„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Supervenienz

Supervenienz (lat. super "dazu"; venire "kommen") beschreibt ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen zwei Entitäten A und B, für das gilt: 

A superveniert über B, gdw gilt: Das so-und-so Vorliegen eines B legt das so-und-so Vorliegen eines A vollständig fest, jedoch nicht zwangsläufig umgekehrt.

Man sagt auch: dass B A instantiiert; oder dass A vollständig von B abhängt.

Die Entitäten A und B sind dabei meistens Fakten- oder Eigenschaftsmengen.

Also: Die A-Eigenschaften von S supervenieren bspw. über die B-Eigenschaften von S, gdw. die B-Eigenschaften die A-Eigenschaften vollständig festlegen.

Daraus folgt dann u.a.:

1.    Das So-und-So Vorliegen der A-Eigenschaft ist eine notwendige Bedingung für das So-und-So Vorliegen der B-Eigenschaft.

2.    Das So-und-So Vorliegen der B-Eigenschaften ist jedoch keine notwendige Bedingung für das So-und-So-Vorliegen der A-Eigenschaften. Die A-Eigenschaften sind durch die B-Eigenschaften multipel realisierbar.

3.    Es kann keine Änderung der A-Eigenschaften ohne Änderung der B-Eigenschaften geben. A-Änderung impliziert B-Änderung.

4.    Zwei Systeme S1 und S2 können sich nur dann in ihren A-Eigenschaften unterscheiden, wenn sie sich in ihren B-Eigenschaften unterscheiden. A-Unterscheidbarkeit impliziert B-Unterscheidbarkeit.

Das So-und-So-Vorliegen jeder Entität superveniert jeweils über das So-und-So Vorliegen der darunterstehenden Entität.
Das So-und-So-Vorliegen jeder Entität superveniert jeweils über das So-und-So Vorliegen der darunterstehenden Entität.

1. Beispiele

1.1. repräsentationale Eigenschaften

Die Supervenienztheorie des Repräsentationalen besagt, dass repräsentationale Eigenschaften über physische Eigenschaften supervenieren.

Beispiel 1: S1 sei "ein Foto von einem Hasen" mit der repräsentationalen A-Eigenschaft "das Foto repräsentiert einen Hasen" und der physischen B-Eigenschaft "auf dem Foto liegen physische Farbpunkte so-und-so vor."

Dann gilt: Wenn die physischen Farbpunkte des Fotos so-und-so vorliegen, dann ist es hinreichend dafür, dass das Foto einen Hasen darstellt bzw. repräsentiert.

Also: Die A-Eigenschaft von S1 superveniert offenbar über die B-Eigenschaft von S1, denn die B-Eigenschaft legt die A-Eigenschaft vollständig fest.

Daraus folgt dann:

1.    Das Repräsentieren eines Hasens auf dem Foto ist eine notwendige Bedingung für das So-und-So Vorliegen der Farbpunkte auf dem Foto.

2.    Das So-und-So Vorliegen der Farbpunkte auf dem Foto ist jedoch keine notwendige Bedingung für das Repräsentieren bzw. Darstellen eines Hasens auf dem Foto. Die Darstellung eines Hasens könnte auch durch ein anderes Vorliegen von Farbpunkten verschiedenartig realisiert werden.

3.   Die Eigenschaft des Bildes, dass es einen Hasen repräsentiert, kann nicht geändert werden, ohne die Eigenschaft des Bildes, dass die Farbpunkte so-und-so vorliegen, zu ändern. A-Änderung impliziert B-Änderung.

4.    Zwei Fotos S1 und S2 können sich nur dann in ihrer Eigenschaft einen Hasen zu repräsentieren unterscheiden, wenn sie sich auch im Vorliegen ihrer Farbpunkte unterscheiden. A-Unterscheidbarkeit impliziert B-Unterscheidbarkeit.

Die beiden Fotos unterscheiden sich in ihrer B-Eigenschaften, aber nicht in ihrer A-Eigenschaft.
Die beiden Fotos unterscheiden sich in ihrer B-Eigenschaften, aber nicht in ihrer A-Eigenschaft.

1.2. moralische Eigenschaften

Die Supervenienztheorie des Moralischen besagt, dass die moralischen Eigenschaften einer Person über ihre physischen Eigenschaften supervenieren.

Beispiel 2: S1 sei die Person "Peter" mit der moralischen A-Eigenschaft "handelt moralisch verkehrt" und der physischen B-Eigenschaft "bestiehlt eine arme Frau, um sich damit einen Ferrari zu kaufen und vor seinen Kumpels anzugeben."

Dann gilt: Wenn Peter eine alte Frau bestiehlt, um sich damit einen Ferrari zu kaufen, dann ist das hinreichend dafür, dass Peter moralisch verkehrt handelt.

Also: Die A-Eigenschaft von S1 superveniert über die B-Eigenschaft von S1, denn die physische B-Eigenschaft legt die moralische A-Eigenschaft vollständig fest.

Daraus folgt dann:

1.    Das moralisch verkehrt handeln ist eine notwendige Bedingung für das physische So-und-So handeln von Peter.

2.    Das So-und-So Handeln von Peter ist jedoch keine notwendige Bedingung für das moralisch verkehrt handeln von Peter. Peter könnte ein Kind vor den Bus schubsen und das schlecht handeln andersartig realisieren.

3.   Die moralische Eigenschaft von Peter, schlecht zu handeln, kann nicht geändert werden, ohne die physische Eigenschaft von Peter, eine Frau zu bestehlen, um sich einen Ferrari zu kaufen, zu verändern. A-Änderung impliziert B-Änderung.

4.    Susan kann sich nur dann in einer moralischen Eigenschaft von Peter unterscheiden, wenn sie sich auch in ihrem physischen Verhalten von ihm unterscheidet. A-Unterscheidbarkeit impliziert B-Unterscheidbarkeit.

1.3. mentale Eigenschaften

Die Supervenienztheorie des Mentalen besagt, dass die mentalen Eigenschaften einer Person über ihre physischen Eigenschaften supervenieren.

Beispiel 3: S1 sei "Karl" mit der mentalen A-Eigenschaft "hat ein Roterlebnis" und der korrelierenden physischen B-Eigenschaft "hat feuernde C-Fasern."

Dann gilt: Wenn Karl ein Roterlebnis hat (und feuernde C-Fasern ein neuronales Korrelat sind) dann ist das hinreichend dafür, dass Karl feuernde C-Fasern hat.

Also: Die A-Eigenschaft von S1 superveniert über die B-Eigenschaft von S1, denn die physische B-Eigenschaft legt die mentale A-Eigenschaft vollständig fest.

Daraus folgt dann:

1.    Das Roterlebnis ist eine notwendige Bedingung für das So-und-So feuern der C-Fasern von Karl.

2.    Das So-und-So Feuern der C-Fasern von Karl ist jedoch keine notwendige Bedingung für das Roterlebnis von Karl. Karls Roterlebnis kann auch (empirisch nachweisbar!) andersartig realisiert werden.

3.   Die mentale Eigenschaft von Karl, Rot zu erleben, kann nicht geändert werden, ohne die physische Eigenschaft von Karl, feuernde C-Fasern zu haben, zu ändern. A-Änderung impliziert B-Änderung.

4.    Charlotte kann sich nur dann in einer mentalen Eigenschaft von Karl unterscheiden, wenn sie sich auch in einer neuronalen Eigenschaft von ihm unterscheidet. A-Unterscheidbarkeit impliziert B-Unterscheidbarkeit.

2. Arten von Supervenienz

Die folgenden Unterscheidungen sind in den einschlägigen Debatten um Supervenienz von zentraler Bedeutung:

2.1. Schwache, Nomologische und Starke Supervenienz

Schwache Supervenienz: A-Eigenschaften supervenieren schwach über B-Eigenschaften gdw. gilt: Für alle Dinge x und y in der tatsächlichen Welt in der aktualen Welt gilt, dass wenn x und y dieselben B-Eigenschaften haben, dann haben sie auch dieselben A-Eigenschaften.

Nomologische Supervenienz: A-Eigenschaften supervenieren nomologisch über B-Eigenschaften gdw gilt: Für alle Dinge x und y in allen naturgesetzlich möglichen Welten gilt, dass wenn x und y dieselben B-Eigenschaften haben, dann haben sie auch dieselben A-Eigenschaften.

Starke Supervenienz: A-Eigenschaften supervenieren stark über B-Eigenschaften gdw. gilt: Für alle Dinge x und y in allen möglichen Welten gilt: wenn x und y dieselben B-Eigenschaften haben, dann haben sie auch dieselben A-Eigenschaften.

2.2. Stark- und Schwach Lokale; Globale Supervenienz

Schwach-Lokale Supervenienz: A-Eigenschaften supervenieren schwach-lokal über B-Eigenschaften, gdw. gilt: Für jede mögliche Welt w und alle Raumzeitregionen r1 und r2 in w gilt: wenn r1 und r2 dieselben B-Eigenschaften in w haben, dann besitzen sie auch dieselben A-Eigenschaften in w.

Stark-Lokale Supervenienz: A-Eigenschaften supervenieren stark-lokal über B-Eigenschaften, gdw. gilt: Für alle möglichen Welten w1 und w2 und alle Raumzeitregionen r1 in w1 und r2 in w2 gilt: wenn r1 und r2 dieselben B-Eigenschaften besitzen, dann besitzen sie auch dieselben A-Eigenschaften.

Globale Supervenienz: A-Eigenschaften supervenieren global über B-Eigenschaften, gdw. gilt: Für alle möglichen Welten w1 und w2 gilt: Wenn w1 und w2 dieselbe Verteilung von B-Eigenschaften haben, dann haben sie auch dieselbe Verteilung von A-Eigenschaften.

Siehe auch

Emergenz
Humesche Supervenienz

Physikalismus
Reduktion

Superdupervenience

Supervenienz und Physikalismus
Supervenienztheorien des Mentalen

Stand: 2019

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