„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Kategoriale und Kausale Eigenschaften

Die Unterscheidung zwischen kategorialen und kausalen Eigenschaften ist vollständig: Jede Eigenschaft ist notwendig entweder kategorial oder kausal.

Dabei gilt:

Eine Eigenschaft E ist eine kategoriale Eigenschaft, gdw. das Wesen von E un-abhängig von den kausalen und nomologischen Relationen ist, in denen E auftritt.

Eine Eigenschaft E ist eine kausale Eigenschaft (auch: dispositionale  Eigenschaft), gdw. das Wesen von E in der kausalen kraft bzw. der Disposition  besteht, unter bestimmten Bedingungen bestimmte Wirkungen hervorzubringen.

Bildurheber: Dietmar Rabich (CC BY-SA 4.0)

1. Kategoriale Eigenschaften

Betrachten wir ein klassisches Beispiel: Der Konsum von Opium macht schläfrig. Man kann dies als eine kausale Eigenschaft von Opium begreifen, insofern sie in der Disposition besteht, ein Subjekt schläfrig zu machen, wenn es  Opium einnimmt. Wenn man aber nach einer Erklärung dafür sucht, wieso Opium schläfrig macht, dann ist der Verweis auf diese Disposition nicht sehr erhellend.

Dass Opium schläfrig macht, erklärt sich zufriedenstellend durch dessen molekulare Zusammensetzung. Die molekulare Zusammensetzung kann nun als eine kategoriale Eigenschaft von Opium verstanden werden, insofern sie unabhängig von den kausalen Beziehungen besteht, in denen sie auftritt. Die Eigenschaft "Opium macht schläfrig" scheint insofern reduzierbar zu sein auf die Eigenschaft "Opium hat die Molekularstruktur XY". Aufgrund dieser und ähnlicher Überlegungen kommen nun einige zu dem Schluss, dass alle fundamentalen Eigenschaften in der Welt letztendlich kategoriale Eigenschaften sein müssen.

Die am besten ausbuchstabierte Metaphysik, nach der alle fundamentalen Eigenschaften kategoriale Eigenschaften sind, ist die Humesche Metaphysik.  Die Humesche Metaphysik besagt, dass die Welt von einem Netz raumzeitlicher kategorialer Relationen festhalten wird, an dessen Punkten die fundamentalen, physikalischen, intrinsischen und kategorialen Eigenschaften verteilt sind. Alles andere in der Welt superveniert über diese kategorialen Eigenschaften.

Gemäß dieser Lehre gibt es also keine dispositionalen Eigenschaften in der Welt.  Folglich gibt es auch keine notwendigen Beziehungen zwischen Eigenschaften. Das heißt insbesondere auch, dass die Verteilung der kategorialen Eigenschaften die Naturgesetz- und Kausalbeziehungen festlegt und nicht umgekehrt.

1.1. Kritik

Kommen wir noch einmal auf unser Beispiel zurück: Wenn die Molekularstruktur von Opium eine kategoriale Eigenschaft ist, dann besitzt diese Eigenschaft keine Disposition oder Kraft, irgendetwas anderes in der Welt hervorzubringen. Sie kann im Besonderen also erstens niemanden in der Welt dazu bringen schläfrig zu werden. Die Reduzierbarkeit von "Opium macht schläfrig" auf "Opium hat die Molekularstruktur XY" wäre also nur eine scheinbare. Die Eigenschaftspaare sind nur kontingenterweise raumzeitlich benachbart. Und die Molekularstruktur kann zweitens dann prinzipiell und niemals erkannt werden. Denn unsere Sinne erkennen die Eigenschaften in der Welt, indem sie in irgendeiner Weise in eine kausale Beziehung zu ihnen treten. Wenn die Molekularstruktur von Opium aber eine kategoriale Eigenschaft ist, besteht sie unabhängig von kausalen Relationen.

Das ist zugleich die Hauptkritikpunkt an einer Metaphysik kategorialer Eigenschaften: Nach ihr sind die fundamentalen Eigenschaften in der Welt primitive Washeiten, die unabhängig von kausalen oder nomologischen Beziehungen bestehen. Aufgrund dessen ist es erstens aber unmöglich zu sagen, worin diese primitive Washeit besteht und zweitens ob es sie überhaupt gibt. Was aber ohne jeden Grund geglaubt wird, kann auch ohne Grund verworfen werden.

2. Kausale Eigenschaften

Kausale Eigenschaften bestehen dahingegen in den Wirkungen, die sie hervorbringen können. Eine Metaphysik kausaler Eigenschaften muss daher keine Kräfte zusätzlich postulieren, denn die Eigenschaften sind mithin selber Kräfte.

Die Bedeutung des Begriffs "Kraft" ist hier von der Bedeutung des Begriffs "Kraft" in der Physik zu unterscheiden. Dass es Kräfte im physikalischen Sinne gibt, kann auch von Humeanern akzeptiert werden und ist nicht Gegenstand einer philosophischen Debatte. Die philosophische Frage ist, ob einige oder alle Eigenschaften in der Welt Kräfte in dem Sinne sind, dass sie der Grund der Existenz von anderem sind und damit notwendige Verbindungen stiften.

Betrachten wir ein letztes Mal dieses Beispiel: Die Molekularstruktur von Opium lässt sich auch als eine kausale Eigenschaft begreifen. Dann kann verständlich gemacht werden, dass diese Eigenschaft eine Kraft ist, die unter bestimmten Umständen eine bestimmte kausale Rolle, die den Konsumenten schläfrig macht.

Kausale Eigenschaften sind also Eigenschaften, die unter bestimmten Umständen andere Eigenschaften hervorbringen. Insofern sind sie Dispositionen.

Die Naturgesetze supervenieren über die kausalen Eigenschaften: Wenn es ein Naturgesetz ist, dass alle Fs raumzeitlich benachbart mit Gs auftreten, dann ist das deshalb so, weil die Fs die Kraft sind, Gs hervorzubringen. Ebenso wie die Hume´sche Metaphysik leitet also auch die Metaphysik kausaler Eigenschaften die Naturgesetze von den Eigenschaften ab, die es in der Welt gibt.

Gemäß letztere sind die Naturgesetze jedoch nicht kontingent, sondern metaphysisch notwendig. Denn wenn eine Eigenschaft in dem besteht, was sie bewirken kann, dann sind die Naturgesetze in allen möglichen Welten gleich, da die Identität dieser Eigenschaften zwischen den Welten in dem aufgeht, was sie bewirken können. Wenn es also also ein Naturgesetz ist, dass alle Fs raumzeitlich benachbart mit Gs auftreten, weil die Fs die Kraft sind, Gs hervorzubringen, dann gilt in allen möglichen Welten, in der Eigenschaften des Typs F auftreten, dass sie Eigenschaften des Typs G hervorbringen.[1] Mit anderen Worten: Naturgesetze beschreiben einfach das, was Eigenschaftstypen qua ihres Wesens bewirken.

Folglich sind auch nicht Naturgesetze als solche, sondern die kausalen Eigenschaften metaphysisch fundamental.[2][3]

Eine Metaphysik kausaler Eigenschaften muss - wie jede vernünftige Natur-gesetztheorie - Naturgesetze von bloßen Regularitäten unterscheiden können:

A. Jede feste Kugel aus Gold hat weniger als einen Kilometer Durchmesser.
B. Jede feste Kugel aus dem Uranisotop 235 hat weniger als einen Kilometer Durchmesser. 

Die Regularität, die in A. beschrieben wird, ist nach der Metaphysik kausaler Eigenschaften eine bloße Regularität, da nichts in den Eigenschaften qua Kräften, die konstitutiv für Gold sind, ausschließt, dass A. falsch sein könnte.

Die Regularität, die in B. beschrieben wird, ist nach der Metaphysik kausaler Eigenschaften ein Naturgesetz. Denn die Eigenschaften qua Kräfte, die konstitutiv für U235 und sind, schließen aus, dass B. nicht der Fall sein könnte.

Das Gleiche gilt für Kausalität. Falls Eigenschaften selbst kausal sind, dann ist Kausalität selbst ein fundamentaler Zug der Welt. Dann sind Kausalbeziehungen in dem folgenden Sinne metaphysisch notwendig: In jeder möglichen Welt, in der Eigenschaften eines bestimmten Typs auftreten, bestehen auch Kausalbeziehungen eben dieses Typs. So erzeugen bspw. in jeder möglichen Welt, in der Ladung vorhanden ist, geladene Objekte ein elektromagnetisches Feld, so dass gleichgeladene Objekte an- und andersgeladene abgestoßen werden. 

Es besteht folgender Gegensatz zwischen der Hume´schen Metaphysik und der Metaphysik kausaler Eigenschaften: Gemäß der Hume´schen Metaphysik können Eigenschaften desselben Typs ganz verschiedene kausale Rollen in verschiedenen möglichen Welten ausüben. Welche Beziehungen zwischen Eigenschaften als nomologisch oder kausal gelten, wird erst im Nachhinein durch die Verteilung der Eigenschaften festgelegt. Gemäß der Metaphysik kausaler Eigenschaften legt das, was eine Eigenschaft ist, die nomologischen und kausalen Beziehungen fest, welche Vorkommnisse desselben Typs einnehmen.

Beide metaphysische Lehren sind mit einem Determinismus verträglich, setzen ihn aber nicht voraus. Die Humesche Metaphysik ist mit der Annahme verträglich, dass es gegeben eine exakte Kenntnis der Anfangs- und Randbedingungen während des Urknalls und der Naturgesetze im Prinzip möglich ist, die Beschreibung von allem, was es in der Welt gibt, zu deduzieren. Es besteht jedoch keine ontologische Determination durch die Naturgesetze. Diese haben lediglich eine beschreibende Funktion, das heißt sie fassen am Ende der Welt zusammen, welche markanten Regularitäten zwischen den fundamentalen Eigenschaften in der Welt bestanden. Insofern hängen sie also von dem ab, was in der Zukunft geschieht, statt zu bestimmen, was in der Zukunft geschieht.

Der Determinismus hat in der Metaphysik der Kräfte eine viel gehaltvollere Bedeutung. Wenn man sowohl dem Determinismus als auch der Metaphysik der Kräfte Glauben schenkt, dann braucht man nur die Eigenschaften gleich am Anfang der Welt als gegeben annehmen. Es besteht dann eine ontologische Determination alles anderen in der Welt durch diese anfänglichen Eigenschaften. Ein so verstandener Determinismus wirft klarerweise die Frage auf, ob Determinismus und Willensfreiheit miteinander vereinbar sind.

Hauptliteratur

Michael Esfeld: Naturphilosophie als Metaphysik der Natur. 2008, insb. Kap. 5.

Einzelnachweise

[1] Andreas Bartels: The Idea which we call Power. Naturgesetze und Dispositionen. 2000.

[2] Nancy Cartwright: Nature´s Capacities and their Measurement. 1989.

[3] Andreas Hüttemann: Laws and Dispositions. 1998.

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