das Modifizieren des Schattens zu t1 kann keine Ursache für den Zustand des Schattens für t2 sein.

4. Der Begriff "Kennzeichnung" (bzw. "Veränderung") kann zweierlei bedeuten:

a. Der Vorgang der Kennzeichnung (Veränderung).
b. Das Resultat der Kennzeichnung (Veränderung).

Im Sinne von a. ist "Kennzeichnung" bereits ein kausaler Begriff. Er bezeich-net den Vorgang einer Kennzeichnung (Veränderung) von etwas durch etwas.

Im Sinne von b. ist "Kennzeichnung" kein kausaler Begriff. Er bezeichnet das Resultat einer Veränderung und dieses lässt sich auch ohne Kausalität denken.

Wesley C. Salmon definiert "Kausalität" nun durch "Kennzeichnung" im Sinne von b. und damit ohne Rückgriff auf kausales Vokabular, d.h. vorerst zirkelfrei.

5. Eine Übertragung einer Kennzeichnung über ein Zeitintervall T findet statt:

„wenn es an jedem Raumzeitpunkt, der zu diesem Intervall gehört, manifest oder gegenwärtig ist, falls es keine weiteren Wechselwirkungen gibt“

Beispiel: Eine 0,5-Liter Wasserflasche wird zum Zeitpunkt t0 leergetrunken. Das Resultat des Leertrinkens ist die Kennzeichnung im Sinne von b. an der Flasche.

Diese Kennzeichnung wird über den Zeitintervall T übertragen, d.h. sie ist die Ursache dafür, dass die Flasche auch noch nach T leer sein wird, falls keiner die Flasche wieder auffüllt o.ä. D.h. falls es keine weiteren Wechselwirkungen gibt.

2. Probleme

2.1. Zirkelproblem

Die Kennzeichnungstheorie der Kausalität definiert somit:

3. Kausale Prozesse über die Fähigkeit, Kennzeichnungen zu übertragen.

5. Die Fähigkeit, Kennzeichnungen zu übertragen, über die Fähigkeit, diese Kennzeichnungen über Raum und Zeit zu manifestieren, falls es keine weitere Wechselwirkung gibt.

"Wechselwirkung" bezeichnet aber den Vorgang einer Veränderung und damit eine Kennzeichnung im Sinne von a! Salmon definiert kausale Prozesse also doch  über kausales Vokabular, nämlich über den Begriff "kausale Wechselwirkung".

Aus diesem Grund hält er den Begriff "kausale Wechselwirkung" auch für grund-legender. Wenn er jetzt eine nicht-zirkuläre Definition von Kausalität liefern möchte, muss er "kausale Wechselwirkung" ohne kausales Vokabular definieren.

2.2. kontrafaktische Konditionale

Salmon definiert "kausale Wechselwirkungen" nun so:

6. Eine Wechselwirkung zwischen zwei Prozessen P1 und P2 liegt vor, gdw. gilt:

a. P1 und P2 überschneiden sich im Raumzeitpunkt S.

b. P1 besitzt nach der Schneidung mit P2 in S ein charakteristisches Merkmal Q, das P1 nicht hätte, wenn die Überschneidung nicht stattgefunden hätte.

c. P2 besitzt nach der Schneidung mit P1 in S ein charakteristisches Merkmal R, das P2 nicht hätte, wenn die Überschneidung nicht stattgefunden hätte.

Beispiel: Eine Wechselwirkung zwischen einem sich rotierenden Athleten und einer fliegenden Diskusscheibe liegt vor, wenn gilt:

a*. Der rotierende Athlet und der fliegende Diskus überschneiden sich zum Raumzeitpunkt des Abwurfes.

b*. Der Athlet dreht sich nach dem Abwurf langsamer (gibt Impuls an die Impuls an die Diskusscheibe ab), was nicht der Fall wäre, wenn die Überschneidung nicht stattgefunden hätte.

c*. Die Diskusscheibe fliegt parabelförmig über den Rasen (erhält Impuls durch den Athleten), was nicht der Fall wäre, wenn die Überschneidung nicht stattgefunden hätte.

Diese Definition von "kausalen Wechselwirkungen" greift nicht auf kausales Vokabular zurück und damit ist Salmons Kausalitätsdefinition nicht-zirkulär!

Dafür greift die Definition auf kontrafaktische Konditionale zurück. Denn sie kontrastiert offensichtlich aktuale und kontrafaktische Prozessverläufen.

Diesen Rückgriff auf kontrafaktische Konditionale sieht Salmon selbst als problematisch an, u.a. weil der Wahrheitswert von kontrafaktischen Konditionalen kontextabhänngig ist. Kontrafaktische Konditionale scheinen keine objektiven Sachverhalte zu beschreiben. Deshalb hat Salmon später eine Transfertheorie  entwickelt, die ebenfalls eine Prozesstheorie ist, jedoch ohne KK auskommt.

2.3. Extensionale Angemessenheit

Die Kennzeichnungstheorie schlägt dieses Kriterium für kausale Prozesse vor:

K. Ein Prozess P ist kausal, gdw. P eine Kennzeichnung, die an ihm vorgen-ommen wurde, übertragen kann, sofern keine weitere Wechselwirkung erfolgt.

Dieses Kriterium scheint mir extensional unangemessen zu sein. Das heißt, es zeichnet einige nicht-kausale Prozesse fälschlicherweise als kausale Prozesse und andere kausale Prozesse fälschlicherweise als nicht-kausal Prozesse aus:

1. Das Kennzeichnungskriterium ist nicht notwendig.

Beispiel: Ein fahrendes Auto wird zu t1 verbeult und ist zu t2 desformiert. Salmon handelt solche Prozesse als Beispiele für Kausalprozesse: Das Verbeulen des Autos zu t1 ist die Ursache der Desformation des Autos zu t2. Aber ein kausal Prozess kann nach Salmon nur dann vorliegen, wenn das fahrende Auto zwischen t1 und t2 keiner weiteren Wechselwirkung unterliegt. Das fahrende Auto wäre aber kein solches, wenn es in der Zwischenzeit nicht ständig mit der Straße und dem Fahrer wechselwirken würde. Tatsächlich gibt es kein perfekt abgeschlossen-es System im Universum, das gar nicht mit seiner Außenwelt wechselwirkt.

2. Das Kennzeichnungskriterium ist eventuell nicht hinreichend.

Beispiel: Ein fahrendes Auto wird zu t1 verbeult und damit gekennzeichnet. Damit wird auch der Schatten des Autos gekennzeichnet, d.h. seine Gestalt ändert sich. Salmon handelt solche Prozesse wie die Bewegung des Schattens als Beispiele für nicht-kausale Prozesse: Die Gestalt des Schattens zu t1 ist nicht die Ursache für die Gestalt des Schattens zu t2. Aber in einem gewissen Sinne kann  der Schatten, die Veränderung, die an ihm vorgenommen wurde, übertragen.

3. Fazit

Wesley C. Salmon kam zu dem Schluss, dass die Kennzeichnungstheorie falsch sein muss. Die Fähigkeit Kennzeichnungen zu übertragen ist in der Tat ein Zeichen dafür, dass ein Prozess kausal ist. Sie ist aber nicht konstitutiv und eignet sich daher auch nicht zur Explikation des Kausalitätsbegriffes.

„Es hätte offensichtlich sein sollen, dass die Kennzeichnungsmethode lediglich als nützliche experimentelle Methode zur Aufspürung oder Identifizierung von Kausalprozessen zu betrachten ist, […] aber dass sie nicht verwendet werden sollte, um den Begriff des Kausalprozesses selbst zu explizieren.“
- ebd., S. 253

Salmon wendet sich nun der Frage zu, was für kausale Prozesse konstitutiv ist: welche "charakteristischen Merkmale" werden bei einem Kausalprozess übertragen? Er behauptet in einer neuen Theorie, dass es sich dabei um physikalische Erhahltungsgrößen oder Invarianten halten muss. Siehe:

Diese verbesserte Prozesstheorie hat die Vorteile, dass sie erstens zirkelfrei ist, zweitens ohne kontrafaktische Konditionale auskommt und drittens (zumindest physikalische) kausale Prozesse korrekt als solche auszeichnet.

Zusammengefasste Literatur

Andreas Hüttemann. Ursachen, Kapitel 7.4.

Siehe auch

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Kommentare: 1
  • #1

    Philoclopedia (Montag, 02 Dezember 2019 01:47)

    Wesley Salmons Mark Kennzeichnungstheorie charakterisiert Kausalprozesse als Prozesse, die durch einen Eingriff verändert (marked) werden können und diese Veränderung (für ein bestimmtes Zeitintervall) nach dem Eingriff weiterbesteht (Salmon 1984, 148).


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