„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Die Transfertheorie der Kausalität

Eine Prozesstheorie der Kausalität besagt, dass:

aKausalität eine bestimmte Art von Prozess ist bzw.
b. Ursache und Wirkung durch eine bestimmte Prozessart verbunden sind.

Eine Prozesstheorie muss damit zwischen nicht-kausalen und kausalen Prozessen unterscheiden können. W. C. Salmon hat in "Scientific Explanation and the Causal Structure of the Worldeine solche Prozesstheorie formuliert:

1. Die Kennzeichnungstheorie besagt, dass ein Prozess P kausal ist, gdw. P die Fähigkeit besitzt, sogenannte "Kennzeichnungen" zu übertragen.

Diese Kennzeichnungstheorie ist jedoch mit schweren Problemen konfrontiert. Diese haben eine verbesserte Prozesstheorie auf den Plan gerufen:

2. Die Transfertheorie besagt grob, dass ein Prozess P kausal ist, gdw. P unentwegt eine physikalische Erhaltungsgröße (oder Invariante) überträgt.

Wesley C. Salmon und Phil Dowe haben je Transfertheorien entwickelt und vertreten, die sich sehr ähnlich sind. Da ich bisher die Terminologie von Salmon verwendet habe, werde ich der Kohärenz wegen seine Transfertheorie vorstellen.

Salmons Transfertheorie besagt, dass ein Prozess P kausal ist, gdw. P die Weltlinie eines Objektes ist, die unentwegt eine Erhaltungsgröße ≠ 0 überträgt:

"Ein Kausalprozess ist eine Weltlinie eines Gegenstandes, der einen von Null verschiedenen Betrag einer Erhaltungsgröße zu jedem Zeitpunkt seiner Geschichte (jedem Raumzeitpunkt seiner Bahn) überträgt."
- Wesley C. Salmon: Causality and Explanation (1998), S. 257

Eine Weltlinie beschreibt die Raumzeitpunkte, die ein Objekt einnimmt.

Eine Erhaltungsgröße ist eine physikalische Größe wie z.B. Energie, Impuls, Masse oder elektrische Ladung, die sich unter gewissen Umständen nicht ändert.

Beispiel 1: Ein Stein fliegt auf ein Fenster und das Fenster zerbricht. Dieser Prozess ist nach der Transfertheorie ein kausaler Prozess, denn er überträgt einen Impuls vom Stein auf das Fenster. Er ist ursächlich für den Fensterbruch.

Beispiel 2: Der Schatten des Steins fliegt auch auf ein Fenster und das Fenster zerbricht. Dieser Prozess ist nach der Transfertheorie kein kausaler Prozess, denn er überträgt keine Erhaltungsgröße vom Schatten auf das Fenster.

Die Übertragung einer Erhaltungsgröße charakterisiert Salmon schließlich so:

„Ein Prozess überträgt eine Erhaltungsgröße zwischen A und B (A ≠ B) genau dann, wenn er einen festen Betrag dieser Erhaltungsgröße zu A, zu B und in jedem Abschnitt dieses Prozesses zwischen A und B besitzt, ohne dass Wechselwirkungen in dem offenen Intervall zwischen A und B stattfinden, die einen Austausch dieser Erhaltungsgröße betreffen.“[1]

- ebd., S. 257

Salmon definiert "kausale Prozesse" also wieder über "kausale Wechsel-wirkungen". Kausale Wechselwirkungen definiert er dieses Mal aber so:

„Eine kausale Wechselwirkung ist eine Überschneidung von Weltlinien,

derart, dass ein Austausch von Erhaltungsgrößen stattfindet.“

- ebd., S. 251

2. Diskussion

2.1. Vergleich mit Vorgängertheorien

Eine große Stärke der Transfertheorie ist sicher, das sie extensional angemessener als ihre Vorgängertheorien ist. Sehen wir uns diese Fälle an:

1. Gemeinsame Verursachung: Zunächst tritt ein Tiefdruckgebiet ein, dann fällt der Barometerstand und schließlich bricht ein Sturm ein. Der Sturm wird durch das Tiefdruckgebiet verursacht, jedoch nicht durch den Barometerstand.

Die Regularitätstheorie muss den Barometerstand trotzdem fälschlicherweise als Ursache für den Sturm ausgewiesen. Denn das Ereignis "Der Barometerstand sinkt" folgt regelmäßig raumzeitlich nahe auf das Ereignis "ein Sturm bricht ein."

Die Transfertheorie kann darauf hinweisen, dass es zwischen "ein Sturm bricht ein" und "der Barometerstand sinkt" keinen direkten Prozess gibt, der eine Erhal-tungsgröße überträgt. Also gibt es auch keinen direkten Kausalzusammenhang.

2. Frustrierte Ursache: Zunächst wirft Tim und dann Tom einen Stein auf eine Vase. Der Wurf von Tim verursacht das Herunterfallen der Vase, jedoch wäre die Vase auch durch Toms Wurf heruntergefallen, wenn Tim nicht geworfen hätte.

Die kontrafaktische Theorie kann Tims Wurf nicht als Ursache für das Herunterfallen der Vase ausweisen. Denn dieses KK ist ja nicht wahr: "Wenn Tim den Stein nicht geworfen hätte, dann wäre die Vase nicht heruntergefallen".

Die Transfertheorie kann darauf hinweisen, dass es zwischen "Tim wirft einen Stein" und "die Vase fällt herunter" einen Prozess gibt, der einen Impuls vom Stein auf die Vase überträgt. Also gibt es auch einen Kausalzusammenhang.

Die Transfertheorie kann also echte Ursachen (wie den Steinwurf von Tim) und unechte Ursachen (wie das Sinken des Barometerstandes) besser als solche benennen als ihre Vorgängertheorien. Insofern ist sie extensional angemessener.

2.2. Vergleich mit der Kennzeichnungstheorie

Die Transfertheorie definiert "kausale Wechselwirkung" bekanntlich als eine Überschneidung zweier Weltlinien, bei der eine Erhaltungsgröße übertragen wird.

Damit soll sie laut Salmon 2 Probleme der Kennzeichnungstheorie lösen können:

Problem 1: Das Zirkularitätsproblem.

Die Kennzeichnungstheorie definiert "kausaler Prozess" über "kausale Wechselwirkung" und damit über kausales Vokabular und letztendlich zirkulär.

Die Transfertheorie definiert auch "kausaler Prozess" über "kausale Wechsel-wirkung", diese aber ohne Rückgriff auf kausales Vokabular und damit zirkelfrei.

Problem 2: Das kontrafaktische Problem.

Die Kennzeichnungstheorie muss aktuale mit kontrafaktische Prozessabläufe kontrastieren und damit also auf kontrafaktische Konditionale zurückgegriffen.

Die Transfertheorie muss all dies nicht. Sie interessiert sich nur dafür, ob ein Prozess eine Erhaltungsgröße mit einem anderen aktualen Prozess überträgt.

2.3. Kritik

Kritik 1: Ist die Transfertheorie wirklich nicht-zirkulär?

Die Transfertheorie definiert "kausaler Prozess" über Erhaltungsgrößen, für die Erhaltungsgesetze gelten, die wiederum in abgeschlossenen Systemen gelten.

Es liegt nun nahe ein "abgeschlossenes System" als kausal abgeschlossen zu definieren, dann ist die Transfertheorie aber doch zirkulär. Selbst wenn man ein abgeschlossenes System als eines definiert, das keine Energie oder Impuls mit seiner Umwelt austauscht, ist dies immer noch zirkulär. Denn der Austausch von Erhaltungsgrößen ist nach der Transfertheorie nichts weiter als Kausalität.

Kritik 2: Ist die Transfertheorie wirklich nicht kontrafaktisch?

Die Transfertheorie definiert "kausaler Prozess" über Erhaltungsgrößen, für die Erhaltungsgesetze und damit letztendlich Naturgesetze gelten. Naturgesetze werden aber oft kontrafaktisch charakterisiert. Salmon erwidert darauf, dass man Erhaltungsgesetze nur als wahre Verallgemeinerungen ansehen muss.

Kritik 3: Ist die Transfertheorie wirklich extensional angemessen?

Wir sagen oft Dinge wie: Die Ursache für das Vertrocknen meiner Pflanze ist, dass ich sie seit drei Wochen nicht bewässert habe. Damit behaupten wir, dass gerade das Ausbleiben eines Prozesses die Ursache für das Vertrocknen war.

Wenn es echte Fälle von negativer Verursachung gibt, dann kann die Prozesstheorie diese also nicht als solche auszeichnen. Sie ist dann immer noch angemessener als ihre Vorgängertheorien, aber nicht komplett angemessen.

Kritik 4: Ist die Transfertheorie ontologisch angemessen?

Die Transfertheorie definiert "kausaler Prozess" über Erhaltungsgrößen und damit letztendlich über physikalische Kausalität. Sehen wir uns nun diese Fälle an:

1. Die Senkung des Leitzinses ist die Ursache für den ökonomischen Aufschwung.

2. Meine Entscheidung aufzustehen war die Ursache für mein Aufstehen.

Wenn man die Transfertheorie nun als eine allgemeine Theorie der Kausalität begreifen, kann ein Transfertheoretiker mit solchen Fällen nur wie folgt umgehen:

Entweder er behauptet, das diese Fälle auch nur eine Reihe von Prozessen beschreiben, bei denen Erhaltungsgrößen ausgetauscht werden. Dann muss er einen starken ontologisch-physikalischen Reduktionismus behaupten. Er muss bspw. behaupten, dass mentale letztendlich physikalische Prozesse sind.

Oder er bestreitet, dass es sich bei diesen Fällen um echte Kausalität handelt. Dann muss er einen Epiphänomenalismus oder Eliminativismus bezüglich sozialen und mentalen Prozessen behaupten. Er muss beispielsweise behaupten, dass keiner meiner Abwägungen oder Entscheidungen je kausal wirksam ist.

[…] Wenn man annimmt, dass die Erhaltungsgrößentheorie auch mit Kausalität in anderen Wissenschaften umgehen kann, dann verpflichtet man sich auf einen ziemlich durchgängigen Reduktionismus, denn ganz offensichtlich gibt es in den Wirtschaftswissenschaften oder der Psychologie nichts, was als Erhaltungsgesetz angesehen werden könnte.
- Phil Dowe: Causal Process Theories (2009), S. 234

Fußnoten

[1] Ein Prozess zwischen A und B ist also nur dann kausal, wenn sich der Wert seiner Erhaltungsgröße zwischen A und B nicht aufgrund einer Wechselwirkung ändert. Diese Zusatzbedingung ist einerseits wichtig, denn sie schließt aus, dass etwa das Wandern des Lichtpunkts in Hans Reichenbachs Beispiel fälschlicherweise als kausaler Prozess identifiziert wird. Sie ist aber auch andererseits schwierig, denn kein Prozess ist praktisch von Wechselwirkungen mit der Außenwelt isoliert.

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Kommentare: 3
  • #1

    Philoclopedia (Mittwoch, 04 Dezember 2019 00:31)

    Von Null verschieden soll der Betrag sein, weil sich ein bewegter Schatten ansonsten als Gegenstand charakterisieren ließe, der die Masse, die Energie, den Impuls und die Ladung jeweils vom Betrag 0 überträgt.

  • #2

    Philoclopedia (Freitag, 06 Dezember 2019 18:03)

    Das Kriteriumsproblem.

    Die Kennzeichnungstheorie definiert "kausaler Prozess" über das Übertragen von Kennzeichnungen und damit nur über ein Phänomen, anhand dem man erkennen kann, wann ein Prozess kausal ist. Es bietet also nur ein Kriterium.

    Die Transfertheorie definiert "kausaler Prozess" über das Übertragen von Erhaltungsgrößen und damit letztendlich über etwas Konstitutives.

  • #3

    Philoclopedia (Freitag, 06 Dezember 2019 20:50)

    Zitat von Michael Esfeld:

    "Ein weiterer Einwand streicht heraus, dass unsere gegenwärtigen fundamentalen physikalischen Theorien der Konzeption von Kausalität als physikalischem Prozess, welche die Transfertheorie vorlegt, widersprechen. Die heutige Physik ist mit der LokalitätsVoraussetzung, auf welcher die Transfertheorie basiert, nicht vereinbar. Selbst wenn man die Probleme beiseite lässt, welche die nicht-lokalen Korrelationen zwischen raumzeitlich voneinander getrennten Ereignissen in der Quantenphysik aufwerfen, schon die allgemeine Relativitätstheorie widerspricht der Transfertheorie der Kausalität in der vorliegenden Form: die gravitationelle Energie kann gemäß der allgemeinen Relativitätstheorie nicht so aufgefasst werden, dass sie an Punkten oder eng umgrenzten Gebieten der Raumzeit lokalisiert ist. Dieser Einwand ist schwerwiegend für eine Theorie, die Kausalität als physikalischen Prozess betrachtet und sich auf Energie als Hauptbeispiel stützt (siehe zu diesem Einwand Curiel 2000 und Lam 2005)."


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