Mentale Zustände

Der Begriff "mentale Zustände" bezeichnet insb. WahrnehmungenGedanken und Empfindungen. Er wird oft synonym zu "mentale Eigenschaften" verwendet.

Es gibt jedoch keine einheitliche Definition mentaler Zustände, was die Frage aufwirft, ob die aufgezählten Sachverhalte tatsächlich etwas gemeinsam haben, oder nur fälschlicherweise unter Begriffen wie Mentales, Psychisches oder Geistiges subsumiert werden.

Folgende charakteristische Merkmale mentaler Zustände wurden bzw. werden (insbesondere auch in Abgrenzung zu physikalischen Zuständen) diskutiert:

1. Bewusst

Dass ein mentaler Zustand M bewusst ist, kann zumindest zweierlei heißen. 

Es kann erstens heißen, dass eine Person, die im mentalen Zustand M ist, auch weiß, dass sie in M ist. Spätestens seit Freuds "Entdeckung des Unbewusstsen" ist aber klar, dass nicht alle mentalen Zustände in diesem Sinne bewusst sind.

2. Phänomenologisch

Bewusst kann zweitens aber auch heißen, dass der Zustand M einen phänomenalen Charakter besitzt, d.h. dass es sich auf eine bestimmte Weise anfühlt, in diesem Zustand zu sein (Qualia).

Es ist jedoch unklar, ob auch bestimmte geistige Zustände mit propositionalem Gehalt, wie Meinungen, Wünsche oder Hoffnungen, einen phänomenalen  Charakter besitzen (vgl. Horgan und Tienson 2002).

3. Intentional

Ein Phänomen wird intentional genannt, wenn es sich auf etwas anderes bezieht bzw. wenn es einen intentionalen Gegenstand oder einen semantischen Inhalt hat. Wenn wir glauben, glauben wir etwas, wenn wir wünschen, wünschen wir etwas, wenn wir befürchten, befürchten wir etwas, usw. In diesem Sinne sind also Überzeugungen, Wünsche und Befürchtungen intentional.

Die These, dass Intentionalität in diesem Sinn das entscheidende Merkmal des Mentalen ist, das diesen Bereich unzweideutig vom Bereich des Physischen abgrenzt, wurde besonders von Franz Brentano vertreten. Es ist aber durchaus zweifelhaft, dass tatsächlich alle mentalen Phänomene über dieses Merkmal verfügen. Den wenn ich mich z.B. unwohl fühle, wenn ich nervös, erfreut oder einfach erschöpft bin, dann haben diese Zustände zwar in der Regel einen Grund oder Anlass, aber sie sind nicht auf diesen Grund gerichtet, sie haben ihn nicht als intentionalen Gegenstand.

4. Unkorrigierbar

Wenn alle mentalen Zustände im ersten der beiden genannten Sinne bewusst wären, dann wäre uns unser mentales Leben in dem Sinne durchsichtig, dass uns keiner unserer mentalen Zustände entgegen könnte. Es würde generell gelten: Wenn eine Person im mentalen Zustand M ist, dann weiß sie auch, dass sie in M ist. Unkorrigierbarkeit ist in gewisser Weise das Gegenstück zur Durchsichtigkeit des Mentalen. Denn wenn unser Wissen über unsere mentalen unkorrigierbar wäre, dann würde das heißen, dass wir uns in diesem Bereich nicht irren können, dass also generell gilt: Wenn eine Person glaubt, in einem mentalen Zustand M zu sein, dann ist sie auch in M.

Der Umstand, dass wir uns über unsere eigenen mentalen Zustände täuschen und irren können, zeigt, dass Unkorrigierbarkeit kein allgemeines Merkmal mentaler Zustände ist. Natürlich kann sich jemand z.B. darüber irren, dass er in eine andere Person verliebt ist, dass er ehrgeizig ist oder dass er gerade versucht, seinen Nachbarn zu beeindrucken. Es ist sogar zweifelhaft, ob es auch nur einen mentalen Zustand gibt, der in diesem Sinne unkorrigierbar ist.

5. Nicht-räumlich

Die Annahme, dass das Mentale im Gegensatz zum Physischen nicht-räumlich ist, hat nur einen Sinn, wenn man das Mentale für nicht auf das Physische reduzierbar hält (also einen nichtreduktiven Physikalismus oder Substanzdualismus vertritt). Denn wenn mentale Zustände auf bspw. neuronale oder funktionale Zustände reduzierbar sind, lassen sie sich sehr wohl im Raum verorten.

Ansgar Beckermann argumentiert weiterhin, dass der Bereich des Mentalen als einen Bereich von Gegenständen aufgefasst werden müsste. Denn von Eigenschaften oder Zuständen zu sagen, sie seien nicht-räumlich, ist ebenso sinnlos wie zu sagen, sie seien räumlich. Unabhängig von der Frage, ob es überhaupt mentale Gegenstände gibt, gilt diese Annahme für Beckermann also sicher nicht für den gesamten Bereich des Mentalen.

6. Privat

Privatheit ist das meistdiskutierte charakteristische Merkmal des Mentalen. Dabei ist die Annahme, mentale Phänomene seien privat, ebenso vieldeutig wie umstritten.

Grundsätzlich kann man sagen, dass etwas – sagen wir x – privat ist, wenn sein Besitzer eine privilegierte Beziehung zu x hat, d.h. eine Beziehung, die kein anderer zu x hat oder haben kann. Die Frage ist allerdings, wie diese besondere Beziehung zwischen einer Person und ihren mentalen Zuständen genau definiert werden kann:

·        Ein erster Sinn von ‹privat› wird deutlich in Aussagen wie «Mehrere Personen können dasselbe Auto besitzen. Aber meine Schmerzen kann nur ich haben». Es ist jedoch fraglich, ob diese Art von Privatheit auf Mentales beschränkt ist. Denn in demselben Sinne kann man auch sagen «Meine Grippe kann nur ich haben». Eine andere Person kann die gleiche Krankheit haben, aber nicht meine Grippe. Genauso kann eine andere Person die gleichen Schmerzen haben wie ich, aber nicht meine Schmerzen.

·        Ein verwandter, aber doch verschiedener Sinn von ‹privat› zeigt sich in der Aussage «Nur ich kann meine Schmerzen fühlen». Diese Aussage wird oft damit in Zusammenhang gebracht, dass wir zu unseren mentalen Zuständen einen privilegierten epistemischen Zugang haben. Dies mag durchaus sein; aber es ist fraglich, ob es für alle mentalen Zustände in derselben Weise gilt.

·       Ein dritter – auf noch deutlichere Weise epistemischer – Sinn von ‹privat› ergibt sich aus der Aussage «Nur ich kann wissen, ob ich Schmerzen habe; andere können dies höchstens vermuten». Auch dies ist umstritten. Wittgenstein etwa hat nachzuweisen versucht, dass eine solche Aussage der Grammatik des Wortes ‹wissen› widerspricht.

·        Viertens schließlich sehen viele einen engen Zusammenhang zwischen der Privatheit mentaler Zustände und ihrer subjektiven Qualität, d.h. der schon erwähnten Tatsache, dass zumindest einige mentale Zustände dadurch charakterisiert sind, dass es sich auf eine bestimmte Weise anfühlt, in diesen Zuständen zu sein. Denn dieser qualitative Charakter ist, wie manche sagen, mit einer bestimmten Erfahrungsperspektive (einem bestimmten point of view) verbunden. Zu verstehen, was es heißt, in einem solchen Zustand zu sein, setzt voraus, dass man selbst bestimmte Erfahrungen machen und insofern eine bestimmte Erfahrungsperspektive einnehmen kann. Bei objektiven Zuständen, z.B. dem Zustand, 80 kg schwer zu sein, ist das anders. Jedermann kann verstehen, was es heißt, in diesem Zustand zu sein; hier ist das Verständnis nicht an eine bestimmte Erlebnisperspektive gebunden.

7. Schlussbemerkungen

Es ist gar nicht so einfach, ein notwendiges Merkmal für das Vorliegen von mentalen Zuständen zu finden. Es wird aber diskutiert, dass Qualia und  Intentionalität hinreichende Bedingungen für mentale Zustände sein könnten. Das heißt: Nicht alle mentale Zustände sind qualitativ und intentional, aber alle mentalen Zustände sind qualitativ oder intentional bzw. alles, was qualitativ und / oder intentional ist, ist ein mentaler Zustand.

Natürlich ist die hier präsentierte Liste nicht vollständig. Ein weiterer Vorschlag besteht bspw. darin, mentale Zustände als präsent, d.h. stets zeitlich unmittelbar (erlebt) zu charakterisieren. Da aber, wie gesagt, nicht alle mentale Zustände bewusst erlebt werden, ist auch dieser Vorschlag kontrovers. Und obwohl keines dieser hier diskutierten Merkmale unumstritten ist, hilft uns die bloße Benennung und Diskussion dieser Merkmale bereits, mehr und v.a. geschickter über das Alltäglichste und eines der rätselhaftesten Phänomene der Welt nachzudenken: mentale Zustände.

Hauptliteratur

Ansgar Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. 2008.

Siehe auch:

Stand: 2017

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Freitag, 10 November 2017 01:31)

    Wenn von Schmerzerlebnissen die Rede ist, stellt sich zunächst die Frage: Bezeichnen Erlebnisse wie Kopfschmerz, Zahnschmerz und Halsschmerz überhaupt eine gemeinsame als Schmerz bezeichnete Qualität, wobei die wesentlichen Unterschiede nur die erlebte Lokalisation und die Intensität betreffen? Eigenschaften wie pochend, schneidend oder brennend sind dann von eher untergeordneter Bedeutung und geben dem Erlebnis nur ein zusätzliches Gepräge. Oder ist die tatsächliche Erlebnisverwandschaft, trotz der gemeinsamen Vokabel Schmerz, eher gering, sodass durchaus verschiedene Erlebnisformen lediglich unter einem Wort zusammengefasst und "mentalisiert" werden? Dabei haben wir die Beziehungen der primär dem Körper zugewiesenen Schmerzen zu anderen Erlebnisformen, wie beispielsweise dem Trennungsschmerz oder breiten Palette sogenannter somatoformer Schmerzen noch gar nicht einbezogen. Auch sind die individuellen Ausgestaltungen, wie wohl bei den meisten Erlebnissen, so zahlreich wie die Individuen selbst.


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