„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

starke Emergenz

Wenn die Eigenschaft E eines Gesamtsystems S mit den Teilen B1, ... Bn bei S, aber nicht bei B1,...Bn aufzufinden ist, ist E eine emergente Eigenschaft von S.

Wenn E zusätzlich nicht auf B1,...Bn reduziert werden kann, ist E eine stark-emergente Eigenschaft von S. Andernfalls ist E schwach emergent.

Frage: Was bedeutet es, dass E (nicht) auf B1, ... Bn reduziert werden kann?

Antwort: Tim Crane (2001, 2010) unterscheidet zwei Arten von Reduktion:

a. ontologische Reduktion: Wenn A auf B reduziert wird, ist A mit B identisch.

b. epistemische Reduktion: Wenn A auf B reduziert wird, ist A durch B erklärt.

Wenn "Reduktion" im Sinne von a. verstanden wird, dann ist starke Emergenz de facto ontologische Emergenz. Ich spreche mich daher dafür aus, starke Emergenz im Sinne von b. als epistemische Nichtreduzierbarkeit zu verstehen.

Broadsche Emergenz ist ein Beispiel für starke Emergenz in diesem Sinne.

1. Gibt es stark emergente Eigenschaften?

Frage: Gibt es stark-emergente Eigenschaften in der Welt?

Antwort: Es gibt zumindest zwei heiße Anwärter:

a. mentale Eigenschaften

Beispiel:

System S: Die Person P.

Bestandteile B von S: Physische Konstituenten (Atome, Neuronen, o.Ä.).

Eigenschaft E von S: "nimmt Schmerzen wahr".

Die Eigenschaft E ist eine emergente Eigenschaft von S, weil sie nicht bei den physischen Konstituenten (Atome, Neuronen, o.Ä.) in Isolation aufzufinden ist.

Denn: Ein Atom oder Neuron hat nicht die Eigenschaft "nimmt Schmerzen wahr."

Frage: Aber ist E auch eine stark-emergente Eigenschaft von E?

Auf der einen Seite ist E durch eine bestimmte kausale Rolle charakterisiert: Wenn P Schmerzen hat, dann werden diese von typischen Ursachen (Gewebeverletzung) und Wirkungen (verminderte Konzentrationsfähigkeit) begleitet. Diese kausale Rolle von E kann im Prinzip epistemisch auf die Bestandteile B von S reduziert werden.

Auf der anderen Seite erschöpfen sich Schmerzen aber nicht in einer kausalen Rolle. Es fühlt sich für P auch auf eine bestimmte Weise an, Schmerzen zu haben.

P1. Wenn P Schmerzen hat, dann fühlen sich diese für P auch auf eine ganz bestimmte Weise an.

P2. Für keine physische Eigenschaft folgt aus den allgemeinen Gesetzen der Neurobiologie oder Physik - und auch aus keinem Brückengesetz-, dass es sich auf einer bestimmte Weise anfühlt, diese Eigenschaft zu besitzen.

K1. Die mentale Eigenschaft "P nimmt Schmerzen wahr" ist nicht vollständig auf die physischen Eigenschaften der Konstitutenten von P epistemisch reduzierbar – es besteht eine prinzipielle Erklärungslücke.

Wenn Joseph Levine mit diesen Überlegungen Recht hat, dann sind mentale Eigenschaften mit subjektivem Erlebnisgehalt stark-emergente Eigenschaften!

Folge: Wenn es stark emergente Eigenschaften in der Welt gibt, dann kann das Universum nicht durch seine kleinsten Bestandteile erklärt werden und dann wäre das Programm der Einheitswissenschaft von vornerein zum Scheitern verurteilt!

Siehe für eine Kritik an dieser Auffassung: Das Pepper-Kim-Dilemma.

b. quantenverschränkte Eigenschaften

Siehe hier:

Siehe auch

Literatur

Tim Crane: The Significance of Emergence (2001). in: Physicalism and Its Discontents.

Tim Crane: Cosmic Hermeneutics vs. Emergence: The Challenge of the Explanatory Gap (2010). In: Emergence in Mind.

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