„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

David Chalmers zweidimensionales Argument gegen den a posteriori Physikalismus

David Chalmers zweidimensionalesArgument gegen den a posteriori  Eigenschafts-Physikalismus lässt sich so zusammenfassen:

P1. Wenn ein Satz x nicht a priori falsch ist, gibt es eine mögliche Welt w, die x verifiziert.

P2. "π & nicht-S" ist denkbar, d.h. dieser Satz ist nicht a priori falsch.
C1. Es gibt eine mögliche Welt w, die "π & nicht-S" verifiziert.
P3. Wenn w nicht-S verifiziert, dann erfüllt w nicht-S.
P4. Wenn w π verifiziert, dann erfüllt w π – es sei denn, in w besitzen physikalische Größen (wie Masse, Spin und Ladung) eine andere intrinsische Natur als in der wirklichen Welt.
P5. Wenn w „π & nicht-S“ erfüllt, ist der Eigenschaftsphysikalismus falsch.
C2. Der Eigenschaftsphysikalismus ist falsch – es sei denn, es gibt mögliche Welten, in denen physikalische Größen eine andere intrinsische Natur besitzen als in der wirklichen Welt.

David Chalmers
David Chalmers

1. Prämisse 1

P1. Wenn ein Satz x nicht a priori falsch ist, gibt es eine mögliche Welt w, die x verifiziert.

David Chalmers macht die Prämisse 1 mit einer reductio ad absurdum stark:

A1. Wenn Prämisse 1. nicht wahr ist, dann muss es "stark-notwendige" Sätze geben, die nicht a priori falsch sind, für die es aber keine mögliche Welten gibt, in denen sie wahr sind.

A2. Wenn Sätze nicht a priori falsch sind, dann gibt es keine Gründe, wieso es keine mögliche Welten geben soll, in denen sie wahr sind.

K1. Wenn Prämisse 1. nicht wahr ist, dann gibt es bestimmte mögliche Welten de facto nicht, obwohl es keine Gründe gibt, wieso es sie nicht gibt.

A3. Es kann mögliche Welten nicht nicht geben, wenn es keine Gründe dagegen gibt.

K2. Prämisse 1 ist wahr. Wenn ein Satz nicht a priori falsch ist, muss es daher eine mögliche Welt geben, die ihn zumindest verifiziert.

2. Prämisse 1

P1. "π & nicht-S" ist denkbar, d.h. dieser Satz ist nicht a priori falsch.

"S" sei eine mentale Eigenschaftszuschreibung wie "Tim-1 hat Schmerzen. Und "π" die vollständige Beschreibung der physikalischen Welt-1, in der Tim-1 lebt.

Also ist der Ausdruck "π & nicht-S" wahr in einer Welt-2, die physikalisch genau so beschaffen ist wie Welt-1, in der Tim-2 aber keine Schmerzen hat.

Tim-2 ist ein "Zombie", ein geistloser, physischer Doppelgänger von Tim-1.

Die Prämisse P1 besagt nun, dass "π & nicht-S" nicht a priori falsch ist. Denn ist zumindest denkbar, dass Tim 1 und 2 physisch, aber nicht mental identisch sind.

3. Konklusion 1

Es gilt also:

P1. Wenn ein Satz x nicht a priori falsch ist, gibt es eine mögliche Welt w, die x verifiziert.

P2. "π & nicht-S" ist denkbar, d.h. dieser Satz ist nicht a priori falsch.

Daraus folgt logisch:

C1. Es gibt eine mögliche Welt w, die "π & nicht-S" verifiziert.

Es gibt also tatsächlich eine mögliche Welt w2 Welt-2, die physikalisch genau so beschaffen ist wie Welt-1 von Tim-1, in der Tim-2 aber keine Schmerzen hat.

4. Prämisse 3

P3. Wenn w nicht-S verifiziert, dann erfüllt w nicht-S.

David Chalmers macht die Prämisse 3 vor dem Hintergrund einer zweidimensionalen Semantik stark. Bei dem Ausdruck "Schmerz" würden (anders als z.B. bei "Wasser") die erste und zweite Intension zusammenfallen. Und wenn dies der Fall ist, dann verifiziert eine mögliche Welt einen Satz gdw. sie ihn erfüllt.

5. Prämisse 4

P4. Wenn w π verifiziert, dann erfüllt w π – es sei denn, in w besitzen physikalische Größen (wie Masse, Spin und Ladung) eine andere intrinsische Natur als in der wirklichen Welt.

Die physikalische Beschreibung π der Welt-1 enthält nur physikalische Ausdrücke wie "Elektron", "Ladung", "Spin", etc. Diese Ausdrücke bezeichnen Größen, die vermutlich nur durch ihre funktionale Rolle charakterisiert sind. Folglich fallen auch bei diesen Ausdrücken die erste und die zweite Intension zusammen.

Das heißt: "X ist ein Elektron" trifft in einer Welt auf eine Entität zu, gdw. diese Entität die für Elektronen charakteristische kausale Rolle spielt bzw. innehat.

Daraus folgt die Wahrheit von P4: Wenn w π verifiziert, dann erfüllt w π.

Wer das bestreiten will, der muss behaupten, dass Elektronen nicht allein durch ihre kausale Rolle charakterisiert sind, sondern auch eine "intrinsische Natur" haben. Nur dann kann eine mögliche Welt π verifizieren, ohne π zu erfüllen. Dann muss er aber auch behaupten, dass "Elektron" 2 verschiedene Intensionen hat:

1. Intension: X spielt die für Elektronen charakteristische kausale Rolle.

2. Intension: X hat die für Elektronen charakteristische intrinsische Natur.

Daraus folgt logisch Conclusion C2:

C2. Der Eigenschaftsphysikalismus ist falsch – es sei denn, es gibt mögliche Welten, in denen physikalische Größen eine andere intrinsische Natur besitzen als in der wirklichen Welt.

Theoretischer Hintergrund

Joseph Levine hat vor Chalmers das Argument der Erklärungslücke gegen den a priori Physikalismus vorgeschlagen. Wenn dieses schlüssig ist, dann ist S also nicht a priori aus π ableitbar und es bleiben laut Chalmers nur drei Optionen:

(a) entweder auch der a posteriori Physikalismus und somit der Eigenschafts-Physikalismus als Ganzes ist falsch, oder

(b) es gibt mögliche Welten, in denen physikalische Größen eine andere intrinsische Natur besitzen als in der wirklichen Welt, oder

(c) es gibt starke Notwendigkeiten.

Die Option (c) kann laut Chalmers keiner wirklich akzeptieren. Option (a) darf von einem Eigenschaftsphysikalisten nicht akzeptiert werden.

Ein Trilemma besteht für einen Physikalisten insofern, als dass er Option (b) eigentlich auch nicht akeptieren kann. Denn nehmen wir die Welt Welt-2, die ein (minimales) physikalisches Duplikat unserer Welt-1 darstellt, in der also alle physikalischen Größen genau die gleiche kausale Rolle spielen und auch genau so verteilt sind wie in unserer aktualen Welt. Wenn Welt-2 trotzdem kein mentales Duplikat von Welt-1 ist, wenn bspw. also Tim-2 im Gegensatz zu Tim-1 keine Schmerzen hat, dann kann das wohl nur daran liegen, dass in der Welt-2 die physikalischen Größen eine andere intrinsische Natur haben als in der Welt-1.

Aber warum sollte eine metaphysische Supervenienz der phänomenalen Tatsachen von den intrinsischen Naturen der physikalischen Größen bestehen, wenn diese Naturen nicht selbst schon etwas Mentales, also einen protopsychischen Charakter haben? Nach Chalmers folgt also aus Levines a priori und seinem a posteriori Argument gegen den Eigenschaftsphysikalismus die Wahrheit des Panpsychismus, genauer des Panprotopsychismus.

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