Nicht-Naturalismus (Metaethik)

Der moralische Realismus ist eine metaethische Position, welche besagt, dass:

semantische These: moralische Urteile propositionalen Gehalt besitzen.

metaphysische These: moralische Eigenschaften an sich existent sind.

Beispiel: Das moralische Urteil U "Es ist moralisch gut, leidenden Menschen zu helfen" kann wahr oder falsch sein. Das Urteil U ist wahr, gdw. es der Fall (ein Fakt) ist, dass leidende Menschen zu helfen die Eigenschaft hat gut zu sein.

Es können zwei Formen des moralischen Realismus unterschieden werden:

1Naturalismus: moralische Eigenschaften sind natürliche Eigenschaften.

2. Nicht-Naturalismus: moralische sind nicht-natürliche Eigenschaften.

Ein moralischer Nicht-Naturalismus sagt präziser aus, dass:

(1) Moralische gegenüber natürliche Eigenschaften nicht-reduzierbar sind.

(2) Moralische Eigenschaften über natürliche Eigenschaften supervenieren.

George E. Moore war einer der bekanntesten Vertreter einer nicht-naturalistischen Position. Er hat mit dem Argument der offenen Frage eines der wichtigsten Argumente für den Nicht-Naturalismus in der Metaethik entwickelt.

1. Das Argument der offenen Frage

Eine Frage ist geschlossen, gdw. ihre Antwort durch die bei ihrer Formulierung verwendeten Begriffe bestimmt wird. Z.B "Sind alle Junggesellen unverheiratet?"

Eine Frage ist offen, gdw. ihre Antwort nicht durch die bei ihrer Formulierung verwendeten Begriffe bestimmt wird. Z.B. "Ist Frank Thompson am Strand?"

Wenn die Frage "ist ein X ein Y?" offen ist, dann ist X nicht als Y definiert.

Das Argument der offenen Frage besagt, dass jeder Versuch, das moralische Prädikat "gut" durch andere Prädikate zu definieren zu offenen Fragen führt.

Beispiel:

Utilitarismus: "Es lindert Leid und steigert Glück, wenn ich hilflosen Menschen helfe, aber ist diese Handlung auch gut?" Das ist eine vernünftige, offene Frage.

Also: Wenn man versucht, das Prädikat "gut" durch ein anderes (natürliches oder nicht natürliches) Prädikat zu definieren, begeht man nach Moore einen naturalistischen Fehlschluss. Denn die Eigenschaft "gut" ist irreduzibel.

Moore lehnt die Fakt-Wert-Distinktion ab. Werte sind für ihn auch Fakten. Wir können moralische Fakten durch unsere Intuitionen erkennen (Intuitionismus).

2. Kritik

2.1. Kritik am Argument der offenen Frage

a. Hidden assumption

Das Argument von Moore beruht auf einer versteckten Annahme A2:

A1. Für jede Definition "D" hat "Gut" eine andere Bedeutung als "D".

A2. Wenn zwei sprachliche Ausdrücke intensional verschieden sind, dann sind auch extensional verschieden.

K1. "Gut" referiert nicht auf dieselbe Eigenschaft wie "D".

K2. "Gut" ist eine irreduzible, nicht-natürliche Eigenschaft.

Aber: A2 ist falsch. Die beiden Begriffe "Morgenstern" und "Abendstern" sind zum Beispiel intensional verschieden, aber referieren beide auf die Venus.

b. Non Sequitur

Das Argument von Moore ist ein Non Sequitur. Das heißt, selbst wenn die Annahmen A1 und A2 wahr wären, würde daraus nicht die Konklusion K2 folgen.

Denn es gibt eigentlich drei Optionen:

1. "Gut" ist nicht-analysierbar. (Moore's Position)
2. "Gut" ist analysierbar.
3. "Gut" hat keine wörtliche Bedeutung.

Moores möchte für die Option 1. argumentieren. Sein Argument richtet sich aber nur gegen 2., nicht aber gegen 3. Der Emotivist etwa glaubt, dass moralische Urteile emotionale Einstellungen ausdrücken, ihn lässt Moores Argument kalt.

c. Inflation problem

Das Argument von Moore kann auf viele andere philosophisch interessante,  konzeptuelle Analysen angewandt werden. Hier sind zwei Beispiele:

Beispiel 1: John Locke hat persönliche Identität als psychologische Kontinuität analysiert. Aber "John im Jahre 1640 hat psychologische Identität mit John im Jahre 1680, aber sind die beiden persönlich identisch?" ist eine offene Frage.

Beispiel 2: Platon hat Wissen als gerechtfertige, wahre Meinung analysiert. Aber "Platon hat die gwÜ., dass p, aber weiß Platon, dass p?" ist eine offene Frage".

Ich vermute, dass jede Analyse eines philosophisch interessanten Konzepts offene Fragen aufwirft. Wenn die Frage "Ist X D?" geschlossen ist wie "John ist ein Junggeselle, aber ist er ein unverheirateter Mann?", dann wird die Analyse von X in Bezug auf Y eine Wörterbuchdefinition und philosophisch nicht interessant sein.

Moore steht hier vor einem Dilemma:

Entweder das AOF zeigt nicht, dass "gut" nicht analysierbar ist.

Oder das AOF zeigt, dass konzeptuelle Analysen allgemein unfruchtbar sind.

2.2. Kritik am Intuitionismus

a. ontology

Die Ontologie des Intuitionismus ist seltsam und unklar. Erstens beinhaltet sie nicht-natürliche Eigenschaften, zweitens normative Eigenschaften und drittens eine Supervenienzrelation zwischen nicht-natürlichen moralischen Eigenschaften und natürlichen Eigenschaften. Es ist völlig unklar, was das alles heißen soll.

b. epistemology

Die Epistemologie des Intuitionismus ist unzuverlässig. Sie besagt, dass wir moralische Fakten per Intuition erkennen können.

Erstens variieren unsere Intuitionen über moralische Fragen stark. Wenn es moralische Fakten gäbe, die wir alle über Intuition erkennen können, wäre etwas anderes zu erwarten. Es gibt zwei populäre Einwände gegen diesen Kritikpunkt:

1. Der "Experten-Einwand" besagt, dass ausgebildete Philosophen eine geschulte Intuition besitzen und nur sie moralische Fakten erkennen können.

Das ist ein beliebter Einwand, aber er ist mit schweren Problemen konfrontiert:

- Eine Intuition soll ein nichtreflektiertes, pretheoretisches Urteil sein.

- Wenn das stimmt, dann müsste man erwarten, dass es unter Ethikern einen breiten Konsens über moralische Fragen gibt. Das ist nicht der Fall.

- Wenn das stimmt, welchen Intuitionen sollten wir vertrauen?

2. Der "Konsens-Einwand" besagt, dass unsere Intuitionen über moralische Fragen gar nicht stark variieren. Die meisten Menschen sind sich in den meisten Fragen wie "schuldlose Kinder Töten ist schlecht", "helfen ist gut", etc. einig.

Dieser Einwand scheint schlichtweg von einer falschen Prämisse auszugehen.

- Er stimmt schlichtweg nicht, dass unsere Intuitionen nicht stark variieren.  Jesse Prinz hat bspw. darauf hingewiesen, dass Infantizide in vielen Kulturen völlig normal sind. Wer Angehöriger einer dieser Kulturen ist und ein Kind tötet, denkt nicht, dass er etwas moralisch schlechtes macht.

Zweitens weiß niemand, wie uns Intuitionen einen Zugang zu moralischen Fakten verschaffen sollen. Wenn ich ein X wahrnehme oder mich an ein X erinnere, dann gibt es einen kausalen Weg zwischen diesem X und meiner Wahrnehmung bzw. Erinnerung. Wenn ich aber einen moralischen Fakt per Intuition erkenne, welche Verbindung steht zwischen ihm und meiner Erkenntnis?

Drittens weiß niemand, was gute und schlechte epistemische Zustände für Intuitionen sind. Wenn ich LSD nehme, habe ich dann einen besonders guten Zugang zu meinen Intuitionen und moralischen Fakten? Oder muss ich dafür möglichst nüchtern und klar im Kopf sein? Braucht es für die Erkenntnis einer moralischen Tatsache lange Vorbereitung oder muss sie unmittelbar erfolgen?

Siehe auch

Stand: 2020

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