Sein-Sollen-Fehlschluss

Der Sein-Sollen-Fehlschluss wird begangen, gdw. von einer deskriptiven Aussagen logisch direkt auf eine normative Aussagen geschlossen wird.

Der schottische Philosoph David Hume bemerkte in seinem Frühwerk als erster:

"In jedem Moralsystem, das mir bisher vorkam, habe ich immer bemerkt, dass der Verfasser eine Zeitlang in der gewöhnlichen Betrachtungsweise vorgeht, das Dasein Gottes feststellt oder Beobachtungen über menschliche Dinge vorbringt. Plötzlich werde ich damit überrascht, dass mir anstatt der üblichen Verbindungen von Worten mit "ist" [is] und "ist nicht" [is not] kein Satz mehr begegnete in dem nicht ein "sollte" [ought] oder "sollte nicht" [ought not] sich fände. Dieser Wechsel vollzieht sich unmerklich; aber er ist von größter Wichtigkeit. Dies "sollte" oder "sollte nicht" drückt eine neue Beziehung oder Behauptung aus, muss also notwendigerweise beachtet und erklärt werden. Gleichzeitig muss ein Grund angegeben werden für etwas, das sonst ganz unbegreiflich scheint, nämlich dafür, wie diese neue Beziehung zurückgeführt werden kann auf andere, die von ihr ganz verschieden sind. Da die Schriftsteller diese Vorsicht meisten nicht gebrauchen, so erlaube ich mir, sie meinen Lesern zu empfehlen; ich bin überzeugt, dass dieser kleine Akt der Aufmerksamkeit alle gewöhnlichen Moralsysteme umwerfen ... würde …"

- David Hume: A Treatise of Human Nature, Bd. 2, S. 211f.

Das hier eingebrachte Verbot eines unmittelbaren Schlusses von einem Sein auf ein Sollen wird auch als "Humes Gesetz" bezeichnet. Es ist unter Ethikern weitestgehend anerkannt und findet sich in ähnlicher Form in fast allen modernen Grundlegungen zur Logik ethischer Aussagen wieder. Die einzelnen  Formulierungen des von Hume entdeckten Prinzips variieren indes stark:

·        Aus Fakten folgen keine Normen.

·        Aus Tatsachenbehauptungen folgen keine Werturteile.

·        Aus Feststellungen folgen keine Forderungen.

·        Aus Indikativen folgen keine Imperative.

·        Aus Seinsaussagen folgen keine Sollensaussagen.

·        Aus deskriptiven Prämissen folgen keine präskriptiven Konklusionen.

·        usw.

All diese Formulierungen lassen sich formalisieren und damit auf den Kernpunkt hinter Humes Gesetz bringen:

  • Aus "A ist Q" folgt logisch nicht "A ist gut".

Dabei beschreibt "A" einen objektiven Sachverhalt wie eine Handlung, Gesetz.

"Q" ist ein natürliches Prädikat, d.h. eine rein deskriptive Eigenschafts-zuschreibung wie "A ist tödlich" oder "A wurde vom Gesetzgeber verabschiedet".

Das Wertprädikat "gut" schreibt dem objektiven Sachverhalt A, anders als Q,  einen moralische Eigenschaft zu. Es steht dabei stellvertretend für alle Wertprädikate wie "richtig", "böse", "inakzeptabel", "tugendhaft", etc.

Beispiele für Sein-Sollen-Fehlschlüsse:

  • Rechtspositivismus: Mord ist gemäß §211 StGB eine Straftat (A ist Q). Deshalb ist Mord schlecht (A ist schlecht).
  • Glaubenskritik: Mord ist gemäß dem 5. Gebot verboten (A ist Q). Deshalb ist Mord schlecht (A ist schlecht).
  • Evolutionäre Ethik: Mord behindert den Fortbestand einer Gattung (A ist Q). Deshalb ist Mord schlecht (A ist schlecht).
  • Konservatismus: Mord wurde schon immer geächtet (A ist Q). Deshalb ist Mord schlecht (A ist schlecht). (Traditionsargument)
  • Progressivismus: Mord wird immer mehr geächtet (A ist Q). Deshalb ist Mord schlecht (A ist schlecht). (Popularitätsargument)
  • usw.

Wenn aber der Umstand, dass etwas der Fall ist, nicht beinhaltet, dass etwas der Fall sein sollte, dann können Werte, Normen und Gesetze auch niemals begründet werden. Denn entweder sie stützen sich auf  Seinsaussagen, dann beruhen irgendwo auf einem Sein-Sollen-Fehlschluss, oder sie stützen sich auf andere Sollensaussagen, dann beruhen sie auf einem Zirkelschluss. Wenn das stimmt, dann führt Humes Gesetz unmittelbar in einen Nonkognitivismus und ethischen Skeptizismus.

Einige Kognitivisten versuchen nun zu zeigen, dass das so nicht stimmt. Sie argumentieren, dass sich Sollensaussagen sehr wohl indirekt über

Seinsaussagen begründen lassen. Und zwar über eine Zusatzannahme P2:

P1. A ist Q

P2. Q ist gut

K1. A ist gut

John Stuart Mill wird beispielsweise häufig vorgeworfen, den Utilitarismus im vierten Kapitel seines gleichnamigen Buches durch einen Sein-Sollen-Fehlschluss  begründen zu wollen. Logisch ließe sich seine Begründung dann so retten:

P1. Glück wird erstrebt.

P2. Erstrebtes ist Erstrebenswert.

K1. Glück ist erstrebenswert.

Dieser Schluss ist jetzt zwar deduktiv und damit logisch zwingend, er löst aber nicht Humes Problem. Denn nun wird in P2. implizit von einem Sein (A wird erstrebt) auf ein Sollen (A ist erstrebenswert) geschlossen bzw. das moralische Prädikat "erstrebenswert" wird über das natürliche Prädikt "erstrebt" definiert.

Es bleibt also dabei, dass sich normative Aussagen nicht logisch begründen lassen. Das bedeutet aber auch, dass der epistemologische Nonkognitivismus  wahr ist und es keine moralischen Wahrheiten gibt. Wenn es aber keine moralischen Wahrheiten gibt, dann können Moralen nicht gerechtfertigt sein, insofern Rechtfertigung als eine Bedingung für Wissen und Wissen über Wahrheit definiert ist. In Folge wäre die normative Ethik ein sinnloses Unterfangen.

An sich ist nichts weder gut noch böse.

Das Denken macht es erst dazu.“

- William Shakespeare: Hamlet II

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Stand: 2018

Kommentare: 6
  • #6

    ghovjnjv (Donnerstag, 08 September 2022 13:44)

    1

  • #5

    ghovjnjv (Donnerstag, 08 September 2022 11:07)

    1

  • #4

    Philoclopedia (Mittwoch, 13 Oktober 2021 02:04)

    https://www.youtube.com/watch?v=FcTY--bLUMk&ab_channel=KaneB

  • #3

    Goldi (Mittwoch, 02 Dezember 2020 22:51)

    Ich danke euch beiden.

  • #2

    vinc (Donnerstag, 25 Juni 2020 15:12)

    sehr gut

  • #1

    WissensWert (Montag, 17 Oktober 2016 18:42)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Humes_Gesetz


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