Reliabilismus

Der Reliabilismus (von engl. reliable = "zuverlässig") ist eine  erkenntnis-theoretische Strömung, wonach sich zentrale epistemische Begriffe wie "Wissen" oder "Rechtfertigung" im Rekurs auf "Zuverlässigkeit" analysieren lassen.

Der bekannteste Ansatz in Bezug auf doxatische Rechtfertigung ist der Prozess-reliabilismus[1], nach dem ein Subjekt S gerechtfertigt ist zu glauben, dass p, gdw. S durch einen verlässlichen Prozess zur Überzeugung gekommen ist, dass p.

1. Das Gettier-Problem

Die Standardanalyse des Wissens besagt, dass Wissen gerechtfertigte, wahre  Meinung ist. Das heißt ein Subjekt S weiß, dass p, genau dann wenn gilt:

W1:    p wahr ist (Wahrheit).

W2:    S glaubt, dass p (Überzeugung).

W3:    S hat gute Gründe zu glauben, dass p (Rechtfertigung).

Edmund Gettier entwarf jedoch zwei sog. Gettier-Fälle, in denen ein Subjekt S die gerechtfertigte, wahre Meinung hat, dass p, jedoch nicht weiß, dass p.

Beispiel: Der Unternehmer Smith hat zwei zuverlässige Angestellte Meier und Müller. Smith sieht, wie Meier aus einem Ford steigt und Meier erzählt Smith, dass er gerade einen Ford gekauft hat. Smith ist also gerechtfertigt anzunehmen:

(a) Meier besitzt einen Ford.

Und folgert daraus deduktiv:

(b) Einer meiner Angestellten besitzt einen Ford.

Tatsächlich ist es aber Müller und nicht Meier, der einen Ford besitzt. Meier hat Smith ausnahmsweise angelogen. Der Satz (b) ist aber dennoch wahr. Somit besitzt Smith die wahre, gerechtfertigte Überzeugung, dass (b). Smith scheint aber trotzdem nicht zu wissen, dass (b), da (b) aus (a) deduziert wurde und (a) unwahr ist. Wenn das zutrifft, dann ist die Standardanalyse unzureichend.

Darauf kann man nun verschiedenartig reagieren:

1. bestreiten: Man bestreitet, dass die Gettier-Fälle Gegenbeispiele sind.

2. ergänzen: Man akzeptiert die Gettier-Fälle als Gegenbeispiele. Und man versucht die Standardanalyse durch eine weitere Bedingung W4 zu retten.

3. ersetzen: Man akzeptiert die Gettier-Fälle als Gegenbeispiele. Und man versucht die Standardanalyse durch eine andere Bedingung W3´ zu retten.

2. Der Reliabilismus

Der erkenntnistheoretische Reliabilismus folgt der dritten Strategie. D.h. akzeptiert die Gettier-Fälle als Gegenbeispiele zur Standardanalyse und meint, dass die Rechtfertigungsbedingung W3 durch eine andere ersetzt werden muss.

Ein konstitutiver Aspekt aller Gettier-Fälle scheint zu sein, dass es in ihnen  keinen adäquaten Zusammenhang zwischen W2 und W3 bzw. zwischen der wahren Überzeugung und der Tatsache, die diese Überzeugung wahr macht, gibt.

Die reliabilistischen Theorien versuchen diesen Zusammenhang zu sichern:

     S weiß, dass p, gdw:

W1:    p wahr ist (Wahrheit).

W2:    S glaubt, dass p (Überzeugung).

W3´S’ Überzeugung, dass p, auf einem verlässlichen Prozess zur

          Erzeugung von Überzeugungen beruht.

Nach der Bedingung W3´ reicht es aus, dass S´s Überzeugung, dass p, auf einem verlässlichen Prozess beruht. S muss nicht zusätzlich noch über interne gute Gründe für p verfügen. Der Reliabilismus ist somit eine Form des Externalismus.

Diese Analyse scheint zumindest unser anfängliches Beispiel zu entkräften: Gemäß der Verlässlichkeitsheorie weiß Smith nicht, dass (b), da (b) aus (a) abgeleitet wurde und offenkundig nicht auf einen verlässlichen Prozess beruht.

Aber was ist ein verlässlicher Prozess? Der einfache Reliabilismus meint, dass ein Prozess zur Erzeugung von Überzeugungen verlässlich ist, wenn M mit einer hinreichend hohen Wahrscheinlichkeit zu korrekten Überzeugungen führt.

Die Wahrheitshäufigkeit eines bestimmten Prozesses lässt sich als Grad der Wahrscheinlichkeit angeben, mit der dieser zu einer wahren Überzeugung führt: 

Pr(W/M),

wobei:
M = die gegebene Methode des Meinungserwerbs (im weitesten Sinne);
W = wahres Ergebnis.

Die Forderung lautet, dass Pr(W/M) hinreichend groß sein muss, damit M eine verlässliche Methode zur Erzeugung von Überzeugung ist. Das heißt:

Pr(W/M) ≥  r.

3. Schwierigkeiten des Reliabilismus

3.1. Wie groß muss r sein?

Wie groß muss r sein? Pr(W/M) = 1 hat man nahezu nie. Das wäre sicher zu viel verlangt. Pr(W/M) ≥ 0,5 wird man sicher fordern müssen. Das heißt:

1 > r ≥ 0,5.

Irgendwo zwischen diesen Werten wird r liegen müssen. Aber wo? Die erste Schwierigkeit des Reliabilismus besteht darin, dass sich r wohl kaum auf eine nicht-willkürliche Weise bestimmen lässt. Und Ist allein die absolute Höhe von Pr(W/M) relevant? Was ist zum Beispiel, wenn sich S auf M1 verlässt, obwohl es M2 gäbe mit Pr(W/M1) > Pr(W/M2) ≥ r?

3.2. Das (intuitive) Erfordernis guter Gründe.

Eine frühe Herausforderung für den Reliabilismus wurde von Laurence BonJour (1980) in Bezug auf einen hypothetischen Hellseher namens "Norman" vorgebracht. Norman hat eine vollkommen zuverlässige hellseherische Fähigkeit. Aber er hat keine Beweise oder Gründe für oder gegen die allgemeine Möglichkeit einer hellseherischen Kraft oder für oder gegen seine Fähigkeit zum Hellsehen. Eines Tages erzeugt Normans hellseherische Fähigkeit in ihm den Glauben, dass der Präsident derzeit in New York City ist, aber ohne begleitende wahrnehmungsähnliche Erfahrung, nur der bloße Glaube selbst.

Intuitiv, so BonJour, ist Norman nicht berechtigt, an diesem Glauben festzuhalten. Der Reliabilismus scheint aber etwas anderes zu implizieren. Da Normans hellseherische Kraft eine hohe Wahrheitshäufigkeit hat, muss seine Überzeugung gerechtfertigt sein. Die reliabilistische Analyse scheint hier also unzufriedenstellend. Reliabilisten haben verschiedene Antworten auf diese Herausforderung angeboten. Eine einfache ist es einfach zu behaupten, dass Norman doch in seiner Überzeugung gerechtfertigt ist. Dass viele dies intuitiv nicht glauben, liegt nur daran, dass wir nicht glauben, dass es überhaupt zuverlässige Hellseherei gibt. Wir können einen strukturell-ähnlichen Fall erstellen, in dem ein Computer aus den Nachrichten die Information hat, dass der Präsident derzeit in New York ist und die entsprechende Überzeugung bei Norman erzeugt. Personen mit ohnehin schon reliabilistischen Intuitionen würden nun sagen, dass Norman gerechtfertigt ist zu glauben, dass der Präsident in NYC ist.

3.3. Paradigmatisch verlässliche Prozesse

Wenn jemand auf eine bestimmte Weise M zu einer wahren Überzeugung kommt, dann gibt es immer einen verlässlichen Prozesstyp, für den gilt: Pr = 1.

Beispiel: Max Uhr ist vor t Stunden stehengeblieben. Dann gelangt Max mit einer Wahrheitshäufigkeit von W = 1 zu einer korrekten Überzeugung p, wenn er nach t + 24 Stunden auf seine Uhr sieht. Dieser Prozess fällt unter die folgenden Typen:

· (a) auf die Uhr schauen
· (g) auf eine stehengebliebene Uhr schauen.
· (h) genau zu der Zeit auf eine stehengebliebene Uhr schauen, zu der sie stehengeblieben ist.

Offensichtlich ist der letzte Prozesstyp nach dem einfachen Reliabilismus zuverlässig. Denn er führt mit w= 1 zu einer wahren Überzeugung.  Kritiker finden dieses Urteil fragwürdig, da (h) paradigmatisch nicht-verlässlich sei. Zu paradigmatisch nicht-verlässlichen Prozesstypen gehören:

· (i) die Uhrzeit raten.
· (j) Kaffeesatzlesen.
· (k) die Karten befragen.

Zu den paradigmatischen verlässlichen Prozesstypen gehören dahingegen:

· (e) auf eine korrekt gehende Armbanduhr schauen.

· (l) auf die Cäsium-Atomuhr CS2 in Braunschweig schauen.

Laut den Kritikern muss ein Prozesstyp also paradigmatisch-verlässlich sein.

Eine verbesserte reliabilistische Theorie müsste also lauten:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
W1: p wahr ist,
W2: S glaubt, dass p, und
W3V´´: S’ Überzeugung, dass p, auf einen Prozess, der auf einen paradigmatisch verlässlichen Prozesstyp m zur Erzeugung von Überzeugungen beruht.

Dagegen lässt sich dieses Beispiel anführen: Der Person "Truetemp" wird bei einem neurochirugischen Eingriff ein kleines Gerät eingesetzt, dass sehr genau die Uhrzeit wiedergibt und Truetemps Überzeugungen über die Uhrzeit erzeugt. Truetemps Überzeugungen über die Uhrzeit sind also wahr und beruhen auf einem paradigmatisch verlässlichen Prozesstyp. Trotzdem weiß Truetemp nichts über das Gerät in seinem Kopf oder woher seine Uhrzeitüberzeugungen kommen.

Ist es dann angemessen zu sagen, dass Truetemp weiß, wie viel Uhr es ist?

3.4. Das "Allgemeinheitsproblem"

Das vielleicht am häufigsten diskutierte Problem des Prozessreliabilismus ist das Allgemeinheitsproblem. Eine bestimmte Überzeugung ist immer das Produkt eines konkreten Prozesses. Ein solches Prozesstoken kann auf viele unterschiedliche Arten typisiert werden. Beispielsweise kann die Überzeugung von Max in Bezug auf die Uhrzeit auf die Weisen (a), (g) und (h) typisiert werden.

Das Allgemeinheitsproblem stellt sich in der Frage, wie sich das "richtige" Allgemeinheitsniveau auf nicht-willkürliche Art und Weise bestimmen lässt.[2]

Es ist besonders in solchen Fällen kritisch, in denen die Wahl der Charakterisier-ung der Methode zu stark abweichenden Ergebnissen führt. In solchen Fällen scheint der Reliabilismus einfach offen zu lassen, ob Wissen vorliegt oder nicht.

Fußnoten

[1] Weil es im Folgenden fast ausschließlich um den Prozessreliabilismus geht, nenne ich diesen der Kürze halber "Reliabilismus".

[2] Dieses Problem ist verwandt mit dem statistischen Problem der einschlägigen Referenzklasse.

Siehe auch

Allgemeines

Philpapers

Stand: 2022

Kommentare: 2
  • #2

    Annabell (Freitag, 15 März 2024 09:31)

    Sarah Frost wird heute 16, bitte alle unter der Telefonnummer 01639287116 gratulieren!

  • #1

    Philoclopedia (Sonntag, 16 Oktober 2022 03:44)

    Aus Stathis Psillos - Philosophy of Science A - Z:

    Reliabilism: Approach to justification and knowledge according to which a belief is warranted if it has been produced by a reliable process or method. It has been defended by Armstrong and Alvin Goldman (born 1938) and has been an important part of naturalised epistemology. Reliability is taken to be an objective property of a cognitive process of method, in virtue of which the belief-forming process or method generates true beliefs. On this approach, it is enough that a belief has been the product of a reliable method for it to be justified; there is no further requirement that the reliability of the process or method is independently proven or justified; nor that the believer has independent reasons to take the belief to be justified. Reliabilism shifts the focus of epistemology from the cognising subject and its transparent mind to the natural processes and methods by which knowledge can be gained and sustained. Critics of reliabilism argue that the reliability of a process or method is not enough for the justification of a belief because the justification of a belief has to do with what the believer does to acquire warranted beliefs, and hence with what kinds of reasons she demands or provides. See Naturalism Further reading: Goldman (1986)


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