„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Die Humesche Metaphysik

Die Humesche Metaphysik besagt, dass die Welt von einem Netz raumzeitlicher kategorialer Relationen festhalten wird, an dessen Punkten die fundamentalen, physikalischen, intrinsischen und kategorialen Eigenschaften verteilt sind.

Alles andere in der Welt superveniert über die Verteilung dieser Eigenschaften.

Ihr Hauptvertreter ist David Lewis, der die Humesche Metaphysik so umreißt:

Das ist die Lehre, dass alles, was zu der Welt gehört, ein großes Mosaik lokaler, einzelner Fakten ist, hier ein kleines Ding und dann ein anderes. […] Wir haben eine Geometrie: ein System von externen Relationen raumzeitlichen Abstands zwischen Punkten. Vielleicht sind es Punkte der Raumzeit selbst, vielleicht punktkleine Stücke von Materie oder Äther oder Feldern, vielleicht beides. Und an diesen Punkten haben wir lokale Qualitäten: völlig natürliche intrinsische Eigenschaften, die nicht mehr als einen Punkt benötigen, um aufzutreten. Kurz gesagt: Wir haben ein Arrangement von Qualitäten. Und das ist alles. Es gibt keinen Unterschied ohne einen Unterschied in diesem Arrangement von Qualitäten. Alles andere superveniert darauf.
- David Lewis: Philosophical Papers. Volume 2. Oxford: Oxford University Press, S. ix-x. (Eigene Übersetzung).

1. Einführung

Sie setzt also ausschließlich diese zwei unhintergehbaren Annahmen voraus:

1. Die Welt wird von einem Netz kategorialer raumzeitlicher Relationen festgehalten.

2. Die fundamentalen physikalischen intrinsischen und kategorialen Eigenschaften treten an den Punkten dieses Netzes auf.

Alles andere in der Welt[1] superveniert über die Verteilung dieser kategorialen Eigenschaften. Man spricht daher auch von der Humeschen Supervenienz.[2]

Daraus folgt, dass wenn eine mögliche Welt w2 ein Duplikat der aktualen Welt w1 in Bezug auf die metrischen Relationen und die Verteilung der fundamentalen physikalischen Eigenschaften ist, dann ist w2 schlechthin ein Duplikat von w1.[3]

Und es folgt insbesondere, dass die die Verteilung der kategorialen Eigenschaften die Naturgesetz- und Kausalbeziehungen festlegt und nicht umgekehrt:[4]

A. Naturgesetz: Die Verteilung der physikalischen Eigenschaften legt besonders herausragende Regularitäten zwischen diesen fest, die nachher als Naturgesetze identifiziert werden (siehe: Bestes-System-Theorie).

B. Kausalität: Die Verteilung der fundamentalen Eigenschaften legt Regularitäten oder kontrafaktische Abhängigkeiten zwischen diesen fest, die nachher als Kausalbeziehungen identifiziert werden (siehe: Regularitätstheorie und insbesondere Kontrafaktische Theorie der Kausalität).

Demnach sind auch die Eigenschaften selbst nicht kausal, sondern kategorial Das heißt: Die Eigenschaften sind so beschaffen, dass ihr Wesen unabhängig  von den Beziehungen ist, in den sie stehen. Kein Eigenschaftstoken ist der Grund der Existenz eines anderen Eigenschaftstokens, indem es jenes hervorbrächte.

Die Verteilung der fundamentalen Eigenschaften ist somit auch kontingent. Erstens ist die Verteilung als Ganzes kontingent und zweitens jede einzelne Eigenschaft innerhalb dieser Verteilung. Deshalb kann man nicht erklären, wieso sich die Verteilung genau so entwickelt hat, sie ist insofern unhintergehbar. Man muss sie als Ausgangspunkt akzeptieren, dann kann man alles andere erklären.

Da die Verteilung der fundamentalen Eigenschaften kontingent ist, legt keine fundamentale Eigenschaft fest, welche weitere Eigenschaft an anderen, insbesondere benachbarten Raumzeitpunkten auftreten.[5] Folglich bestehen alle, insb. Naturgesetz- und Kausal, Beziehungen nicht-notwendigerweise.

An dieser Stelle liegt der Bezugspunkt zum namensgebenden David Hume, der nach traditioneller Lesart die Annahme notwendiger Verbindungen zurückwies.[6]

Es gilt somit das Prinzip der freien Kombinierbarkeit: Für jedes Vorkommnis einer fundamentalen Eigenschaft an einem Punkt der Raumzeit ist es möglich an diesem Vorkommnis festzuhalten und alle anderen fundamentalen Eigenschaften zu variieren. Das Resultat ist immer eine metaphysisch mögliche Welt.[7][8]

2. Diskussion

Laut der Humeschen Metaphysik sind die fundamentalen Eigenschaften in der Welt kategoriale Eigenschaften. Das heißt, ihr Wesen ist unabhängig von den nomologischen oder kausalen Beziehungen, in denen sie stehen. Derlei Eigen-schaften werden als reine Qualitäten oder primitive Washeiten bezeichnet.

Es liegt aber nahe anzunehmen, dass wir die Eigenschaften der Objekte in der Welt nur erkennen können, wenn diese in einer Kausalbeziehung zu uns stehen. Aus der Humeschen Metaphysik würde dann folgen, dass wir das Wesen der Eigenschaften in der Welt nicht erkennen können. Diese Konsequenz wird von Befürwortern mit dem positiven belegten "humilitas" (Bescheidenheit) umrissen.

Gegeben seien nun aber zwei Welten w1 und w2, die identisch in Bezug auf die Kausalbeziehungen und die Naturgesetze sind. Es sei F die Eigenschaftsart, die in w1 als "Ladung" charakterisiert wird und G die Eigenschaftsart, die in w1 als "Masse" charakterisiert wird. Dann gibt es gemäß der Humeschen Metaphysik eine mögliche Welt w2, die w1 weitestgehend gleicht, in der aber die kausalen und nomologischen Rollen von Ladung und Masse gegenüber w1 vertauscht sind.
Das heißt: In w2 stehen Eigenschaften der Art F in den Kausalbeziehungen und den Gesetzen, in denen die Eigenschaften der Art G in w1 stehen und umgekehrt.

Da F und G gemäß der Humeschen Metaphysik reine Qualitäten sind, ist erstens ihr Wesen von diesem Rollentausch unabhängig. Und zweitens macht der metaphysische Unterschied zwischen w1 und w2 keinen epistemisch feststell-baren Unterschied. Die beiden Welten w1 und w2 sind also ununterscheidbar und wir können nicht prinzipiell nicht wissen, in welcher Welt wir leben.[9][10]

„Wenn die Physiker uns etwas über die Eigenschaften berichten, die sie für grundlegend halten, dann sagen sie uns, was diese Eigenschaften tun. Das ist kein Zufall. Wir erlangen Wissen darüber, wie die Dinge beschaffen sind, im Wesentlichen durch die Weise, wie die Dinge auf uns und unsere Messgeräte einwirken. Hieraus folgt […] die Möglichkeit, dass (i) es zwei durchaus verschiedene intrinsische Eigenschaften P und P* gibt, die sich in den kausalen Beziehungen, die sie eingehen, vollständig gleichen, dass (ii) manchmal die eine und manchmal die andere vorhanden ist und dass (iii) wir irrtümlicherweise annehmen, dass es sich nur um eine Eigenschaft handelt, weil der Unterschied keinen Unterschied macht […]. Eine offensichtliche Ausweitung dieser Möglichkeit führt zu der unbequemen Idee, dass wir mehr oder weniger nichts über die intrinsische Natur der Welt wissen. Wir kennen nur ihre kausal-relationale Natur“.
- Frank Jackson: From Metaphysics to Ethics. A Defence of Conceptual Analysis. Oxford. 1998, S. 23 - 24.

Dieses Gedankenexperiment zeigt, wieso die Humesche Metaphysik problematisch ist. Sie behauptet, dass es reine Qualitäten gibt, für die es aber unmöglich scheint zu sagen, worin diese bestehen und ob es sie überhaupt gibt.

Einzelnachweise

[1] Das heißt: Nur die raumzeitliche Relationen supervenieren nicht auf intrinsischen Eigenschaften und müssen daher zusätzlich zu den intrinsischen Eigenschaften als etwas Ursprüngliches anerkannt werden. Alles in allem ist die Humesche Metaphysik damit eine sehr ontologisch sparsame Metaphysik.

[2] Vergleich: David Lewis: Philosophical Papers, Vol. 2 (1986), Einleitung und David Lewis: Humean Supervenience Debugged in: Mind 103 (1994), Ab.1.

[3] Vergleich: Frank Jackson: From Metaphysics to Ethics. A Defence of Conceptual Analysis. Oxford. 1998, S. 21.

[4] Vergleich dazu insbesondere die Beste-System-Theorie von Naturgesetzen und die Kontrafaktische Theorie der Kausalität.

[5] Helen Beebee: Does Anything hold the world togheter? In: Synthese 149. 2006.

[6] Vergleich: David Hume: An Enquiry Concerning Human Understanding. 1748.

[7] Helen Beebee: Does Anything hold the world togheter? In: Synthese 149. 2006.

[8] Angenommen also die Verteilung der fundamentalen Eigenschaften hat ihren Ursprung im sog. Urknall. Dann ist es möglich, gegeben eine Verdopplung des Urknalls in einer anderen möglichen Welt w2, dass die Entwicklung der Verteilung der fundamentalen Eigenschaften in w2 völlig verschieden von unserer Welt ist. Denn auch die Entwicklung der Verteilung der Eigenschaften ist kontingent.

[9] Vergleich: Michael Esfeld: Die Metaphysik dispositionaler Eigenschaften. 2008

[10] Tim Maudlin bestreitet, dass w1 und w2 faktisch ununterscheidbar wären und entwirft hieraus ein physikalisches Argument gegen die Humesche Metaphysik. Vergleich: Tim Maudlin: The may Metaphysics within Physics. 2009.

Siehe auch

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Kommentare: 2
  • #1

    Philoclopedia (Dienstag, 18 Februar 2020 23:32)

    Impuls, Ruhemasse, Ladung, Spin etc. sind Kandidaten für solche fundamentalen physikalischen Eigenschaften.

  • #2

    Philoclopedia (Mittwoch, 29 April 2020 21:30)

    "As an exercise in theorizing, Lewis’s attitude would be unobjectionable were the position seriously put to an empirical test. But it has not in the sense that science long ago showed that Humean supervenience is factually false. The claim that the physical world has a form that fits the constraints of Humean supervenience is incompatible with well-known and well confirmed theoretical knowledge about the non-separability of fermions. It was empirically established before Lewis’s position was developed that entangled states in quantum mechanics exist and do not supervene on what would in classical cases be called the states of the components. This feature of our world is sufficiently well confirmed as to make Humean supervenience untenable."
    - Paul Humphreys about Humean Metaphysics


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