„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

nicht-reduktiver Physikalismus

Ein nicht-reduktiver Physikalismus zeichnet sich durch zwei Thesen aus[1]:

1.    Nicht-Reduktivität: Einige Eigenschaften sind nicht auf physische Eigenschaften reduzierbar.

2.    Physikalismus: Der Physikalismus ist (trotzdem) wahr.

Die erste These trägt insbesondere den antireduktiven Argumenten Rechnung. Nach dem Argument der Erklärungslücke können mentale Eigenschaften mit qualitativen Merkmalen niemals vollständig auf physische Eigenschaften zurückgeführt werden. Denn man kann für keine physische Eigenschaft verständlich machen, dass sie sich auf die bestimmte Weise anfühlt, wie es für mentale Eigenschaften mit qualitativen Merkmalen charakteristisch ist.

Die zweite These wird meist durch die Realisierungsthese gestützt.

(R) Wenn eine physische Entität x die mentale Eigenschaft M kraft der[2] physischen Eigenschaft P hat, dann ist M in x durch P physisch realisiert.

Hat also ein Subjekt x die mentale Eigenschaft M "x hat Schmerzen" kraft der physischen Eigenschaft P "x hat feuernde C-Fasern", dann sind die Schmerzen durch die C-Fasern physisch realisiert. (R) impliziert laut Jaegwon Kim:

a. Mind-Body-Dependence: Das Mentale ist vollständig durch das Physische determiniert.[4]

b. Anti-Cartesianisches Prinzip: ein Entität kann keine mentalen Eigenschaften besitzen, ohne auch physische Eigenschaften zu besitzen.[5]

c. Multirealisierbarkeit: Mentale Eigenschaftstypen können durch verschiedene physische Eigenschaftstypen realisiert werden.

Die Punkte a. bis c. garantieren nach Kim einen "minimalen Physikalismus".

Dabei ist strittig, ob sich ein solcher klar genug von einem nicht-physikalistischen Eigenschaftsdualismus abgrenzen lässt. Der Kunststrick hinter einem nichtreduktiven Physikalismus scheint darin zu liegen, dass er nur eine Realisierung und keine Reduktion behauptet. Aber kann eine Position, die explizit behauptet, dass (1.) nicht alle Eigenschaften explanatorisch auf physische Eigenschaften reduzierbar und damit möglicherweise auch ontologisch nicht alle Eigenschaften physisch sind, physikalistisch sein?

Diese Positionen werden häufig als nichtreduktive-Physikalismen gehandelt:

·        Token-Identitätstheorie

·        Funktionalismus[6]

·        Supervenienztheorien des Mentalen

·        Emergenztheorien des Mentalen

Siehe auch:

[1] Achim Stephan: Emergenz, S. 165 f.

[2] Der von Kim verwendete Ausdruck "in virtue of" soll die Realisierungsthese zum Ausdruck bringen und gleichzeitig die Möglichkeit offenhalten, Mentales durch Physisches zu erklären. Vgl. Kim (1996), S. 11
[3] Jaegwon Kim: On the Psycho-Physical Identity Theory (1996), S. 74

[4] Man kann auch sagen: Das Mentale "superveniert" über dem Physischem.

[5] Man kann auch sagen: Es kann keine "nackten Seelen" geben.

[6] Denn der Funktionalismus scheint nur darauf festgelegt zu sein, dass kausale Rollen durch physisch-funktionale Zustände realisiert werden, aber nicht, dass sie auch auf diese reduziert werden können. Siehe: emergenter Funktionalismus?

Stand: 2018

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