Korrespondenztheorie der Wahrheit

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit besagt, dass ein Wahrheitswertträger wahr ist, gdw. er in einer bestimmten Relation zu einem Wahrmacher steht:

(KP) Für alle Wahrheitswertträger x: x ist wahr gdw. x mit einem Wahrmacher y in einer bestimmten Relation R steht.

Das heißt Wahrheit wird als eine zweistellige Relation der Form xRy definiert.

Diese Relation wurde oder wird u.a. als "Übereinstimmung" (Descartes und  Kant), "Abbildung" (Wittgenstein"), "Angleichung" (Thomas von Aquinund gegenwärtig v.a. als "Ädäquation" oder "Korrespondenz" (Austin) bezeichnet.

Auch die Relata werden unterschiedlich bestimmt: Als Wahrheitswertträger kommen unter anderem Überzeugungen (Russell, Moore), Sätze (Field), Behauptungen (Austin), oder Propositionen (Wittgenstein) in Frage. Und als Wahrmacher u.a. Tatsachen, Sachverhalte, Dinge, Situationen, Ereignisse, Gegenstände, Folgen von Gegenständen, Eigenschaften, Tropen u.a.

Seit dem 20. Jahrhundert wird mehrheitlich die Korrespondenz von Propositionen mit Tatsachen vertreten. Damit eine Korrespondenztheorie aber gehaltvoll sein kann, muss genauer expliziert werden, was unter diesen drei Begriffen verstanden wird. Der heute vielleicht am weitesten verbreitete Ansatz analysiert propositionale Wahrheit als Isomorphismus der Teile und Struktur der Proposition mit den Teilen und der Struktur einer Tatsache in der Welt.

veritas est adaequatio rei et intellectus.“
- Thomas von Aquin

1. Geschichte

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit war über weite Strecken die dominierende Wahrheitstheorie in der westlichen Philosophiegeschichte.

1.1. Aristoteles

Schon bei Aristoteles lesen wir:

„Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nichtseiende sei nicht, ist wahr. Wer also ein Sein oder Nicht-Sein prädiziert, muss Wahres oder Falsches aussprechen.“
- Aristoteles: Metaphysik 1011b23‐28

Etwas Wahres sagt also, wer von etwas Existierendem sagt, dass es existiert, oder von etwas nicht Existierendem, dass es nicht existiert. Oder allgemeiner formuliert: Etwas Wahres sagt, wer von etwas, das der Fall ist, sagt, dass es der Fall ist, oder von etwas, das nicht der Fall ist, dass es nicht der Fall ist. Ob eine Aussage wahr oder falsch ist, entscheidet sich also daran, was alles der Fall ist.

„Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.“
- Aristoteles: Metaphysik 1051b7-17

Aristoteles spricht in diesen berühmten Formulierungen allerdings nie von "Korrespondenz" oder "Adäquation". Daher gibt es über die Zuordnung des Aristoteles zur Korrespondenztheorie auch keinen wissenschaftlichen Konsens.

1.2. Thomas von Aquin

Innerhalb der mittelalterlichen Philosophie ist Thomas von Aquin einer der bekanntesten Vertreter einer Korrespondenz- oder Adäquationstheorie der Wahrheit. In den Quaestiones disputatae de veritate findet sich die klassische Formulierung der ontologischen Korrespondenztheorie der Wahrheit als „adaequatio rei et intellectus (Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand)“:

Den Hintergrund dieser Definition stellt ein dreifaches Wahrheitsverständnis dar:

• von der Seite der Übereinstimmung aus (ontologische Wahrheit);
• von der Seite des erkennenden Subjekts aus, dessen Wissen mit dem Seienden übereinstimmt (logische Wahrheit) – ausgedrückt in der Formel „adaequatio intellectus ad rem“.
• von der Seite des erkannten Objekts aus, dessen Sein mit dem Wissen des erkennenden Subjekts übereinstimmt (ontische Wahrheit) – ausgedrückt in der Formel „adaequatio rei ad intellectum“.

1.3. Nezeit

René Descartes spricht von einer "Übereinstimmung des Denkens mit dem Gegenstand":

Folgenderweise kann man diesen Namen denen gut erklären, die die Sprache nicht verstehen und ihnen sagen, dass das Wort „Wahrheit“ in seiner eigentlichen Bedeutung die Übereinstimmung des Denkens mit dem Gegenstand bezeichnet. (Ainsi on peut bien expliquer quid nominis a ceux qui n'entendant pas la langue, & leur dire que ce mot verité, en sa propre signification, denote la conformité de la pensée avec l'object (...).)
- René Descartes: Brief an Mersenne (16.10.1639)

Und Immanuel Kant erklärt in der Kritik der reinen Vernunft:

„Die Namenerklärung der Wahrheit, daß sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei, wird hier geschenkt, und vorausgesetzt“

- Immanuel Kant: Kritik der rienen Vernunft (1789) A 58 / B 82

Kant selbst vertritt jedoch eine differenziertere Theorie der Wahrheit, siehe hier.

1.4. Karl Marx

Karl Marx formuliert im Rahmen des Dialektischen Materialismus eine Widerspiegelungstheorie der Wahrheit. Wahrheit ist demnach eine Übereinstimmung des Bewusstseins mit dem bewussten Objekt. Sie steht im Dienst der Praxis und wird allein daran gemessen:

„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“

- Karl Marx: Thesen über Feuerbach. MEW Bd. 3, S. 5

1.5. 20. Jahrhundert

Auch im 20. Jahrhundert finden sich Korrespondenztheorien der Wahrheit. Nach klassischer Lesart arbeitet Ludwig Wittgenstein eine solche im Tractatus Logico Philosophicus aus. Einige Autoren behaupten aber, dass man die Wahrheits-theorie des frühen Wittgenstein besser als eine semantische Theorie versteht. 

Im Tractatus geht Wittgenstein zunächst davon aus, dass wir uns Bilder von der Wirklichkeit machen. Sie sind ein "Modell der Wirklichkeit" (2.12). Bilder drücken sich in Gedanken aus, deren Gestalt "der sinnvolle Satz" darstellt (4).  Wittgenstein definiert die Wirklichkeit als "die Gesamtheit der Tatsachen" (1.1). Tatsachen sind bestehende Sachverhalte, die von bloßen, nicht bestehenden Sachverhalten zu unterscheiden sind (2.04–2.06). Sie bestehen aus Dingen oder Gegenständen und der Verbindung zwischen ihnen (2.01). Eine Tatsache wird zum Bild durch die "Form der Abbildung", die sie mit dem Abgebildeten gemein-sam hat. Wittgenstein versucht, dies an einem Beispiel deutlich zu machen:

„Die Grammophonplatte, der musikalische Gedanke, die Notenschrift, die Schallwellen, stehen alle in jener abbildenden Beziehung zueinander, die zwischen Sprache und Welt besteht.“

– Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus. 4.014.

Ebenso wie die Notenschrift ein Bild der durch sie dargestellten Musik ist, stellt ein Satz "ein Bild der Wirklichkeit" dar (4.021). Ein Satz besteht aus Namen und den Beziehungen zwischen ihnen. Er ist wahr, wenn die in ihm enthaltenen Namen auf reale Gegenstände referieren und die Beziehung zwischen den Namen der zwischen den referierten Gegenständen entspricht. Siehe auch: Abbildtheorie.

2. Probleme der Korrespondenztheorie

In der Korrespondenztheorie wird Wahrheit als eine zweistellige Relation der Form aRb definiert. Bei allen drei Strukturmomenten ergeben sich Probleme, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verstärkt thematisiert wurden.

2.1. Wahrheitswertträger

àWahrheitswertträger

2.2. Wahrmacher

Die klassischen Vertreter der Korrespondenztheorie gingen davon aus, dass Gegenstände Wahrheitswertträger wahr machen. Die Proposition "Dieser Ball hier ist blau" wird also wahrgemacht durch den blauen Ball hier. Allerdings soll ein Wahrmacher die Wahrheit einer Proposition erzwingen. Das bedeutet, dass in jeder möglichen Welt, in der der Wahrmacher vorliegt, die Proposition wahr ist. Aus diesem Grund sagt man auch, dass die Proposition wahr ist, weil etwas Bestimmtes der Fall ist. Gegenstände können diese Bedingung nicht erfüllen, denn Gegenstände besitzen ihre Eigenschaft meist nur kontingenterweise.

Es ist deshalb angemessener, die Wahrmacher - wie Russell - als Tatsachen zu verstehen. Eine erste Definition kann lauten, dass eine Tatsache darin besteht, dass ein Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft instantiiert. Die Proposition "Dieser Ball hier ist blau" wird also wahrgemacht indem der Ball die Farbe Blau instantiiert. Allerdings ist diese und sind alle weiteren Definitionen von "Tatsache" höchst problematisch. Günther Patzig und andere Philosophen gehen so weit zu behaupten, dass man weder den Begriff "Tatsache" definieren noch einzelne Tatsachen identifizieren könne, ohne auf Aussagen zu rekurrieren. Tatsachen müssten daher als erfüllte Wahrheitsbedingungen von Sätzen angesehen werden.

Für die Korrespondenztheorie ergibt sich daraus das Problem, dass sie in einen definitorischen Zirkel gerät, denn der Begriff der Tatsache setzt bereits den Begriff der Wahrheit voraus, der wiederum über den der Tatsache definiert wird:

„Dabei ist es wichtig zu sehen, daß es zunächst ganz unklar ist, ob das, was Tatsachen sind, über W.[ahrheit], oder ob W.[ahrheiten] über Tatsachen zu erläutern sind. Eben daher ist eine Definition, nach welcher wahr sei, was mit den Tatsachen übereinstimmt, ebenso richtig wie leer: Es handelt sich um eine Tautologie […].“

- Lothar Kreiser, Pirmin Stekeler-Weithofer: Wahrheit/Wahrheitstheorie. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Bd. 2: O–Z. Hamburg: Meiner (1999), S. 1714.

Auch wenn wir diese Probleme ignorieren, bleibt noch ein weiteres Problem. Denn die meisten von uns halten die meisten dieser Aussagen für wahrheitsfähig:

Kontrafaktische Konditionalaussagen: "Wenn Oswald Kennedy nicht erschossen hätte, dann hätte es jemand anderes getan."

Implikative Aussage: "Wenn Ida den Duft von Pfingstrosen wahrnimmt, erinnert sie sich an ihr erstes Treffen mit Paul."

mathematische Aussage: "2 + 2 = 4."

Modale Aussage: "Ich könnte als Latino geboren wurden sein."

Negative Aussage: "Ein Wal ist kein Fisch."

negative Existenzaussage: "Es ist kein Elefant in meiner Garage."

Normative Aussage: "Du sollst nicht stehlen".

Probabilistische Aussage: "Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen beträgt 1 / 10.

usw. usf.

Wenn man davon ausgeht, dass einer dieser Aussagen wahrheitsfähig ist, dann ist man gemäß der Korrespondenztheorie darauf festgelegt, dass es mit ihr korrespondierende Tatsachen gibt. Wenn man also davon ausgeht, dass kontrafaktische, modale, negative, ... Aussagen wahr sein können, dann ist man nach der Korrespondenztheorie darauf festgelegt, dass es kontrafaktische, modale, negative ... Tatsachen gibt. Dies führt laut Kritikern aber zu einer "überladenen und redundanten Ontologie." (Wrenn (2015), S. 79f.).

2.3. Korrespondenzrelation

Die Korrespondenztheorie besagt, dass es eine Relation gibt, welche zwischen Propositionen und Tatsachen besteht und Propositionen wahr oder falsch macht. Die Natur dieser Relation ist bis heute ungeklärt. Dazu kommt, dass (intensionale und nicht-raumzeitliche) Propositionen und (nicht-intensionale und raumzeitliche) Tatsachen komplett unterschiedlich sind und unklar ob es eine Relation zwischen diesen geben kann und wie diese aussehen soll.

Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, versuchten Vertreter von sprachanalytisch orientierten Korrespondenztheorien, die Relation zwischen Aussagen und Tatsachen abstrakter als Strukturgleichheit oder Isomorphie zu fassen. Die Grundidee ist diese: Eine Proposition P und eine Tatsache T sind isomorph zueinander, wenn sie strukturell aber nicht unbedingt inhaltlich gleich sind.

Aber auch dieser Ansatz erweist sich als in mehrerlei Hinsicht problematisch. Die Strukturen der Sprache, so argumentiert etwa John L. Austin, folgen rein konventionell festgelegten Regeln. Wer der Ansicht ist, dass Sprache in ähnlicher Weise wie Bilder oder Landkarten die Realität abbildet, begehe den Fehler, die Strukturen der Sprache in die Welt hineinzulesen. Aussagen können sehr unterschiedliche Formen aufweisen und dennoch auf dieselbe Tatsache referieren, wie z.B. ›Köln liegt nördlich von Bonn‹ und ›Bonn liegt südlich von Köln‹. Aussagen können zudem in ihrer äußeren Form identisch sein und trotzdem unterschiedliche Sachverhalte ausdrücken. Dies trifft insbesondere auf Aussagen mit indexikalischen Ausdrücken (wie "ich", "hier", "heute", "jetzt") oder anderen kontextsensitiven Termen zu, deren Inhalte mit den jeweiligen Äußerungskontexten variieren. Hier kann eine Aussage (wie z. B. "Ich bin müde") je nach Äußerungskontext mit ganz unterschiedlichen Tatsachen korrespondieren.

Siehe auch

Kommentare: 4
  • #4

    Philoclopedia (Freitag, 11 September 2020 01:26)

    Die Korrespondenztheorie wird oft mit dem Realismus vermengt, d. h. der These, dass die Welt objektiv und unabhängig von unserem Denken existiert. Doch Realismus ist ohne Korrespondenz haltbar (z. B. unter Annahme gewisser Formen der Identitätstheorie, s. u.; vgl. Devitt 1997), und Korrespondenz ist mit der Bewusstseinsabhängigkeit der Wirklichkeit vereinbar (z. B. bei McTaggart 1921). In engem Zusammenhang sowohl mit Realismus als auch der Korrespondenztheorie steht auch das sog. Wahrmacherprinzip, demzufolge es für jeden wahren Wahrheitsträger mindestens eine Entität gibt, die ihn wahr macht (vgl. Beebee/Dodd 2005).

  • #3

    Philoclopedia (Sonntag, 06 September 2020 01:00)

    https://www.youtube.com/watch?v=un0KbGfsdUM&t=48s

  • #2

    Philoclopedia (Sonntag, 06 September 2020 00:58)

    https://www.youtube.com/watch?v=wzWLmOzgEkI

  • #1

    WissensWert (Montag, 29 April 2019 01:23)

    https://www.youtube.com/watch?v=un0KbGfsdUM


Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.