„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“ 

- Yuval Noah Harari

Die drei Thesen des wissenschaftlichen Realismus

Die drei Thesen des wissenschaftlichen Realismus lauten:

OWR. Ontologischer Wissenschaftsrealismus: Wenn wir eine wissenschaftliche Theorie T akzeptieren, sind wir zu der Überzeugung  ontologisch verpflichtet, dass die durch T postulierten (theoretischen) Entitäten[1] geistes-, und damit v.a. auch theorieunabhängig existieren.

SWR. Semantischer Wissenschaftsrealismus: Die theoretischen Terme einer wissenschaftlichen Theorie T referieren (der Absicht nach) auf geistes-, und damit v.a. auch theorieunabhängig existierende theoretische Entitäten.

EWREpistemischer Wissenschaftsrealismus: Die theoretischen Terme unserer derzeit besten Theorien T liefern (jedenfalls approximativ) wahre  Beschreibungen über geistesunabhängig existierende theoretische Entitäten. 

In der Fachliteratur scheint es keinen allgemein geteilten Konsens über die Frage zu geben, welche dieser Thesen konstitutiv bzw. notwendig für eine  wissenschaftsrealistische Position ist. Es lassen sich aber zwei entgegen-gesetzte Überzeugungen ausmachen, die hauptsächlich vertreten werden:

Überzeugung 1: Die These OWR ist konstitutiver Bestandteil eines wissenschaftlichen Realismus. Die These SWR ist implizit und EWR optional.

Überzeugung 2: Die These SWR (plus evtl. EWR) ist konstitutiver Bestandteil eines wissenschaftlichen Realismus. Die These OWR ist optional.

Die Überzeugung 2 wird prominent von Michael Dummett vertreten.[2][3][4]

Die Überzeugung 1 scheint mir jedoch die Mehrheitsmeinung zu sein. Auch ich halte sie für die plausiblere, weshalb ich sie im Folgenden voraussetzen werde.

Neben den Thesen OWR, SWR und EWR wird manchmal noch eine vierte, axiologische These-AWR unterschieden. Diese nimmt in der Debatte eine große Sonderrolle ein und wird im nachstehend verlinkten Aufsatz näher erläutert:

AWR. Axiologischer Wissenschaftsrealismus: Das Ziel einer wissenschaftlichen Theorie T sind wörtlich zu nehmende und wahre Theorien.

In diesem Aufsatz werden zunächst die folgenden Fragen geklärt:

Frage 1. Was besagt ein Realismus im Allgemeinen?
Frage 2. Was besagt ein wissenschaftlicher Realismus?
Frage 3. Was besagt der ontologische Wissenschaftsrealismus?

Frage 4. Was besagt der semantische Wissenschaftsrealismus?

Frage 5. Was besagt der epistemische Wissenschaftsrealismus?

1. Realismus

1.1.  Realismus

Frage 1. Was besagt ein Realismus im Allgemeinen?

Der Term "Realismus" umfasst eine Vielzahl von Thesen und daraus kombinierten Positionen, hinter denen sich aber vielleicht so etwas wie eine sie verbindende, allgemeine Grundthese erkennen lässt. Thomas Nagel formuliert diese so:

“In simple terms [realism . . . ] is the view that the world is

independent of our minds, but the problem is to explain this

claim in a nontrivial way which cannot be easily admitted by everyone.”

Thomas Nagel: The view from nowhere (1986)

Die Grundthese des Realismus lässt sich Nagel folgend vielleicht so umreißen:

R. Ein allgemeiner Realismus bzgl. einer Entität E besagt, dass E geistesunabhängig existiert.

1.2. ontischer, semantischer und epistemischer Realismus

Diese Grundthese R. zerfällt in zwei Teilthesen, wie Wright herausarbeitet:

“A reasonable pretheoretical characterisation of realism […] seems to me that it is a fusion of two kinds of thoughts, one kind expressing a certain modesty, the other more presumptuous. The modest kind of thought concerns the independence of the external world – for example, that the external world exists independently of us, that it is as it is independently of the conceptual vocabulary in terms of which we think about it, and that it is as it is independently of the beliefs about it which we do, will or ever would form [. . . ]. The presumptuous thought, by contrast, is that [. . . ] we are nevertheless, in favourable circumstances, capable of conceiving the world aright, and, often, of knowing the truth about it.”
- Crispin Wright, Truth and Objectivity (1992), S. 1 – 2.

Die Teilthesen des R. lassen sich Crispin folgend also vielleicht so umreißen:

R1: Die spezifizierte Entität E existiert (Existenzthese).

R2: Die spezifizierte Entität E ist geistesunabhängig (Autonomiethese).

Die Teilthese R1 ist die grundlegendere von beiden. Denn eine Entität kann nicht geistesunabhängig sein, wenn sie nicht in irgendeiner Form schon existiert. Die Teilthese R2 spezifiziert dann die Art der Existenz der Entität genauer.

Die Teilthesen R1 und R2 resultieren zur Grundthese-R, die offensichtlich  ontischer Natur ist. Sie fällt daher auch mit der These OR zusammen:

OR. Ein ontischer Realismus bzgl. einer Entität E besagt, dass E geistesunabhängig existiert.

Neben der These R. bzw. OR gibt es zwei weitere realistische Thesen SR und ER:

SR. Ein semantischer Realismus bzgl. einem Ausdruck A besagt, dass A auf geistesunabhängig existierende Entitäten referiert.

ER. Ein epistemischer Realismus bzgl. einer Proposition P besagt, dass P eine wahre Beschreibung über geistesunabhängig existierende Entitäten ist.

Nun wird auch klar, warum R die "Grundthese" des Realismus genannt wird. Denn wer vertritt, dass ein Ausdruck A auf eine geistesunabhängig existierende Entität referiert (SR), oder dass eine Proposition eine wahre Beschreibung einer geistesunabhängig existierenden Entität liefert (ER), der muss notwendig auch vertreten, dass diese geistesunabhängig existierende Entität existiert (R). Umgekehrt gilt dieses Implikationsverhältnis indes nicht.

Die Thesen SR und ER sind i.d.S. nur optionale Thesen eines Realismus.

1.3. Positionen des Realismus

Wenn wir in die oberen Schemata der realistischen Thesen OR, SR und ER für die Variablen etwas einsetzen, können wir realistische Positionen formulieren:

Beispiele:

OUR. Der ontologische Universalienrealismus bezüglich der Entität E* "Zahl 3" besagt, dass die Zahl 3 geistesunabhängig existiert.

SAR. Der semantische Außenweltrealismus bezüglich dem Ausdruck A* "vor mir steht ein Laptop" besagt, dass P* auf einen geistesunabhängig existierenden Laptop vor mir referiert.

SMR. Der epistemische Moralrealismus bezüglich der Proposition P* "Töten ist schlecht" besagt, dass P* eine wahre Beschreibung einer geistesunabhängig existierenden Eigenschaft des Tötens ist.

2. Wissenschaftlicher Realismus

Frage 2. Was besagt ein wissenschaftlicher Realismus?

Der allgemeine wissenschaftliche Realismus nimmt Bezug auf durch wissenschaftliche Theorien postulierte (theoretische) Entitäten. Jetzt wissen wir auch alles, um diese Position formulieren zu können:

WRwissenschaftlicher Realismus: Die durch wissenschaftliche Theorien  postulierten (theoretischen) Entitäten existieren geistesunabhängig.

Ein WR. enthält - wie der allgemeine Realismus - also wieder zwei Teilthesen[5]:

WR1: Die durch T postulierten theoretischen Entitäten existieren (Existenzthese).

WR2: Die durch T postulierten theoretischen Entitäten sind geistesunabhängig (Autonomiethese).

Jetzt könnte man versucht sein, diese Thesen näher explizieren zu wollen.

Die Teilthese WR1 wird von wissenschaftlichen Realisten aber meistens nicht, oder wenn dann nur relativ expliziert. Ian Hacking schreibt zum Beispiel:

“Scientific realism says that the entities, states, and processes described by correct theories really do exist. Protons, photons, fields of force, and black holes are as real as toe-nails, turbines, eddies in a stream, and volcanoes. The weak interactions of small particle physics are as real as falling in love. Theories about the structure of molecules that carry genetic codes are either true or false, and a genuinely correct theory would be a true one [. . . ].“
- Ian Hacking: Ian Hacking; Representing and Intervening  (1983), S. 21.

Hacking zufolge besagt WR1, dass die durch T postulierten theoretischen Entitäten im gleichen Sinne existieren / genauso "real" sind wie Zehennägel oder Turbinen.[6][7] Lorenz Krüger spricht auch von einem relativen Realismus.[8]

Die Teilthese WR2 wird sehr unterschiedlich expliziert, dabei lassen sich aber vielleicht wieder zwei allgemeine Strategien der Explikation erkennen:

Explikationsstrategie WR2a: Eine theoretische Entität E ist "geistes-unabhängig", gdw.: Die Existenz von E wird weder durch einen spezifischen Bewusstseinsinhalt noch durch Bewusstsein im Allgemeinen konstituiert.

Explikationsstrategie WR2b: Eine theoretische Entität E ist "geistesunabhängig", gdw. das folgende kontrafaktische Konditional wahr ist: Wenn es kein bewusstseinsfähiges Wesen oder zumindest keinen Bewusst-seinsinhalt von E gäbe, dann würde es E trotzdem noch genau so geben.

Aber was sind theoretische Entitäten eigentlich? Eine Entität E ist eine theoretische Entitätgdw. E nicht direkt (mit dem bloßen Auge) beobachtet werden kann.[9] In modernen wissenschaftlichen Theorien wimmelt es von t.E.:

Ø  Elektronen

Ø  Kräfte

Ø  Schwarze Löcher

Ø  Moleküle

Ø  Elektromagnetische Felder

Ø  Kovalente Bindungen

Ø  Biologische Funktionen

Ø  Moleküle

Ø  Das Über-Ich

Ø  ...

Die Debatte um den wissenschaftlichen Realismus dreht sich nun vor allem um die Existenz solcher theoretischen Entitäten, die von unseren reifsten und besten Theorien zwar postuliert, deren Existenz aber nicht einfach durch bloßes Hinsehen verifiziert werden kann.[10] Die Debatte um die Existenz von direkt beobachtbaren Entitäten wird weitgehend unabhängig vom WR. geführt.[11][12]

Die Debatte dreht sich in der Regel auch nicht um alle, sondern nur um einige bestimmte, besonders "guten" wissenschaftlichen Theorien. Die Güte einer wissenschaftlichen Theorie wird dabei meist an ihrem empirischen Erfolg bemessen, d.h. z.B. an ihrer empirischen Adäquatheit gegenüber bisherigen Beobachtungen oder an ihrer Prognoseleistung was neue Beobachtungen betrifft.

Eine Übersicht über die Positionen in der Debatte um den WR. lässt sich nun gewinnen, indem man erneut eine ontologische, semantische und epistemische Dimension dessen unterscheidet, was diese Positionen zum Inhalt haben:

Die ontologische Dimension eines wissenschaftlichen Realismus.

- Die semantische Dimension eines wissenschaftlichen Realismus.

Die epistemische Dimension eines wissenschaftlichen Realismus.

Der Instrumentalismus ist eine klassische Gegenposition zum allgemeinen WR. Er besagt, dass wissenschaftliche Theorien keine ernsthaften Behauptungen enthalten, wer eine Theorie akzeptiert, legt sich damit nicht auf WR1 o. WR2 fest.

3. Ontologischer wissenschaftlicher Realismus

Frage 3. Was besagt der ontologische Wissenschaftsrealismus?

Der ontologische wissenschaftliche Realismus wird dagegen i.d.R. so formuliert:

OWR. Ontologischer Wissenschaftsrealismus: Wenn wir eine wissenschaftliche Theorie T akzeptieren, sind wir zu der Überzeugung  ontologisch verpflichtet, dass die durch T postulierten (theoretischen) Entitäten geistes-, und damit v.a. auch theorieunabhängig existieren.

Anders als R. und OR., fallen WR. und OWR. also nicht zusammen.

Zwar stellt der OWR. auch wieder diesselben Teilhesen WR1. und WR2. auf, er knüpft sie jedoch an eine epistemische Bedingung. Der OWR besagt ja:

OWR*. (Nur) Wenn wir eine Theorie T akzeptieren, sind wir ontologisch verpflichtet, die Teilthesen WR1 und WR2 bezüglich T zu vertreten.

Beziehungsweise:

OWR**(Nur) Wenn wir eine Theorie T akzeptieren, sind wir ontologisch verpflichtet, wissenschaftliche Realisten bezüglich T zu sein.

Diese epistemische Zusatzbedingung macht durchaus Sinn. Da natürlich auch wissenschaftliche Realisten nur behaupten, dass wir Realisten bezüglich denjenigen Theorien sein sollten, die wir auch akzeptieren.

Beispiel: (Nur) Wenn wir das Standardmodell der Teilchenphysik akzeptieren, sind wir nach dem ontologischen wissenschaftlichen Realismus auch zu der Überzeugung verpflichtet, dass z.B. Elektronen geistesunabhängig existieren.

Der Konstruktive Empirismus ist eine klassische Gegenposition zum OWR. Der konstruktiver Empirismus besagt, dass die Akzeptanz einer Theorie T nur zu der Überzeugung verpflichtet, dass die Theorie T empirisch adäquat ist.

4. Semantischer wissenschaftlicher Realismus

Frage 4. Was besagt der semantische Wissenschaftsrealismus?

Der semantische wissenschaftliche Realismus wird i.d.R. so formuliert:

SWR. Semantischer Wissenschaftsrealismus: Die theoretischen Terme einer wissenschaftlichen Theorie T referieren (der Absicht nach) tatsächlich auf geistesunabhängig existierende theoretische Entitäten.B1

Der SWR scheint wieder in zwei Teilthesen zu zerfallen:

SWR1: Die theoretischen Terme von T referieren.

SWR2: Die theoretischen Terme von T sind wortwörtlich zu verstehen.

Zwei weitere Teilthesen werden von SWR nicht genannt, aber wohl impliziert:

SWR3: Die Theorie T hat einen Wahrheitswert.

SWR4: Der Wahrheitswert von T ist geistesunabhängig.B2

Einige Autoren knüpfen den wissenschaftlichen Realismus daher an eine Korres-pondenztheorie der Wahrheit.[13][14] Andere argumentieren, dass er unab-hängig von einer bestimmten Wahrheitstheorie diskutiert werden sollte.[15][16]

Ein ORW impliziert einen SWR. Denn wer eine Theorie T´ akzeptiert und aufgrund dessen von der Existenz der durch T´ postulierten Entitäten E´ überzeugt ist, meint, dass die theoretischen Terme in T´ auf E´ referieren.B3

Ein SWR impliziert jedoch keinen ORW. Denn wer akzeptiert, dass die Wahrheitsbedingungen einer Theorie T° objektiv sind, muss nicht denken, dass die Akzeptanz der Theorie T° einer ontologische Verpflichtung unterliegt.B4

Da dieser Absatz sehr theoretisch war, hier ein paar illustrierende Beispiele:

B1Der theoretische Term "Elektron" referiert nach SWR (der Absicht nach) tatsächliche auf geistesunabhängig existierende Elektronen. Der Term ist in diesem Sinne "wortwörtlich" zu verstehen.

B2. Der Wahrheitswert einer Elektronentheorie T* hängt nach Überzeugung SWR4 von der geistesunabhängigen Existenz von Elektronen ab.

B3. Wer die Maxwellsche Theorie akzeptiert und aufgrund dessen von der Existenz des elektromagnetischen Feldes überzeugt ist, meint, dass die theoretischen Terme der Maxwellschen Theorie auf dieses Feld referieren.

B4. Bas van Fraassen meint, dass die Wahrheitsbedinungen einer Theorie T° objektiv sind, jedoch verpflichte die Akzeptanz von T° nicht zu der Überzeugung, dass T° wahr, sondern nur, dass T° empirisch adäquat ist.

Der Antirealismus ist ein Sammelbegriff für Gegenpositionen zum SR und damit auch zum SWR. Eine antirealistische Position bestreitet SWR3 und SWR4.

Michael Dummett vertritt eine antirealistische Gegenposition zum SR und damit auch zum SWR. Er hat im Kontext systematischer sprachphilosophischer Überlegungen dafür argumentiert, dass es zu unüberwindbaren Schwierigkeiten für eine Bedeutungstheorie führt, wenn SWR3 und SWR4 behauptet werden.

Der Projektivismus ist eine allgemeine Gegenposition zum SR und damit SWR. Nach ihm sind Sätze in einem bestimmten Diskursbereich nicht wörtlich zu verstehen, sondern besitzen eine andere Funktion, etwa die, eine emotionale, pragmatische oder normative Einstellung zum Ausdruck zu bringen. Wenn ein Projektivismus im Bereich wissenschaftlicher Sätze vertreten wird, konfligiert das mit SWR1, SWR2. Eine bekannte projektivistische Position ist der Emotivismus.

Der Logische Empirismus ist eine spezifische Gegenposition zum SWR. Nach dem Logischen Empirismus lassen sich theoretische Terme sprachlich völlig auf Protokollsätze reduzieren, die dann auf direkt beobachtbare Entitäten referieren.

5. Epistemologischer Wissenschaftsrealismus

Frage 5. Was besagt der epistemische Wissenschaftsrealismus?

Der epistemische wissenschaftliche Realismus wird i.d.R. so formuliert:

EWREpistemischer Wissenschaftsrealismus: Die theoretischen Terme unserer derzeit besten Theorien T liefern (jedenfalls partiell; approximativ)   wahre Beschreibungen über geistesunabhängig existierende Entitäten. 

Auch der EWR scheint in zwei Teilthesen zu zerfallen:[17]

EWR1. Theoretische Terme in wissenschaftlichen Theorien können prinzipiell wahre Beschreibungen über geistesunabhängig existierende Entitäten liefern.

EWR2. Die theoretischen Terme in unseren derzeit besten Theorien liefern  faktisch eben solche Beschreibungen.

Und auch der EWR scheint wieder zwei weitere Teilthesen zu implizieren:

EWR3. Es ist prinzipiell möglich, über wissenschaftliche Theorien Wissen über theoretische Entitäten zu erlangen.

EWR4. Unsere derzeit besten wissenschaftlichen Theorien enthalten praktisch eben solch ein Wissen.

EWR2 und EWR4 stehen in keinem Implikationsverhältnis zu ORW (und damit in keinem zu SRW). Das ist nicht weiter verblüffend, da EWR2 und EWR4 sich, anders als ORW, auf die aktualen wissenschaftlichen Theorien bezieht.

Aber auch EWR1 und EWR3 werden nicht von ORW impliziert. Wer meint, dass die Akzeptanz einer Theorie T dazu verpflichtet, die von T postulierten Entitäten für existent zu halten, muss deshalb keine aktuelle Theorie akzeptieren.

Und OWR impliziert nicht EWR1 oder EWR2. Denn ein EWR ist nicht auf einen realistischen Wahrheitsbegriff festgelegt[18] und kann deshalb eine Theorie T für wahr halten, ohne an die Existenz der von T postulierten Entitäten zu glauben.

Resümierend steht EWR logisch unabhängig zu ORW oder SWR. 

Das heißt aber auch, dass EWR mit ORW und SWR vertreten werden kann.

Wenn man nun EWR vor dem Hintergrund eines SWR vertritt, dann besagen EWR1 und EWR3, dass wissenschaftliche Theorien Wahrheiten und Wissen über die Welt hinter dem sinnlich direkt Erfahrbaren enthalten können. Es ist klar, dass radikale Empiristen und Metaphysikkritiker diese Thesen rigoros ablehnen.

EWR2 und EWR4 besagen vor dem Hintergrund eines SWR, dass unsere derzeit besten wissenschaftlichen Theorien uns Wahrheiten und Wissen über die Welt hinter dem sinnlich Erfahrbaren tatsächlich bereits enthalten! Diese Thesen sind natürlich noch viel kontroverser und kühner und werden von wissen-schaftlichen Realisten häufig mit Hilfe des Wunderargumentes verteidigt.[19]

Larry Laudan nimmt eine klassische Gegenposition zum EWR ein. Laudan argumentiert, dass wissenschaftshistorisch viele Theorien als empirisch erfolgreich galten, die nach heutiger Sicht aber trotzdem falsch sind. Also ist der in EWR unterstellte Zusammenhang zwischen Erfolg und Wahrheit nicht gegeben.

Fußnoten

[1] Ich verwende den Term "Entität" - der Einfachheit halber - fortan in einem sträflich weitem Sinne: für Objekte, Eigenschaften, Ereignisse, Strukturen, usw.

 

 

[2] Michael Dummett: Truth and Other Enigmas (1978). S. 145 - 165.

[3] Michael Dummett: The Seas of Language (1993), S. 462 - 478.

 

[4] Ein Kritiker der Überzeugung 2 ist Michael Devitt. Siehe u.a. Michael Devitt: Realism and Truth (1984)

[5] Ob der ontologische wissenschaftliche Realismus in einen "starken" metaphysischen Realismus oder in einen "schwachen" z.B. internen Realismus mündet, hängt stark von der genauen Lesart dieser beiden Teilthesen ab.

[6] Die Hackingsche Explikationsstrategie von WR1 kann prima facie durchaus Sinn machen, wenn man erstens davon überzeugt ist, dass die Welt diesseits und jenseits der Grenze des Beobachtbaren gleichartig ist. Und wenn man zweitens entweder davon überzeugt ist, dass R1 im Bereich des Beobachtbaren intuitiv verständlich ist und dies ausreicht, oder, dass R1 im allgemeinen expliziert werden sollte und sich die Explikation von WR1 dann aus der von R1 ergibt.

[7] Beim zweiten Hinsehen hat die Hackingsche Explikationsstrategie aber einen  Hacken: Sie nagelt den wissenschaftlichen Realisten auf die These fest, dass Turbinen, Zehennägel und Vulkane existieren, also auf einen Common Sense Realismus. Wenn man WR1 und damit auch WR nach Hacking expliziert, kann ein wissenschaftlicher Realist also etwa nicht mehr zugleich einemereologischen Nihilismus vertreten, nach dem es zwar nicht-direkt beobachtbare Elektronen und Quarks, aber keine direkt beobachtbaren Turbinen, Zehennägel und Vulkane gibt.

Vergleich u.a.: Martin Carrier: What is wrong with the miracle argument?. In: Studies in History and Philosophy of Science 22 (1991), S. 23.

[8] Lorenz Krüger: Vergängliche Erkenntnis der beharrenden Natur. In: Hans Poser (Hg.): Wandel des Vernunftbegriffs (1981), S. 227.

[9] Zu einer Kritik siehe: Die Beobachtbar-Unbeobachbtar-Unterscheidung.

[10] Eine Ausnahme stellt Bas Van Fraassen dar, der den WR diskutiert und dabei nur auf der Ebene des empirisch Erfahrbaren bleibt. Van Fraassen ist agonistisch gegenüber der Existenz von theoretischen Entitäten.

[11] Ein wissenschaftlicher Antirealist kann natürlich ein alltäglicher Realist sein.

[12] Und ein wissenschaftlicher Realist kann umgekehrt auch ein alltäglicher Antirealist sein - zumindest dann, wenn er WR1 anders expliziert, als Hacking das tut. Dabei kann er z.B. vertreten, dass nur wissenschaftliche Theorien die Welt abbilden, wie sie geistesunabhängig ist. Die Alltagserfahrung dahingegen bildet eine Realität ab, die erst durch kognitive, sprachliche und soziale Umstände konstruiert wird und so nicht geistesunabhängig vorliegt.

Vergleich: Christian Suhm: Wissenschaftlicher Realismus (2004), S. 57

[13] Arthur Fine: Unnatural Attitudes (1986), S. 150.

[14] Hilary Putnam: Reason, Truth and History (1981), S. 49.

[15] Michael Devitt: Realism and Truth (1997), Kap. 4.

[16] Christian Suhm: Wissenschaftlicher Realismus (2004), S. 43f.

[17] ebd., S. 72 f.

[18] Versteht ein epistemischer Realist die Wahrheit einer Theorie T etwa im Sinne der Kohärenztheorie oder einer "Akzeptanz unter idealen epistemischen Bedingungen", so ist mit dem Für-wahr-halten von T nicht notwendig die Überzeugung von der Existenz der durch T postulierten Entitäten gefordert.

[19] Christian Suhm: Wissenschaftlicher Realismus (2004), S. 65.

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Kommentare: 1
  • #1

    Philoclopedia (Freitag, 03 Januar 2020 03:25)

    Stehen EWR und ORW/SRW in einem Spannungsverhältnis?

    EWR scheint einen Zusammenhang zwischen der epistemischen Rechtfertigung und der Wahrheit einer Theorie anzunehmen, während der durch SWR nahelegte korrespondenztheoretische Wahrheitsbegriff diesen Zusammenhang verneint.


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