Kausalität

Kausalität (von lat. causa) ist eine Relation zwischen Ursache und Wirkung.

Eine Ontologie der Kausalität muss nun drei Grundfragen beantworten:

1. Kausalrelata: Von welcher ontologischen Art sind Ursache und Wirkung?

2. Kausalrelation: Von welcher ontologischen Art ist die Kausalrelation?

3. Kausale Existenz: Gibt es Kausalität? D.h. Gibt es eine solche ontologische Art von Beziehung zwischen solchen Entitäten in der Welt?

Ein paradigmatisches Beispiel für Kausalität:

U: Eine weiße Billardkugel stößt gegen die Neuner-Kugel.

W: Die Neuner Kugel rollt daraufhin weg.

Viele Autoren behaupten, dass zwischen U und W eine Kausalrelation besteht. Ihre Ontologien der Kausalität kann daher an diesem Beispiel illustriert werden.

1. Kausalrelata

Esfeld: Wenn es um Kausalität geht, ist es erforderlich, einen noxch feingliedrigeren Ereignisbegriff zu verwenden: Man kann eine einzige physikalische Eigenschaft, die an einem Punkt der Raumzeit auftritt, als ein Ereignis ansehen. In diesem Sinne kann es mehrere Ereignisse am gleichen Punkt der Raumzeit geben. Wir brauchen diese feingliedrigere Konzeption von Ereignissen, um die kausal relevanten Faktoren präzise angeben zu können. Betrachten wir ein einfaches Beispiel: Das Mittagessen ist verbrannt. Die Ursache dafür ist die Hitze der Herdplatte und nicht die Farbe, obwohl beide im gleichen Gebiet der Raumzeit auftreten.

1Kausalrelata: Von welcher ontologischen Art sind Ursache und Wirkung?

Es gibt zwei grundsätzliche Antwortmöglichkeiten auf die erste Grundfrage:

1.1Ursache & Wirkung sind raumzeitliche, d.h. konkrete Entitäten.

1.2. Ursache & Wirkung sind nicht-raumzeitliche, d.h. abstrakte Entitäten.

1.1. Kausalrelata als konkrete Entitäten

Es gibt ein grundsätzliches Argument dafür, dass Kausalrelata Konkreta sind:

P1. Ursache und Wirkung interagieren miteinander.

P2. Nur konkrete Entitäten können miteinander interagieren.

K1. Ursache und Wirkung sind konkrete Entitäten.

Einwand: Ein Anhänger der Humeschen Metaphysik kann P1. bestreiten. Er kann z.B. behaupten, dass Ursache und Wirkung nicht interagieren, sondern statt-dessen nur regelmäßig miteinander auftreten oder kontrafaktisch voneinander abhängen. Das kann dann auch auf abstrakte Entitäten wie Tatsachen zutreffen.

Wenn man das Interaktionsargument aber akzeptiert, stellt sich die Frage, welche ontologische Unterart von konkreten Entitäten Ursache und Wirkung sind.

KandidatenDiese konkreten Entitäten wurden u.a. als Kausalrelata diskutiert:

a. Objekte (Aristoteles[AR][KR1])

b. Zustände (KR2)

c. Tropen (Ehring 1997).

d. Ereignisse (Davidson, Kim, Lewis)[DKL]

a. Objekte

Aristoteles war der Auffassung, dass Ursache und Wirkung Objekte sind.[AR]

Beispiel: Die weiße Billard-Kugel soll also die Ursache für die Neuner-Kugel sein.

Kritik: Objekte sind raum-zeitlich zu stark ausgedehnt.[TA] Die Ursache in  B-1 ist ja nicht die ganze weiße Billardkugel, sondern nur ihr Zusammenstoßen. Und die Wirkung ist auch nicht die Neuner-Kugel, sondern deren Wegrollen.

 

b. Zustände

Einige Autoren sind der Auffassung, dass Ursache und Wirkung Zustände sind.

Beispiel: Der Zustand der weißen Billardkugel in der Raumzeitstelle des Stoß-es soll die Ursache für den Zustand der Neuner-Billardkugel nach dem Stoß sein.

Kritik: Zustände sind raum-zeitlich zu wenig ausgedehnt und sie können keine Kausalerklärungen liefern. Die Ursache im Beispiel ist nicht der Zustand der weißen Kugel, sondern ihr Zusammenstoß mit der Neuner-Kugel. Und die Wirkung ist nicht der Zustand der Neuner-Billardkugel in der Raumzeitstelle nach dem Stoß, sondern ihr Wegrollen, das sich auf mehrere Raumzeitstellen erstreckt!

c. Ereignisse

David LewisDonald DavidsonJaegwon Kim und gegenwärtig wohl die meisten Autoren vertreten die Ansicht, dass Kausalrelata Ereignisse sind.[DKL]

Beispiel: Das Ereignis des Zusammenstoßes der weißen Billardkugel mit der Neuner-Kugel ist die Ursache. Und ihre Wirkung ist das Ereignis des Wegrollens der Neuner-Billardkugel.

Wenn man Kausalrelata als Ereignisse akzeptiert, kann man natürlich noch weiter fragen, was den Ereignisse (als Kausalrelata) ontologisch sind.

Kandidaten: Diese Ereigniskonzeptionen werden u.a. als Kausalrelata diskutiert:

c1. realisierte Mengen von Eigenschaften (Jaegwon Kim).[JK][K1]

c2. raumzeitlich lokalisierte Entitäten (Myles Brand).[MB][K2]

c3. raumzeitlich datierte Zustandsveränderungen (Donald Davidson).[DoD]

Esfeld: Man kann Kausalität als eine Beziehung zwischen Ereignissen auffassen. Jedes Ereignis hat jedoch mehrere Eigenschaften (vgl. die Einführung des Ereignisbegriffs zu Beginn von Kapitel 2.1). Wenn zwei Ereignisse in einer Ursache-Wirkungs-Relation stehen, stellt sich daher die Frage, aufgrund welcher Eigenschaften der betreffenden Ereignisse die Kausalbeziehung besteht (vgl. Horgan 1989). Die Hitze und die Farbe der Kochplatte sind zum Beispiel Eigenschaften desselben Ereignisses. Nur die Hitze ist jedoch dafür ursächlich, dass das Essen verbrannt ist. Der Einfachheit halber werde eich daher von Kausalbeziehungen zwischen Eigenschaften sprechen, womit jedoch Kausalbeziehungen zwischen Ereignissen aufgrund bestimmter ihrer Eigenschaften gemeint sind. Laut der vierdimensionalen Ontologie, die in Kapitel 2.1 vorgeschlagen wurde, besteht kein Unterschied zwischen Ereignissen bzw, Ereignisfolgen (Prozessen) und Objekten. Eigenschaften sind je einzelne Weisen (Modi), wie die Ereignisse oder Objekte sind (siehe Kapitel 4.1.).

b. Kausalrelata als abstrakte Entitäten

Es gibt ein grundsätzliches Argument dafür. dass Kausalrelata Abstrakta sind:

P1. Eine Ursache kann in der Abwesenheit von etwas bestehen.[Bsp]

P2. Nur abstrakte Entitäten können raumzeitlich abwesend sein.
K1. Ursache (und Wirkung) sind abstrakte Entitäten.

Einwand: Siehe meine ausführliche Kritik am Konzept der negativen Kausalität.

Wenn man das Abwesenheitsargument akzeptiert, stellt sich die Frage, welche  ontologische Unterart von abstrakten Entitäten Ursache und Wirkung sind.

do not want to take sides in the debate about what the relata of singular causation are: whether they facts (Mellor 1995), states of affairs (Armstrong 1997)

(b) Abstrakta: nehmen keine Raum-Zeit-Stellen ein

– Beispiele: Universalien, Merkmale (Dretske 1977: «features»), Tatsachen als wahre Propositionen

(Bennett 1988, Mellor 1995, Armstrong 1998: «states of affairs»)

– Abstrakta kommen nicht als kausale Relata in Frage, weil sie keine Antwort darauf liefern, warum etwas an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt passiert.

c. Zwischenfazit

Presuppositions: Both the dispute over the category and over the number and role of the causal relata involve presuppositions of uniqueness. As to category, the dispute presupposes that there is a unique category of entity from which all causal relata must be drawn. Yet, it might be argued, ordinary language allows for the relata to be described in eventive (imperfect nominal), factive (perfect nominal), and other forms (Mackie 1974, Vendler 1984, Bennett 1988). Why not take ordinary language at its word, and let a thousand relata bloom?

As to number and role, the dispute presupposes that there is a unique number that is the adicity. Yet, it might be argued again, ordinary language allows for causal attributions with and without causal alternatives or effectual differences (Hitchcock 1996). Why not take ordinary language at its word, and let causation go multigrade?

There are two main arguments in defense of uniqueness, the first of which is that it staves off ambiguity (Menzies 1989a). If there were four choices for two relata, it might seem that there would be 24=16 “causal” relations (and more if there were more choices and/or relata and/or adicities). That said, it is unclear why there couldn't be a single causal relation (univocally denoted by “causation”) which allowed different types of relata. The identity relation, for instance, can relate items of any ontological category.

The second argument for uniqueness is that it precludes a mysterious harmony (Mellor 1995). If there were a plurality of event causes and fact causes and the like, some metaphysical harmony would be needed amongst them, for surely they could not conflict. That is, it seems that the event of the cue ball's striking the nine ball, and the fact that the cue ball struck the nine ball, must have comparable effects. But without a unique underlying causal relation, there would seem to be nothing keeping these effects aligned. That said, perhaps a plurality of causal relations could be harmonized, provided either (i) one were fundamental and the others derivative, or (ii) all were derivative from a common non-causal basis, such as the regularities among the events.

2. Kausalrelation

Esfeld:

1. Kausalität als extrinsische Relation: Ob zwischen zwei Eigenschaften, die raumzeitlich aufeinander folgen, eine Ursache-Wirkungs-Beziehung besteht, hängt nicht von diesen Eigenschaften selbst ab, sondern davon, welche Eigenschaften anderswo in der Welt auftreten. Denn Kausalbeziehungen hängen von Naturgesetzen ab, und die Naturgesetze hängen wiederum von der Verteilung der physikalischen Eigenschaften in der gesamten Raumzeit ab.

2. Kausalität als kontingente Relation: Die Eigenschaft, die Ursache ist, bringt die Eigenschaft, die Wirkung ist, nicht hervor. Das Auftreten der Ursache-Eigenschaft ist nicht der Grund der Existenz für das Auftreten der Wirkungs-Eigenschaft. Beides sind rein kategoriale Eigenschaften. Es gibt keine notwendigen Verbindungen in der Welt. Kein Auftreten einer Eigenschaft in der Welt hat den Grund seiner Existenz in dem Auftreten anderer Eigenschaften in der Welt.

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Die wesentliche, für die Humesche Metaphysik charakteristische Annahme ist die zweite. Die erste Annahme wird zwar de facto von mehr oder weniger allen expliziten Vertreten einer Humeschen Metaphysik geteilt, ist aber nicht essenziell für diese Position.

Humesche Metaphysik: Ebenso wie die Naturgesetze supervenieren auch die Kausalbeziehungen auf der Verteilung der physikalischen Eigenschaften in der gesamten Raumzeit. Indem die fundamentalen physikalischen Eigenschaften rein kategorial sind, haben sie keinerlei kausale Kraft. Anders ausgedrückt: Keine physikalische Eigenschaft enthält die Disposition, weitere Eigenschaften - derselben Art oder von anderer Art - hervorzubringen, indem sie der Grund von deren Existenz ist. Keine fundamentale physikalische Eigenschaft hat einen Existenzgrund; die gesamte Verteilung der fundamentalen physikalischen Eigenschaften muss als ursprünglicher Ausgangspunkt akzeptiert werden. Kausalität ist keine Beziehung zwischen einzelnen Eigenschaften in der Welt für sich genommen; ob zwischen zwei Eigenschaften - im Sinne zweier einzelner Vorkommnisse von Eigenschaften (Modi)  eine Kausalbeziehung besteht, ist erst durch die gesamte Verteilung der Eigenschaften in der Welt festgelegt.

Regularitätstheorie: Folglich hängt die Antwort auf die Frage, ob zwei raumzeitlich benachbarte Ereignisse in einer Ursache-Wirkung-Beziehung stehen, nicht von der Beschaffenheit dieser Ereignisse selbst ab, sondern davon, ob Ereignisse der gleichen Typen regulär raumzeitlich aufeinander folgen. Mit anderen Worten: Es hängt davon ab, ob es ein Naturgesetz gibt, das die betreffenden Ereignistypen miteinander verbindet. Hume reduziert auf diese Weise Kausalität auf die regelmäßige Abfolge von Ereignissen der gleichen Typen. Diese Regularitäten sind durch die Verteilung der physikalischen Eigenschaften in der Raumzeit festgelegt. àHUMESCHE METAPHYISK.

Fußnoten

[AR] Aristoteles, Metaphysik ———, Physik

[TA] Personen (Taylor 1966)

[DKL] (Davidson 1967, Kim 1973, Lewis 1986)

[JK] (Kim 1976)

Tropen (Campbell 1990: «tropes» als konkret realisierte Eigenschaften wie «die Röte dieser Tomate»), Tatsachen als konkrete Situationen (Menzies 1989: «situations», Moore 2009: «facta»)

[DoD] (Davidson 1995, Lombard 1986)

[EI1] Prämisse 1 setzt stillschweigend eine anti-humesche Metaphysik voraus, nach der Ursache und Wirkung notwendig miteinander interagieren. Einen Humeaner überzeugt das Interaktionsargument nicht. Er kann z.B. behaupten, dass es sich bei Ursache und Wirkungen um Tatsachen und damit um abstrakte Objekte handelt. Und dass diese regelmäßig miteinander auftreten oder kontrafaktisch voneinander abhängen.

[K1] Kurze Kritikkeine Identitätskriterien für Ereignisse; keine klare Trennung zwischen Verursachung und kausaler Erklärung.

[K2] Kurze Kritik: Wie kann man dann Ereignisse von Objekten unterscheiden?

iiiDonald Davidson[DoD] vertritt, dass es raumzeitlich datierte Zustandsveränderungen von Objekten sind: Ereignisse sind raum-zeitlich ausgedehnt. Sie sind Individuen, nicht aber mathematische Punkte, in denen nichts passieren kann, weil sie ausdehnungslos sind. Ereignisse können wiederum Ereignisse enthalten («das Endspiel» enthält «die erste Halbzeit» enthalt «den Eckstoß» enthält «den Schuss» enthält «die Muskelkontraktion»).

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Stand: 2018

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