Rationalismus

Der Rationalismus ist eine erkenntnistheoretische Strömung, welche die (reine) Vernunft bzw. den (bloßen) Verstand beim Erwerb und bei der Rechtfertigung von Wissen für entweder (i) brauchbar (ii) vorrangig oder (iii) hinreichend erachtet:

i.             schwache These: Erkenntnis ohne Sinneserfahrung ist möglich.

ii.           gemäßigte These: Erkenntnis durch reines Nachdenken ist vorrangig.

iii.          starker These: substantielle Erkenntnis wird nur a priori erlangt.

Damit verbunden ist sowohl eine Ablehnung eines globalen Skeptizismus, nach dem wir überhaupt keine Erkenntnis erlangen können. Als auch eine Abwertung anderer Erkenntnisquellen, etwa die Sinneserfahrung oder göttliche Offenbarung.

Die Gegenspieler behaupten also, dass Vernunfterkenntnis nicht möglich ist, da:

a.    Empirismusapriorische Ansätze ungeeignet sind, es braucht Erfahrung.

b.   Irrationalismus: die Vernunft ungeeignet ist, um die Welt zu erkennen.

c.    Skeptizismus: die Welt generell nicht von uns erkannt werden kann.

Frage: Wie will der Rationalismus substantielle Erkenntnis über die Welt erlangen, wenn er doch vorempirisch "die Augen vor der Welt verschließt"?

Antwortmöglichkeit: durch angeborene Ideen, unkorrigierbare Überzeugungen oder Intuitionen und deduktiven Schlüssen auf Grundlage dieser.

Beispiel: Die Axiome der Geometrie können durch reines Nachdenken erkannt und auf Grundlage dieser alle Gesetzmäßigkeiten deduktiv abgeleitet werden.

Also: Die sog. Analytische Geometrie braucht keine Zeichnungen mehr (Anschauung), sondern nur noch Gleichungen und logische Gesetze (Denken).

John Locke
John Locke

In der Geschichte der Philosophie wird oftmals eine Linie des rationalistischen Denkens gezogen, die bei Platon beginnen und ihre Blütezeit während der Aufklärung finden soll, in der die Rationalität des Menschen und der Welt hervorgehoben wurde. Als die Hauptvertreter des (kontinentalen) Rationalismus[1] gelten René Descartes, Baruch de Spinoza, Gottfried W. Leibniz und Christian Wolff[2]; sie werden den Vertretern des (britischen) Empirismus gegenübergestellt. Diese Etikettierungen sind zwar traditionell üblich, werden inzwischen aber von zahlreichen Philosophiehistorikern infrage gestellt.[3][4]

Siehe auch

Literatur

John Cottingham: Rationalism (1984)
Frank Jackson: From Metaphysics to Ethics (1998)
Rainer Specht: Rationalismus (1979)
Timothy Williamson: The Philosophy of Philosophy (2007)

Stand: 2019

Kommentare: 1
  • #1

    Philoclopedia (Samstag, 17 August 2019 15:28)

    „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.“
    - René Descartes


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