„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Die kausale Geschlossenheit der physikalischen Welt

Das Prinzip der kausalen Geschlossenheit des Physikalischen spielt eine  zentrale Rolle in der Metaphysik und in der Philosophie des Geistes, insbesondere  als eine Prämisse in Argumenten für den (v.a. reduktiven) Physikalismus.[1]

1. Formulierungen

Das "Geschlossenheitsprinzip" (GP) kann unterschiedlich stark formuliert werden:

1.1. schwache Geschlossenheit

Schwache Geschlossenheit: Jedes physikalische Ereignis mit einer hinreichenden Ursache hat eine hinreichende physikalische Ursache.[2]

Für Kausalerklärungen folgt hieraus, dass:

"Wenn wir die kausale Vorgeschichte eines physikalischen Ereignisses zurück-verfolgen, müssen wir den Bereich des Physikalischen niemals verlassen."

- Jaegwon Kim: Supervenience and Mind (1993), S. 280

Die schwache These schließt nicht aus, dass es neben physikalischen auch nicht-physikalische Ereignisse geben kann. Und sie schließt auch nicht aus, dass nicht-physikalische und physikalische Ereignisse kausal miteinander wechselwirken:

1.2. starke Geschlossenheit

Starke GeschlossenheitJedes physikalische Ereignis mit einer hinreich-enden Ursache hat ausschließlich eine hinreichende physikalische Ursache.

Für Kausalerklärungen folgt hieraus, dass:

"[...] in der kausalen Vergangenheit jedes physikalischen Ereignisses ausschließlich physikalische Ereignisse ... auftauchen."

- David Robb: The Properties of Mental Causation (1977), S. 188.

Die starke These schließt eine "top-down"-Verusachung (z.B.: mentale Verursachung) von nicht-phyiskalischen auf physikalische Ereignisse aus.

Die starke These schließt aber keine "bottom-up"-Verursachung von physikalischen Ereignissen auf nicht-physikalische (z.B. mentale) Ereignisse aus:

"Physical effects have only physical causes"
- Agustín Vicente. On the Causal Completeness of Physics (2006), S. 150

1.3. absolute Geschlossenheit

Absolute GeschlossenheitJedes physikalische Ereignis mit einer hinreichenden Ursache hat ausschließlich eine hinreichende physikalische Ursache; keine physikalische Ursache hat eine nichtphysikalische Wirkung.

Für Kausalerklärungen folgt hieraus, dass:

"keine Kausalkette jemals die Grenze zwischen dem Physikalischen und dem nicht Physikalischen überschreiten kann."

- Jaegwon Kim: Philosophy of Mind (1996), S. 147.

Die absolute These lässt überhaupt keine kausale Interaktion zwischen physikalischen Ereignissen und nicht-physikalischen Ereignissen mehr zu:

1.4. Vollständigkeit des Physikalischen

In der Regel wird die "kausale Geschlossenheit des Physikalischen" im Sinne der schwachen These verstanden. Nach dieser muss in einem physikalischen System keine Wirkung auf externe Kausalfaktoren zurückgeführt werden. Oftmals spricht man daher von der Vollständigkeit eines Systems oder Wissenschaft.

Die Mikrophysik scheint in diesem Sinne eine vollständige Wissenschaft zu sein.

Die anderen Erfahrungswissenschaften sind dahingegen im oben beschriebenem Sinne unvollständige Wissenschaften. Die Biologie beispielsweise handelt von biologischen Ereignissen. Sie muss für die Erklärung solcher Ereignisse wie etwa "Aufteilung einer biologischen Spezies" oftmals auf nicht-biologische Ereignisse wie "Aufteilung zweier Landmassen" zurückgreifen.[3]

"Meines Erachtens ist die Physik im Gegensatz zu den anderen Spezialwissenschaften in dem Sinn vollständig, dass alle physikalischen Ereignisse (bzw. die Auftrittswahrscheinlichkeit aller physikalischen Ereignisse) durch vorangehende physikalische Ereignisse und physikalische Gesetze determiniert werden. Mit anderen Worten: Um eine Menge von Vorbedingungen zu finden, die die Auftrittswahrscheinlichkeit jedes physikalischen Ereignisses determinieren, müssen wir niemals über den Bereich des Physikalischen hinausgehen."

- David Papineau: Philosophical Naturalism (1993), S. 16

"Eine vollständige kausale Vorgeschichte eines Zustands besteht in einer ununterbrochenen Kausalkette von physikalischen Zuständen, die zu diesem Zustand führt und weder Lücken hat noch durch nicht-physikalische Zustände vervollständigt werden muss."

Peter Menzies: The causal Efficacy of Mental States, S. 3

1.5. eine alternative Formulierung

Alle Formulierungen des Geschlossenheitsprinzips teilen zwei wichtige Punkte:

Erstens besagen sie alle, dass jedes physikalische Ereignis eine hinreichende physikalische Ursache hat. Durch den Zusatz "hinreichend" wird sichergestellt, dass neben der physikalischen Ursache keinen weiteren, nicht-physikalischen Ursachen dafür erforderlich sind, dass die Wirkung eintritt.

Zweitens besagen sie alle, dass sie sich nur physikalische Ereignisse mit einer hinreichenden Wirkung beziehen. Durch den Zusatz wird sichergestellt, dass sich das Geschlossenheitsprinzip nicht durch nicht-verursachte (Big Bang) oder nicht-hinreichend verursachte Ereignisse (Atomzerfall) selbst ad absurdum führt.

Bisher haben wir die Standardformulierungen des Geschlossenheitsprinzips kennengelernt. Es kann aber auch so umformuliert werden, dass es nicht-hin-reichend verursachte, überhaupt nicht verursachte Ereignisse und sogar einen kausalen Anti-Realismus mit einschließt:

Schwache Geschlossenheit*: Die Auftrittswahrscheinlichkeit aller physikalischen Ereignisse, die durch etwas überhaupt bestimmt ist, ist voll-ständig durch andere physikalische Ereignisse (und Gesetze) bestimmt.[4]

2. Physikalismus

Das GP spielt in der Debatte um den Physikalismus zwei Grundrollen:

1. die Rolle einer Annahme in Argumenten für den Physikalismus.

2. Die Rolle einer notwendigen Annahme in einem Physikalismus.

2.1. Das Argument für den Physikalismus

Bei David Papineau findet sich zum Beispiel dieses Argument:[5]

A1. Einige mentale Ereignisse M haben physikalische Wirkungen P*.

A2. Alle physikalischen Ereignisse - also auch P* - mit einer hinreichenden Ursache haben eine hinreichende physikalische Ursache P zum Zeitpunkt t.

A3. Physische Wirkungen P* sind nicht systamtisch überdeterminiert.
K1. Also: Mentale Ereignisse M sind identisch mit physischen Ereignissen P.

Wenn man sowohl an mentaler Verursachung (A1) als auch an dem Geschlossenheitsprinzip (A2) festhalten, aber systematische Überdetermination ausschließen möchte (A3), bleibt einem als Position nur eine Identitätstheorie.

2.2. Ein konstitutiver Bestandteil des Physikalismus?

Einige Philosophen sehen das Geschlossenheitsprinzip als einen konstitutiven Bestandteil eines Physikalismus an. So schreibt zum Beispiel Karl Popper:

"Das physikalistische Prinzip der Verschlossenheit des Physischen ... ist von entscheidender Bedeutung, und ich nehme es als das charakteristische Prinzip des Physikalismus oder Materialismus."
- Karl Popper und John Carew Eccles: The Self and its Brain (
1977), S. 51

Allerdings kann das Geschlossenheitsprinzip unterschiedlich gelesen werden:[6]

weite Lesart: Die Geschlossenheit des Physikalischen schlechthin.
enge Lesart: Die Geschlossenheit des Mikrophysikalischen.

Wenn man das GP eng liest, dann ist ein Physikalist nicht auf GP festgelegt.

Carl Gillett hat beispielsweise dafür argumentiert, dass es stark emergente Makroeigenschaften in der Welt gibt. Diese werden durch fundamentale physikalische Eigenschaften realisiert, so dass es keine nicht-physikalischen (d.h. nicht physikalisch realisierten) Makroeigenschaften gibt. Insofern ist ihre Existenz mit einem supervenienten bzw. "minimalen Physikalismus" kompatibel.

Einige fundamentale Eigenschaften haben ihre (konditionale) Kausalkraft nun u.a. deshalb, weil sie bestimmte Makroeigenschaften realisieren. Die Kausalprozesse auf der Mikroebene hängen insofernvon der Instanziierung von Makroeigenschaften ab, weil nicht jedes mikrophysikalische Ereignis ausschließlich durch mikrophysikalische Ereignisse und Gesetze bestimmt ist. Insofern ist der Bereich des Mikrophysikalischen nicht kausal geschlossen.

Carl Gillett nennt seine Position einen "Patchwork Physikalismus". Er will zeigen, dass ein Physikalismus nicht auf GP in der engen Lesart festgelegt ist.

Fußnoten

[1] David Papineau (2009) weist darauf hin, dass das Geschlossenheitsprinzip in zahlreichen einflussreichen Theorien zur Philosophie des Geistes implizit vorausgesetzt wird, z.B. in denen Armstrongs, Lewis´ und Davidsons.

[2] siehe zum Beispiel: Sahotra Sarkar; Jessica Pfeifer: Physicalism: The causal impact argument". (2006), S. 566

[3] Das Beispiel stammt aus: Sven Walter: Mentale Verursachung (2006), S. 228

[4] siehe zum Beispiel David Papineau: Philosophy (2009), S. 59f.

[5] David Papineau: Thinking about Consciusness (2002), S. 18 - 21.

[6] Sven Walter: Mentale Verursachung (2006), S. 232

Siehe auch

Bieri-Trilemma

Exklusionsargument

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Kommentare: 1
  • #1

    Philoclopedia (Montag, 16 März 2020 21:51)

    Bieri zum schwachen Geschlossenheitsprinzip:

    "Dass wir den Bereich der physischen Phänomene nicht verlassen müssen, wenn wir nach einer Kausalerklärung für physische Phänomene suchen."
    - Peter Bieri: Analytische Philosophie des Geistes (1981), S. 6


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