„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Interaktionsdilemma

Der Dualismus behauptet, dass zwei Arten von Entitäten A und B existieren, die ontologisch eigenständig sind, d.h. nicht aufeinander reduziert werden können.

Frage: Welche ontologisch eigenständigen Entitäten sind das?

Antwort: Der Dualismus wurde meistens vertreten bezüglich physischen Entitäten A und:

a.    Mentalen Entitäten

b.    Moralischen Entitäten

c.    Göttlichen Entitäten

d.    Abstrakten Entitäten

e.    Usw.

Ein Hauptproblem des Dualismus ist das Interaktionsdilemma.

Dieses Interaktionsdilemma stellt sich in der folgenden Frage: Wirken die nicht-physischen Entitäten B auf die physischen Entitäten A ein?

Ein Dilemma besteht insofern, als dass jede der beiden Antwortmöglichkeiten "Ja" und "Nein" erhebliche Probleme nach sich zieht.

Antwortmöglichkeit 1: Ja

Interaktionismus: Ja, nicht-physische Entitäten B wirken auf physische Entitäten A ein. Daraus folgt, dass physische Ereignisse existieren, die nicht-physische Ursachen haben. Ich nenne diese Ereignisse fortan "NP-Ereignisse".

Ein Vertreter der interaktionistischen These steht nun vor einem "Subdilemma":

Dieses Subdilemma stellt sich in der folgenden Frage: Besitzen NP-Ereignisse zusätzlich zu den nicht-physischen Ursachen auch physische Ursachen?

1.1: Ja. Dann haben NP-Ereignisse ausnahmslos zwei Ursachen. Eine solche Form der systematischen Überdetermination ist aber extrem unplausibel.

1.2: Nein. Dann sind physische Ereignisse nicht vollständig durch physische Ursachen bestimmt und (in Folge) nicht vollständig durch physische Ursachen erklärbar. Das Prinzip von der kausalen Geschlossenheit und (in Folge) der methodologische Physikalismus wären verletzt, beide scheinen aber plausibel.

Antwortmöglichkeit 1.1.: Pi+1 ist durch Mi und Pi überbestimmt..
Antwortmöglichkeit 1.1.: Pi+1 ist durch Mi und Pi überbestimmt..
Antwortmöglichkeit 1.2.: Pi+1 wird durch Mi bestimmt.
Antwortmöglichkeit 1.2.: Pi+1 wird durch Mi bestimmt.

Antwortmöglichkeit 2: Nein

Nicht-Interaktionismus: Nein, nicht-physische Entitäten B wirken nicht auf physische Entitäten A ein.

Ein Vertreter dieser nicht-interaktionistischen These steht nun ebenfalls vor einem "Subdilemma":

Das Subdilemma stellt sich in der folgenden Frage: Wirken denn umgekehrt physische Entitäten A auf nicht-physische Entitäten B ein?

2.1. Ja. Dann sind nicht-physische Ereignisse explanatorisch irrelevant für unsere Meinung über sie. Ein solcher Epiphänomenalismus bezüglich mentalen, normativen oder mathematischen Entitäten ist aber extrem unplausibel.

Epiphänomenalismus: Die M-Ereignisse sind für die P-Ereignisse explanatorisch irrelevant.
Epiphänomenalismus: Die M-Ereignisse sind für die P-Ereignisse explanatorisch irrelevant.

2.2. Nein. Dann ist die offensichtliche Korrelation zwischen physischen und z.B. mentalen Entitäten kaum erklärbar. Ein Rückgriff auf Gott, wie bei dem  Parallelismus oder dem Okkasionallismus, scheint jedenfalls unplausibel.

Parallelismus: Gott hat das P- und die M-Ereignisse einmalig prästaibil-harmonisiert.
Parallelismus: Gott hat das P- und die M-Ereignisse einmalig prästaibil-harmonisiert.
Okkasionallismus: Gott verursacht das P. und das M. immerzu separat voneinander.
Okkasionallismus: Gott verursacht das P. und das M. immerzu separat voneinander.

Meta-Argument

Das Interaktionsdilemma ist meiner Meinung nach eines der stärksten Argumente gegen insbesondere den Leib-Seele-Substanzdualismus.

Und eines der heißdiskutiertesten Argumente gegen den nicht-reduktiven Physikalismus ist das das Pepper-Kim-Dilemma.

Aus diesen beiden Dilemmata lässt sich nun ein Meta-Argument für den reduktiven Physikalismus basteln. Es hat die Form einer reductio ad absurdum:

P1. Entweder der Substanzdualismus, der Nicht-reduktive Physikalismus oder der Reduktive Physikalismus ist wahr. Eines muss aber ontologisch der Fall sein.
P2a. Wenn der Substanzdualismus wahr ist, dann führt das zu einer Reihe von absurden Konsequenzen (Interaktionsdilemma).
P2b. Wenn der Nicht-reduktive Physikalismus wahr ist, dann führt dies ebenfalls zu eienr Reihe von absurden Konsequenzen (Pepper-Kim-Dilemma).

K1. Aus P2a. und P2b. folgt: Der Substanzdualismus und der Nicht-reduktive Reduktivismus sind nicht der Fall.
K2. Aus P1. Und K1. folgt: Der Reduktive Physikalismus ist wahr.

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